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StartseiteBücher für junge Leser"Mit uns selbst ehrlich zu sein, ist das Wichtigste"11.08.2018

Schriftstellerin Lauren Wolk"Mit uns selbst ehrlich zu sein, ist das Wichtigste"

"Überall wohin ich schaue, sehe ich Ungeduld und moralische und ethische Trägheit", sagte die Kinderbuchautorin Lauren Wolk im Dlf. Sie kritisierte, dass wir zu viel Zeit mit unbedeutenden Dingen verbrächten. Was zähle, sei Menschlichkeit, so Wolk.

Lauren Wolk im Gespräch mit Ute Wegmann

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Lauren Wolk über das Schreiben und ihre Heimat am Meer (dpa - picture alliance / ZB - Nico Esch/dtv (Montage: Deutschlandradio) )
Lauren Wolk über Wahrheit, Religion und das Meer (dpa - picture alliance / ZB - Nico Esch/dtv (Montage: Deutschlandradio) )
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Geboren 1959 in Maryland lebt Lauren Wolk an der Ostküste der USA. In diesem Jahr gewann sie den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Sie spricht über die Bedeutung der Religion, über Wahrheitsfindung und den Prozess des Schreibens.

Ute Wegmann: Mit Ute Wegmann und der diesjährigen Gewinnerin des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises, der Amerikanerin Lauren Wolk. Sie ist Poetin, Künstlerin, Schriftstellerin, stellvertretende Direktorin am Cultural Center of Cape Cod an der Ostküste – wo sie mit ihrer Familie lebt. Geboren wurde sie 1959 in Baltimore, Maryland. Preisgekrönt sind ihre Romane.
Ins Deutsche übertragen erschienen "Das Jahr, in dem ich Lügen lernte" – das Preisbuch - und "Eine Insel zwischen Himmel und Meer". "Those who Favor Fire "wendet sich an ein erwachsenes Publikum, ebenso der noch unveröffentlichte Roman "Forgiving Billy Pilgrim".

Lauren Wolk, Sie bereisen zum ersten Mal Deutschland, aus einem ehrenvollen Grund. Die Deutsche Bischofskonferenz, die diesen Preis seit 1979 vergibt, hat mit einer zehnköpfigen Jury unter dem Vorsitz von Weihbischof Brahm getagt und aus 280 eingesandten Titeln Ihr Buch ausgewählt. Ihr Werk ist preisgekrönt – das Gewinnerbuch war Newberry Honor Book in 2017 und Ihr zweites Buch "Eine Insel zwischen Himmel und Meer" hat den Scott O’Dell Book Award gewonnen, Sie sind außerdem in diesem Jahr für den DJLP nominiert mit "Das Jahr, in dem ich lügen lernte". Welche Bedeutung hat der Preis für Sie?

Deutsche Wurzeln

Lauren Wolk: Dieser Preis ist aus vielen Gründen ganz wichtig für mich. Zum einen habe ich Wurzeln in Deutschland und es fühlte sich an, als käme ich nach Hause, und so ist ja es tatsächlich auch. Und dann einen herzlichen Dank an meine Übersetzerin Birgitt Kollmann und meine Verlage Hanser und dtv und alle anderen, die mich in Deutschland so freundlich aufnehmen: Ich erreiche so ein größeres Publikum, vor allem unter den jungen Leuten. Dass ist das, was sich Schriftsteller und Autoren wünschen, mit einem größtmöglichen Publikum in Kommunikation zu treten, um das, was uns wichtig ist, zu teilen. Für mich ist das Buch vergleichbar mit meinem Herzschlag und so viele Menschen in Deutschland zu erreichen, ist wundervoll.

Wegmann: Beispielhaft und altersgemäß sollen religiöse und christliche Lebenshaltungen vermittelt werden, das gehört zu den Statuten des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises. Die Transzendenz der Religion soll erkennbar sein. Ihr Buch spielt im Jahr 1943. Auf dem Land, auf einer Farm. Religion prägte damals das Leben der Menschen sicherlich mehr als heute. Was bedeutet Religion für Lauren Wolk?

