Mittwoch, 20.10.2021
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteTag für Tag"Dass Bischöfe um ihr Amt fürchten müssen, ist eine große Errungenschaft"28.12.2020

Schriftstellerin Petra Morsbach "Dass Bischöfe um ihr Amt fürchten müssen, ist eine große Errungenschaft"

Mächtige streiten oft ab, dass sie Macht haben, beobachtet die Schriftstellerin Petra Morsbach. Sie sieht darin unter anderem eine Flucht vor Verantwortung. Auch in der aktuellen Diskussion um die Erzbischöfe Rainer Maria Woelki und Stefan Heße, wie sie im Dlf erklärt.

Petra Morsbach im Gespräch mit Christiane Florin

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Petra Morsbach, Preisträgerin des Wilhelm-Raabe-Literaturpreises 2017 der Stadt Braunschweig und des Deutschlandfunks. (Stadt Braunschweig / Bogenberger / Autorenfotos.com)
Petra Morsbach, Preisträgerin des Wilhelm-Raabe-Literaturpreises 2017 der Stadt Braunschweig und des Deutschlandfunks. (Stadt Braunschweig / Bogenberger / Autorenfotos.com)
Mehr zum Thema

Katholische Integrierte Gemeinde Verdacht auf geistlichen Missbrauch

Sexueller Missbrauch im Erzbistum Köln Der Priester, der Kardinal und die Kinder

Missbrauch-Studie der katholischen Kirche Forensiker Dreßing: "Ich erwarte Rücktritte"

Macht wird inszeniert: analog in Sitz- und Tagesordnungen, digital in Administratorenrechten von Videokonferenzen. Sie bemisst sich in Geld, in der Quadratmeterzahl von Büros und in der Quadratzentimeterzahl von Todesanzeigen. Macht wurde vielfach analysiert und problematisiert, von machtvollen Intellektuellen wie Max Weber und Hannah Arendt zum Beispiel. Und doch steht, wenn Macht ausgeübt wird, etwas Unsichtbares und Unaussprechliches im Raum, der berühmte "Elefant".

Die Schriftstellerin Petra Morsbach hat diesem "Elefanten im Zimmer" einen Essayband gewidmet. Darin vermisst sie punktgenau die Linie zwischen Machtgebrauch und Machtmissbrauch. Sie hat sich dafür Fallbeispiele aus der katholischen Kirche, der bayerischen Politik und dem Kulturbetrieb ausgesucht.

Christiane Florin: Frau Morsbach, der Elefant steht da, aber wird nicht thematisiert. Warum wird Macht trotz der Inszenierung unsichtbar gemacht?

Petra Morsbach: Macht hat ein schlechtes Image offiziell. Alle Mächtigen, mit denen ich sprach, ob in Kirche oder Politik oder in der Kultur, stritten ab, Macht zu besitzen oder etwas um der Macht willen getan zu haben. Manche haben sich sogar als ohnmächtig bezeichnet, vor allen Dingen dann, wenn es galt, Verantwortung zu übernehmen.

Christiane Florin: Woher kommt dieses schlechte Image der Macht? Sie ist ja da.

Morsbach: Es ist ein Erbe des "Dritten Reichs". Es war ein gewaltiger Machtmissbrauch. Die Leute denken heute, wenn sie sich selber als machtkritisch empfinden, dann kann ihnen so etwas nicht passieren. Das ist genau der Irrtum, um den es hier geht.

Florin: Der Elefant besteht in der Tatsache, dass Macht uneingestanden ausgeübt wird. Was zerstört dieser Elefant?

Morsbach: Er zerstört nichts. Das ist eine Metapher. Er bestimmt das Geschehen im Raum, aber alle tun so, als wäre er nicht da. Nicht der Elefant ist das Problem, sondern seine Verleugnung.

  (picture alliance / Günther Ortmann) (picture alliance / Günther Ortmann)Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche
Kardinal Woelki steht nach Recherchen des Journalisten Joachim Frank im Verdacht, einen Fall sexuellen Missbrauchs vertuscht zu haben: Woelki habe den Täter aus persönlichen Gründen geschützt, so Frank. Ludwig Ring-Eifel hält Woelkis Milde für menschlich verständlich.