Starke Familien und Wahrheitsfindung

Wolk: Religion bedeutet für mich Verschiedenes. Ich habe einen tiefen Glauben, ich bete jeden Tag. Es ist mir sehr wichtig durch mein Schreiben und die Art und Weise, wie ich lebe, zu vermitteln, dass ich daran glaube, dass wir alle eine Bestimmung haben, dass wir alle mit einem höheren Wesen, einem Sein verbunden sind, dass es eine Menge Dinge gibt, die wir nicht begreifen, aber dass mögliche Wunder und ein Leben außerhalb dieses Lebens, das wir kennen, für mich Gewissheit hat. Vor allem mit diesem Buch wollte ich vermitteln, dass die Menschen auf dieser Welt aufeinander aufpassen sollten und ihren Überzeugungen folgen sollten. Und ich hoffe, dass es mir gelang, eine Familie zu erschaffen, die zeigt, wie man anständig, gut, freundlich und achtsam und mutig ist, und demzufolge sind sie religiöse Menschen.

Wegmann: Das erste Mal in Deutschland. Sie sind sehr an Geschichte interessiert, das weiß man, wenn man Ihre beiden Romane gelesen hat. Was interessiert Sie am meisten? Was werden Sie sich anschauen?

Wolk: Ich wusste nicht, was mich hier erwartet. Ich war gespannt aufgrund meiner familiären Verbindungen und der vielen Bilder und Geschichten, die ich kannte. Aber erst hier in Deutschland habe ich begriffen, wie gastfreundlich die Menschen hier sind und geduldig mit mir, da ich ja kein Deutsch kann. Und hier (Red:in Bonn) ist es gleichzeitig historisch und modern. Die Menschen sind interessiert daran Weltbürger zu sein, aber sind auch gleichzeitig stolz auf ihre (Hurditch)Herkunft, wie es sein sollte, und ich fühle mich hier sehr zuhause. Ich würde gern das ganze Land sehen und ich hoffe, dass ich noch ein paar Mal wiederkommen kann, um mehr zu sehen.

Wegmann: In Ihrem Roman lebt das Mädchen Annabelle mit den beiden jüngeren Brüdern auf einer Farm. Es scheint ein Paradies zu sein. Ein Landstreicher mit Namen Toby, der sich in der Nähe in einer Hütte niedergelassen hat und immer mit drei geschulterten Gewehren herumläuft, schwer traumatisiert vom Ersten Weltkrieg, ist die einzige Irritation. Aber man akzeptiert den Mann. Alles geht seinen Gang. Bis Betty auftaucht, Enkelin der Nachbarin, aufs Land verschickt, da sie als schwer erziehbar gilt. Plötzlich durchbricht etwas die Idylle, etwas Böses. Für Annabelle unbegreiflich. Es geht in Ihrem Roman vor allem um das Böse, um Wahrheit und Lüge und deren moralische Einordnung, um Vorurteile und in Folge letztlich um Mut und Gerechtigkeit. Kann man sagen, dass der Stoff, unter dem all diese Themen zusammen gefasst sind, das große Problem unserer Zeit ist: Was ist Wahrheit? Und auf welchen Wegen findet man sie, wenn es nicht um eindeutige Beweise geht?

Wolk: Die Wahrheit in dieser Welt zu finden, ist für uns alle eine enorme Herausforderung. Die einzige Möglichkeit es zu versuchen, ist unsere Augen weit zu öffnen, und ebenso unsere Seelen, unsere Herzen und unsere Gehirne, um aufnahmefähig zu sein und keine Angst zu haben vor dem, was wir entdecken könnten, und wir müssen anerkennen, dass Menschen komplexe Charaktere sind und vielschichtig. Und ich glaube, es ist nicht nur ein Fehler, sondern eine Sünde, dass wir uns gegenseitig aufgrund oberflächlicher Informationen beurteilen. Es ist notwendig, dass wir uns verstehen, kennenlernen, uns Zeit und Aufmerksamkeit schenken, sodass wir friedlich miteinander leben können. Andernfalls treffen wir Entscheidungen aufgrund unzureichender oder falscher Informationen, aufgrund von vorschnellen Urteilen oder Stereotypen. Das macht keinen Sinn, wir können nicht auf dieser Basis unser Leben führen, wir sollten so nicht unsere Beziehungen führen.

Wegmann: Zählt am Ende die Menschlichkeit?

Wolk: Menschlichkeit ist das was zählt. Überall wohin ich schaue sehe ich Ungeduld und moralische und ethische Trägheit. Ich kann nicht verstehen, dass wir so viel Zeit mit unbedeutenden Dinge verbringen und so wenig Zeit mit dem, was wirklich wichtig ist, wie zum Beispiel andere Menschen. Und wie wir durch die Welt gehen und wie viel besser alles wird, wenn man sich hilft. Es ist mir unbegreiflich, dass wir nicht alle unsere Energien darauf verwenden, Unstimmigkeiten aus dem Weg zu räumen und Brücken zu bauen.

Wegmann: Warum war es wichtig, den Roman ins Jahr 1943 zu legen, das Jahr, in dem in Europa der Zweite Weltkrieg herrschte und Amerika unter der Weltwirtschaftskrise litt?

Wolk: Ich habe das Buch vor allem in die Vierziger Jahre verlegt, weil die Geschichte von der Kindheit meiner Mutter inspiriert ist, und sie war Kind in den Vierziger Jahren. Und ihre Jugend war so inspirierend und atmosphärisch aufgrund der Ereignisse in der Welt. Obwohl sie auf einer einsamen Farm in Westpennsylvania ein ziemlich idyllisches Leben lebte, war niemand immun gegen all das, was auf der anderen Seite des Ozeans geschah. Und alle waren von den Ereignissen beeinflusst: Von der Gewalt, die überall herrschte, auch wenn es weit weg zu sein schien. Alles, was sie mir erzählte, wie sie Pflanzen pflückten, um sie zur Herstellung von Rettungswesten zur Navy zu schicken. Oder wie sie Glühwürmchen sammelten für die Soldaten, weil die leuchtenden Insekten als Signale in der Nacht verwendet wurden. Und obwohl sie noch sehr jung war, gaben diese Ereignisse ihr das Gefühl, auch an diesem Krieg teilzunehmen. Ich fand das faszinierend, dass sogar zu einer Zeit vor dem Internet, als Telefon und Elektrizität noch neu waren, sie sich mit der ganzen Welt verbunden fühlten. Und ich wollte eine Geschichte erfinden, in der ein junges Mädchen gleichzeitig mit der kleinen eigenen Welt kämpft und mit der anderen großen Welt um sie herum.

Ratlose Erwachsene

Wegmann: Mit Leichtigkeit erzählen Sie diese schweren Themen für junge Menschen, und daraus ergibt sich etwas sehr Spannendes, das man selten im Kinderbuch findet: Sie erschaffen Erwachsene, die fragende und sogar ratlose Menschen sind. Sogar Erwachsene, die sich täuschen können.

Wolk: Es ist ein Fehler, Erwachsene in der Kinderliteratur als desinteressierte oder furchteinflößende Menschen darzustellen. So oft führen Erwachsene in der Kinder- und Jugendliteratur ein ganz eigenes Leben, sind an den Kindern überwiegend nicht interessiert oder sogar brutal zu ihnen. Das ist nicht meine Wahrnehmung. Ich finde, es ist wichtig, Kindern durch die Literatur zu zeigen, wie eine starke Familie aussieht, wie starke gute Beziehungen zwischen den Generationen sein können. Es ist Arbeit, gute Beziehungen zu schmieden und zu erhalten, aber es lohnt sich. Weil Familien, die sich umeinander kümmern, sich respektieren, unabhängig vom Altersunterschied, sind Familien, in denen es viel Freude gibt. Auch wenn sie alle Fehler machen. Wir machen alle Fehler. Unsere Eltern, unsere Kinder auch. Das ist unsere menschliche Beschaffenheit. Wir sollten uns deshalb helfen und Lösungen für unsere Probleme finden.

Wegmann: Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Verbindung der Menschen zur Natur. Das zeigt sich in Annabelles Empathie, wenn sie sich an Großvaters Geschichten über die Wolfsgräben erinnert ("Wolf Hollows", der amerikanische Titel). Sie kann nicht fassen, dass man sogar Welpen getötet hat. Aber auch in den poetischen Landschaftsbeschreibungen von Blühendem. Und, nicht zu vergessen, die Art und Weise wie man über Lebensmittel und Mahlzeiten spricht. Der Hickorynusskuchen, der Braten mit Kartoffeln und Möhren, der Butternusskürbis auf dem Blech.

Auf Seite 107 heißt es: "Das Außergewöhnliche findet man in den einfachen Dingen." Ist das der Schlüssel zu einem zufriedenen Leben?