Florin: In Ihrem Buch nennen Sie drei Fallbeispiele für Machtmissbrauch: einmal den Fall des Kardinals Groer, den Fall der CSU-Politikerin Haderthauer und schließlich - ja, wie soll ich den Fall nennen? - den Fall Morsbach oder den Fall der Akademie der Schönen Künste

Morsbach: Den Fall der Akademie.

"Es geschah wirklich ein Erwachen"

Florin: Ich möchte aus aktuellem Anlass mit dem Fall Groer beginnen. Vor 25 Jahren wurde der damalige Erzbischof von Wien, Hans Hermann Groer, von früheren Schülern des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Das hat das Nachrichtenmagazin "Profil" aufgedeckt. Warum haben Sie diese alte Geschichte ausgewählt? 

Morsbach: Weil sie sehr gut dokumentiert ist. Es war ein großer Fall. Die Fronten verhärteten sich sofort. Also die Kirche sagte: Nein, wir sind unschuldig und werden angegriffen. Die anderen sagten: Mit dieser Kirche ist nicht mehr zu reden, und das Geschehen verlief zweispurig. Eine Verständigung war nicht möglich, eine Entwicklung war nicht möglich. Dann kam der Journalist Hubertus Czernin auf die Idee, einfach die Dokumente zu sammeln. Und das ist ein fantastischer Reader, auch die inoffiziellen Dokumente, die Briefe, die dann anfingen zu laufen von Diözese zu Diözese. Dann geschah auch wirklich ein Erwachen der Mönche und der Kirchenleute, mancher Kirchenleute. Es passierte dann tatsächlich etwas auf diese übliche, sehr paradoxe, komplexe Weise, auf der Art, auf die alle menschlichen Dinge geschehen. Das Schöne war, dass dann einige Mönche plötzlich begriffen, was passiert war, auch mit ihnen selbst passiert war, und zu einer anderen Sprache fanden und mutig wurden. Insofern ist es ein ermutigendes Buch. Diese Sammlung an Dokumenten ist einfach eine Fundgrube.

Florin: Aufschlussreich ist die erste Reaktion der kirchlichen Hierarchie. Die kam von den Wiener Weihbischöfen Helmut Krätzel und Christoph Schönborn. Christoph Schönborn hat dann später eine große Karriere gemacht, wurde selber Erzbischof von Wien. Diese Erklärung der beiden Weihbischöfe lautete so: 

"Wo sind wir hingekommen? Seit der Zeit des Nationalsozialismus, als Priesterprozesse unter dem Vorwand homosexueller Verfehlungen geführt wurden, hat es in Österreich derlei Verleumdungspraktiken gegen die Kirche nicht mehr gegeben. Auf das Entschiedenste muss ein sogenannter Enthüllungsjournalismus zurückgewiesen werden, der den Angeschuldigten wehrlos entehrenden Verdächtigungen ausliefert... Wir appellieren an alle recht und billig denkenden Menschen in unserem Land gegen solche menschenunwürdigen Praktiken Widerstand zu leisten, es geht um die Würde eines Menschen, die Ehrfurcht vor seinem geistlichen Amt. Und es geht nicht nur um die Kirche, sondern um Österreich."

Was ist das für eine Verteidigungsstrategie?

"Der ganze Auftritt ist Bluff"