"Ich versuche, mein Leben einfacher zu gestalten"

Wolk: Henry David Thoreau sagte es richtig: "Vereinfache. Vereinfache. Vereinfache." Ich versuche, mein Leben einfacher zu gestalten, aber ich finde es schwierig. Wir alle leben doch in einer Art Chaos. Aber es gab eine einfachere Lebensweise, nicht so lange her, besonders für Farmer wie die Familie meiner Mutter. Und ich habe auf der Farm viel Zeit verbracht, bin dort groß geworden, und kam aus der Stadt an, und dann war es, als würde ich mein komplettes Leben abstreifen: Ich hab auf Knien Erdbeeren gepflückt oder in den Bäumen meines Großvaters Äpfel und Pfirsiche. Was immer es auch war, es war gute, ehrliche, einfache, wichtige Arbeit. Und die im wörtlichen Sinne Früchte unserer Arbeit zeigten sich, indem wir dann jeden Abend am großen Eichentisch in der Küche meiner Großeltern zusammen aßen. Das war ein Nachhause kommen im einfachsten und wunderbarsten Sinne: Ich war umgeben von Menschen, die ich liebte und die mich liebten, und wir teilten was wir gemeinsam geschaffen hatten, und das war idyllisch, das war wundervoll. Wir können das gemeinsam erreichen. Ich glaube, dass viele sich nach einem solch einfachen Leben zurücksehnen.

Wegmann: Zusammensitzen und zusammen essen, das taucht in ihrem Buch immer wieder auf. Und der wichtigste Aspekt überhaupt ist die Familie. Die Sicherheit der Familie. Der Zusammenhalt und die Akzeptanz, selbst wenn jemand schwierig ist wie die stark religiöse und sehr vorurteilsbehaftete Tante Lily. Hier sei die hervorragende Ausarbeitung aller Nebenfiguren erwähnt. Dass man die Hauptfiguren plastisch erlebt, dass Hauptfiguren lebendig werden, das findet man oft in guter Literatur, aber dass alle Nebenfiguren eigentlich Freunde werden könnten, dass man denkt, es sind Nachbarn, die kennt man, dass ist schon sehr ungewöhnlich.

Alle Charaktere müssen aus Fleisch und Blut sein

Wolk: Eins der Dinge, das ich beim Schreiben am meisten liebe, ist mich auf die Menschen in Raum und Zeit vollständig einzulassen. Und ich fühle mich dann so, als wäre ich zwischen ihnen, und wenn ich ein Buch beende, vermisse ich sie schrecklich. Ich vermisse den Ort, die Menschen und ihre Geschichten. Ich trauer richtig, dass ich keine Zeit mehr mit ihnen verbringen kann. Jetzt mit dir darüber zu sprechen, ist schön. Alle Charaktere in einer Geschichte müssen aus Fleisch und Blut sein, sonst fragt man sich, was sie da sollen. Und einige haben Kurzauftritte, kleine Auftritte, wie Mrs Snabbel, die die Telefonvermittlung betreibt. Sie hatte eine wichtige, aber kleine Rolle in der Geschichte. Und als ich sie mir vorstellte, sah ich ihre alten Augen, ihre Finger, die die Telefonleitungen einstöpseln, ich hörte ihre Stimme, und ich schlüpfte in ihre Haut und verstand sie für kurze Zeit. Und das macht die Schreiberfahrung so befriedigend. Ich behandle meine Charaktere, besonders die kleinen, als wären sie sehr wichtig.

Wegmann: "Das Jahr, in dem ich lügen lernte, preisgekrönter Roman, nominiert für den DJLP. Alle Angaben zu den Büchern finden Sie im Internet unter deutschlandfunk.de.
Zu Gast im Studio heute die amerikanische Schriftstellerin Lauren Wolk.

Die Familie steht auch in dem neuen Roman im Mittelpunkt: "Eine Insel zwischen Himmel und Meer". Ein Mädchen, Crow genannt, wurde als Baby moses-ähnlich an die Küste einer Insel gespült, von einem Mann gefunden, und zusammen hat er sie mit einer Frau von der Nachbarinsel großgezogen. Sowohl der Mann als auch das Mädchen sind Außenseiter. Crow versteht das nicht, möchte dazugehören, in die Schule gehen, Freunde finden. Sie beginnt nachzufragen, ist etwa zehn Jahre alt, will herausfinden, woher sie kommen könnte, ob ihre Eltern noch leben.

Eine Suche nach den Wurzeln, eine Geschichte über Identität?

Wolk: Diese Geschichte erzählt vor allem von einer Suche. Crow, das wundervolle Mädchen, sucht nach Antworten auf ihre Fragen, die ihre Vergangenheit betreffen, und sie will wissen, wohin sie gehört in dieser Welt. Osh, die Vaterfigur, hat Ähnliches erlebt, und er hat beschlossen, sich auf eine Art aus der Welt zurückzuziehen, während sie mehr ein Teil der Welt sein möchte. Das ist ihr großer Konflikt, obwohl sie sich sehr lieben. Und am Ende lernen sie voneinander, und niemand ist ihr näher, durch die Liebe und die Erfahrungen, die sie teilen. Ich habe dieses Buch meinem Vater gewidmet. Und während ich es schrieb, stellte ich fest, dass es um das Verhältnis von Vater und Tochter ging. Aber erst zum Schluss, als ich fertig war, stellte ich fest, dass es ein Liebesbrief an meinen großartigen Vater war.

Einzelgänger und Außenseiter

Wegmann: Neben diesem Aspekt ist das Buch sicher für junge LeserInnen auch interessant, weil es darum geht, Teil einer Gruppe zu sein. Irgendwie dazuzugehören, ein Jemand zu sein in einer Gemeinschaft.

Wolk: Teil einer Gemeinschaft zu sein, ist existenziell, auch für die unter uns, die Einzelgänger sind. Ich hab mich immer etwas anders gefühlt als meine Freunde. Als ich jung war, wollte ich das nicht, ich wollte so sein wie sie, ein Teil des Ganzen. Ich glaube, alle Kinder möchten das. Dazuzugehören ist so existenziell wie zu einer Spezies, einem Volk. Wir können alleine nicht existieren. Wir können etwas alleine erschaffen, besonders Schriftsteller zu sein, ist ein einsamer Beruf, aber Teil einer größeren Familie zu sein, der Kernfamilie, der Familie der menschlichen Wesen, all das garantiert auch das Funktionieren unseres Planeten. Wenn wir zu isoliert nebeneinander leben, können wir einander nicht respektieren und lieben.

Wegmann: Sie lieben die Außenseiter, die entgegen der Ängste ihrer Mitmenschen, in ihren Geschichten wundervoll sensible, oft verletzte Menschen sind.

Wolk: Ja, ich liebe Außenseiter, ich liebe Ausgestoßene. Ich habe Glück, eine wundervolle Familie zu haben und viele Freunde, aber ich nehme die Einsamkeit und Isolation anderer Menschen wahr und kann das nachvollziehen und bedauere das, weil ich auch zeitweise so war, obwohl mir viel Gutes widerfahren ist. Ich habe eine Menge junger Menschen gesehen, bedrückt, und ich hab sie unter meine Fittiche genommen und sie ermutigt zu schreiben. Weil Schreiben ermöglicht, sich stark zu fühlen, auch wenn man einsam ist. Und tatsächlich sind viele von ihnen gute Autoren geworden. Also den Künstler in jemandem zu entdecken, bedeutet oft die Lösung für das Einsamkeitsproblem.

Wegmann: Auch hier haben wir eine historische Geschichte, angesiedelt in den 1920-er Jahren auf den Elizabeth Islands, die übrigens südlich von Cape Cod liegen und zu Massachussetts gehören. Was war zuerst da, der Ort, den Sie ja sicherlich kannten, oder die Geschichte?

Wolk: Der Ort ist bei mir immer zuerst da. Das kann sich mal ändern, denn ich habe gelernt, niemals zu sicher zu sein, was übrigens wunderbar ist, denn so gibt es immer Überraschungen, aber im Moment ist das so. Ich habe einen sehr starken Sinn für Zeit und Ort. Da ich dort während des Schreibens viel Zeit verbringe, ist es gut, wenn ich den Ort mag und gut kenne, um ihn vermitteln zu können. Und nachdem ich das Setting fertig habe, und es stimmt, ich wohne in der Nähe des Meeres, und ich liebe Inseln, dann führe ich ein oder zwei Charaktere ein und denen folge ich. Und sie führen mich immer zu einem wundervollen Abenteuer, von dem ich niemals wissen möchte, was passiert, bis es passieren wird. Wenn ich zu viel weiß, ziehe ich mich zurück oder sage meinen Figuren, die Führung zu übernehmen, weil es mir viel mehr Spaß macht, und auch dem Leser, gemeinsam unerforschtes Gebiet zu erkunden.