Morsbach: Es ist ein eminent manipulativer Text. Scheinbar ergreifen die Bischöfe Partei für Groer und erklären die Enthüller zu Nazis und Verleumdern. Aber in Wirklichkeit liefern sie nur Phrasen ohne Sachbezug. Wirklich sehr interessant: Wenn man Wort für Wort liest, steht nichts so da, wie es geschrieben wird. Zum Beispiel prangern die Bischöfe zwar "Enthüllungsjournalismus" an, aber nur allgemein, ohne Bezug zu Groer. Die Leute sollen denken, "Profil" ist gemeint. Aber das steht da nicht, weil es nämlich gefährlich wäre. Oder sie suggerieren, die Zeitschrift "Profil" hätte das Kardinalsamt, die Kirche und Österreich in den Schmutz gezogen. Aber auch das steht nicht so da. Natürlich geht es um die Ehrfurcht vor dem geistlichen Amt und um die Kirche, wenn ein Kardinal des Knabenmissbrauchs beschuldigt wird. Aber was den konkreten Groer betrifft, halten die Bischöfe sich raus. Daraus ist eigentlich nur zu schließen, dass sie an seine Unschuld nicht glaubten. Der ganze Auftritt ist Bluff. Der soll die unkritischen Hörer aufpeitschen und die kritischen einschüchtern.

Florin: Auch das arbeiten Sie heraus: Niemand, der den Kardinal da verteidigt, sagt: Wir halten ihn für unschuldig. Warum ist das so?

Morsbach: Sie halten ihn nicht für unschuldig, und sie dürfen es nicht sagen, sonst würden sie bei einer Lüge ertappt. Das Ganze ist so: Jede Formulierung hat ein Schlupfloch. Wenn irgendjemand, wenn zum Beispiel "Profil" sagt: Moment mal, wir haben niemanden verleumdet, dann sind die dran. Also müssen sie nur so tun, als hätten sie das gesagt.

"Flucht vor Verantwortung"

Florin: Die Verbindung zur aktuellen Situation ist leicht herzustellen. Es gibt eine Diskussion um deutsche Erzbischöfe, gerade im Moment, vor allem um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, aber auch um den Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße, der vorher in Köln Generalvikar war. Beide Erzbischöfe haben sich nach den Beschuldigungen, sie hätten sexualisierte Gewalt vertuscht, an den Papst bzw. den Vatikan gewandt. Ich nehme jetzt mal eine Formulierung von Stefan Heße. Der hat öffentlich erklärt, er könne nicht "Richter in eigener Sache" sein. Was sagt Ihnen diese Formulierung: "Ich kann nicht Richter in eigener Sache sein"?

Erzbischof Stefan Heße (dpa  / Daniel Bockwoldt)Erzbischof Stefan Heße - Archivbild (dpa / Daniel Bockwoldt)

Morsbach: (lacht) Das ist Flucht vor der Verantwortung. Ich habe diese Stellungnahme gelesen. Formal klingt die würdig und vernünftig, aber er legt ja seinen Fall nicht einem Richter vor, sondern seinen Kollegen in der Bischofskongregation. Die hat erstens viel zu viele moralische Baustellen, um diesen Fall profund zu klären. Und zweitens sind sie seine Partei. Er hat die realistische Aussicht, dass die Kongregation ein paar Monate rödelt und dann erklärt, sie habe kein Fehlverhalten feststellen können.

  (dpa / Rolf Vennenbernd) (dpa / Rolf Vennenbernd)MeToo-Debatte in der katholischen Kirche
Erwachsene Frauen, die Opfer von spiritueller und sexueller Gewalt wurden, haben bisher verschämt geschwiegen. Im Buch "Erzählen als Widerstand!" berichten erstmals 23 Betroffene, was ihnen Priester und Ordensleute angetan haben.

Florin: Die katholische Konfession ist sehr schuldfixiert. In jeder Messe müssen Gläubige ihre Schuld bekennen. Warum fällt es Bischöfen und Erzbischöfen so schwer zu sagen: "Ich habe mich schuldig gemacht, und meine Schuld besteht darin oder darin"?

Morsbach: Es ist immer schwer, Schuld zuzugeben, auch privat. Menschen ringen ja unaufhörlich um ihren Selbstwert und machen sehr ungern etwas falsch. Öffentliche Darstellung von eigenem Fehlverhalten ist noch einmal eine höhere Hürde. Also ich glaube, der Anspruch ist nicht einhaltbar, den diese Kirche erhebt. Als Bischof, der eine Gewissensinstanz darstellt, verkörpert scheinbar, zu sagen: "Ich habe aber versagt." Das würde eine ungeheure moralische Kraft brauchen, die diese Leute nicht haben.