"Ich glaube, ich wurde alt geboren"

Wegmann: Was interssiert Sie an einer historischen Geschichte?

Wolk: Ich glaube, ich wurde alt geboren. Ich hab immer alte Dinge geliebt, ich bin nun aus Amerika, verglichen mit dem, was ihr hier habt, ist bei uns alles noch jung. Ich mochte immer historische Filme und Geschichte, ich mag Antiquitäten, mein Haus ist voll davon. Wenn ich nun schreibe, versuche ich mich zurückzuversetzen, auch wenn ich nicht in den 20er Jahren auf den Elizabeth Islands gelebt habe, (das Meer hat sich übrigens nicht verändert, die Inseln auch nicht, nur wir haben uns verändert). Ich mache eine intensive Recherche, um ein authentisches Setting herzustellen, und ganz wichtige Sachen, wie zum Beispiel der Geruch des Meeres bei Ebbe, das weiß ich sehr gut.

Wegmann: Sowohl Annabelle als auch Crow sind für ihre jeweilige Zeit sehr starke, selbstbewusste Mädchen. Nicht selbstverständlich. Ich denke, das schafft eine gute Identifikation für heutige Leserinnen.

Wolk: Es ist interessant, wenn ich anfange zu schreiben, denke ich nicht über Themen oder Botschaften nach, ich verfolge keine Absichten, sondern ich schreibe über das, was ich mag. Ich habe mich nie als starkes Mädchen gesehen, aber rückblickend weiß ich, dass ich eins war. Und ich gebe das, was ich aus meiner Kindheit weiß oder erkenne, in meine Figuren. Kraftvolle Mädchen müssen nicht laut sein oder so, sie müssen eine innere Stimme des Selbstvertrauens haben. Und beide Annabelle und Crow entdecken nach und nach, dass sie eine innere Stärke haben, und diese Stärke macht sie aus. Und ich denke, viele Mädchen sind viel stärker, als sie glauben. Und heutzutage werden Mädchen mehr und mehr dazu angehalten, ihre innere Stärke zu erkennen und die Welt mutig zu entdecken, und das ist fantastisch.

Wegmann: Im ersten Roman heißt es: Die Dinge müssen in Ordnung gebracht werden. Dazu gehört, die Wahrheit zu finden, die Lüge aufzudecken, eine Position zu finden. In "Eine Insel zwischen Himmel und Meer" findet Crow eine mögliche Erklärung, wer ihre Herkunftsfamilie gewesen sein könnte, macht sich auf die Suche nach ihrem Bruder, den es vielleicht gibt, um aber schließlich zu der Familie zurückzukehren, die sie großgezogen hat, der Außenseiter und Miss Maggie. Muss man die Wahrheit aufdecken oder das Wahre, das Echte kennen, um dann eine Entscheidungsfreiheit zu haben?

Wolk: Ich glaube, dass es für uns alle sehr, sehr wichtig ist, zuallerst zu verstehen, was Wahrheit bedeutet: Mit uns selbst ehrlich zu sein, ist das Wichtigste. Natürlich auch miteinander, aber wenn ich eine Sache verstanden habe, dann niemals mit mir selber unehrlich zu sein, authentisch zu sein, ehrlich zu sein, und mir die Wahrheit zu sagen. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als den eigenen Lügen zu glauben. Das ist ein sehr gefährliches Geschäft. Um zu begreifen, was Wahrheit ausmacht, müssen wir tatsächlich zuerst ehrlich zu uns selbst sein. Die beiden Mädchen erkennen das, sie lernen aus ihren Fehlern. Es gibt ein Durcheinander, Fehlentscheidungen, und sie gestehen sich die Fehler ein und werden dadurch stärker. In jedem Zusammenhang ist Wahrheit unglaublich wichtig. Und ich würde es sehr begrüßen, wenn einige unserer Führungspersonen sich einen Moment hinsetzen würden, einen Augenblick schweigen und einmal klar und vorsichtig darüber nachdenken, wer sie sind, woran sie glauben, und was sie bereit sind zu tun.

Wegmann: Alles hat einen Sinn. Auch das Dunkle, da es die Helligkeit zeigt. Betty ist – so heißt es im Buch "Blüte und Frost". Vielleicht war sie wie alle Mädchen und das Leben hat sie verändert. Vielleicht ist sie einfach anders als andere. Wir erfahren das nicht. Sie haben ein offenes Ende gelassen.

Wolk: Ich glaube, Betti ist eine Warnung, ein abschreckendes Beispiel. Ich weiß nur, was Annabelle weiß, sehe nur, was sie sieht, verstehe, was sie versteht. Wenn ich durch Annabelles Augen auf Betti schaue, dann bin ich verwirrt: Ich bin nicht sicher, ob sie böse geboren wurde, (ach, dieses Wort böse, es steht uns eigentlich nicht an, das zu beurteilen,). Aber sie hat einen bösartigen Keim, oder ob das Leben sie so gemacht hat oder eine Kombination von beidem, das ist vielleicht die Wahrheit. Sie ist eine Warnung für die anderen im Buch, nicht in dem Sinne, dass sie so werden könnten wie sie ist, sondern vorbereitet zu sein, wie man mit einer solchen Bösartigkeit umgehen kann. Es ist furchteinflößend für ein Mädchen wie Annabelle, und das wäre es für jeden von uns, mit so einer Art von Dunkelheit konfrontiert zu werden, besonders wenn man ein helles Leben geführt hat. Wir sind darauf nicht vorbereitet und müssen lernen, damit umzugehen. Und das macht Annabelle. Sie erkennt ihr bestes Selbst und auch was Mut bedeutet. Und sie muss aufstehen und ihre Moral leben, um die Probleme lösen zu können, die Betti ihr vor die Tür legt.

Die Stille und Urmutter Meer

Wegmann: Der Ziehvater Osh sagt zu Crow, sie müsse auch nach innen schauen, nicht nur nach außen. Auch dort könne sie die Antwort darauf finden, wo sie hingehört.

"Ich bin ein Meermensch" haben Sie, Lauren Wolk in einem Interview gesagt, und dass Sie menschenleere Orte lieben. Wie wichtig ist die Leere, die Weitsicht, vielleicht auch die Langeweile für das Schreiben oder die Kreativität überhaupt?

Wolk: Die einzige Art und Weise wirklich richtig wahrhaftig kreativ zu sein, gelingt mir nur, wenn ich alleine bin. Ich habe Arbeitsgruppen ausprobiert, und anderes, es geht nicht. Und wenn ich an diesem Ort der Einsamkeit und Fokussierung bin, der mir ermöglicht die Stimmen meiner Figuren zu hören und das Salz des Meeres zu riechen und in den Schuhen von Annabelle und Crow zu gehen, da darf ich nicht gestört werden, sonst wird es nicht gut. Als die Kinder noch klein waren, habe ich manchmal in meinem Auto geschrieben oder bin sehr früh aufgestanden oder in der Nacht sehr lange wachgeblieben, um diese Funkstille zu haben. Ich weiß aber auch, alle Künstler sind unterschiedlich und ich respektiere jeden Arbeitsprozess. Ich muss völlig erfüllt sein, das finde ich sehr befriedigend.

Wegmann: Und wie wichtig ist das Meer?

Wolk: Das Meer. Das Meer ist unglaublich wichtig. Nicht nur in diesem Roman auch in meinem Leben. Ich glaube, dass das Meer unsere Urmutter ist, so wie die Erde und der Himmel. Für mich verändert sich das Meer immer und ist doch immer gleich, so wie wir auch sind. So respektiere ich es, manchmal fürchte ich es, und ganz bestimmt liebe ich es. Für mich ist das Meer ein sehr, sehr wichtiger Charakter in meinem Leben. Genauso wie die Farm meiner Großeltern, auch wenn ich viele Meilen entfernt bin, sie ist eine Wurzel, ein Teil meiner DNA, und das Gleiche empfinde ich für die Berge Mains, wo mein nächstes Buch spielen wird. Die Erde, das Meer, der Himmel, wenn wir ihnen einen Platz in unserem Leben einräumen, dann sind sie eine Antwort auf viele unserer Probleme und wir tun gut daran, sie zu respektieren.

Wegmann: Dear Lauren Wolk, we are looking forward to your next strong characters.

Lauren Wolk: "Das Jahr, in dem ich lügen lernte"
aus dem Amerikanischen von Birgitt Kollmann
Hanser Verlag, München 2017. 272 Seiten, 16 Euro. Ab 12

Lauren Wolk: "Eine Insel zwischen Himmel und Meer"
aus dem Amerikanischen von Birgitt Kollmann
dtv/ Reihe Hanser, München 2018. 288 Seiten, 14,95 Euro. Ab 12

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