"Die Unmächtigen sind zu Bewusstssein gekommen"

Florin: 25 Jahre nach Groer: Stellt die katholische Kirche da noch eine Gewissensinstanz dar?

Morsbach: Na ja, sie tun so, und sie reden es sich wahrscheinlich selber ein.

Florin: Für Sie persönlich?

Morsbach: Nein.

Florin: Was hat sich verändert in diesen 25 Jahren?

Morsbach: Die Unmächtigen sind zu Bewusstsein gekommen. In meinem ganzen Buch geht es weniger um das Rätsel der Macht. Ich glaube, es gibt keins. Das Rätsel sind die Unmächtigen, die immer mitmachen und sich einreden - auch auch da wirkt der Elefant. Es ist sehr schwer zu sagen, was in den Menschen vorgeht. Das sind ja sehr viele halb- und unbewusste Vorgänge. Aber eine Autorität anzuzweifeln, ist ein tief emotionaler und archaischer Vorgang. Damit haben sehr viele Leute große Schwierigkeiten. Tatsächlich haben die Leute wirklich Jahrhunderte, Jahrtausende lang vor der Kirche gekuscht. Je mächtiger sie wurde, desto mehr. Wenn sie sich mal wehrten, dann wurden sie platt gemacht, wie zum Beispiel die Katharer.

Seit 30 Jahren ungefähr - in Mitteleuropa begann das vermutlich sogar mit Groer - gibt es immer mehr kritische Leute. Deswegen können Bischöfe heute nach 30 Jahren Diskussion zum ersten Mal so unter Beschuss geraten, dass sie um ihr Amt fürchten müssen. Das ist schon eine große Errungenschaft. Aber es ist keine Errungenschaft für immer. Das gibt es nicht. Es ist nichts endgültig. Ich glaube nicht, dass die Kirche insgesamt in Gefahr gerät. Denn die  Sehnsucht, zu glauben und eine Überinstanz zu haben, die für moralisch gute Verhältnisse sorgt und einen moralisch frei spricht, die ist schon untötbar.

"Es gibt da irgendeine Regel"

Florin: Sie beschreiben auch den Fall der Akademie der Schönen Künste. Wir können jetzt hier nicht auf die Einzelheiten eingehen. Was aus Ihren Schilderungen sehr deutlich hervorgeht, ist der Kampf, den Sie kämpfen und wie beharrlich Sie da auch sein müssen. Auch da wird, so wie Sie es darstellen, die Existenz von Macht, die Ausübung von Macht, einfach geleugnet. Er wird gesagt: In der Kunst gibt es eigentlich keine Macht, da geht es immer nur um das höhere Ziel, eben um die Kunst. Wie bewahren Sie sich das Gespür dafür, dass etwas nicht stimmt? Wie bewahren sie sich ihre moralischen Maßstäbe? Trotz aller Anfechtungen?

Morsbach: Das ist eine interessante Frage. Also ich las den Text zunächst einmal. Es wurde ein willkürliches Verbot von Buchvorstellungen verhängt. Fast alle Kollegen nahmen es hin. Auch hier war wieder diese Sache mit dem Elefanten. Die Funktionäre, die uns verboten, Bücher von Kollegen oder eigene vorzustellen, sagen nicht: Wir verbieten das, weil wir euch klein machen wollen. Sondern sie sagen: Ja, es gibt da irgendeine Regel, die ist beschlossen worden.

Die war aber nie beschlossen worden. Es war eine reine Erfindung, aber sie sagten: "Wir können nichts dafür. Wir müssen das befolgen." Das war so absurd und so bizarr. Dann stellte ich ein paar Fragen per E-Mail, und sie verstrickten sich ganz schnell in Lügen, in sichtbare Lügen.

Das war für mich frappierend, weil ich ja immer denke: Die Sprache weiß mehr als der Mensch und über die Sprache kann man was über Menschen erfahren. Dann verwickelten ich die in einem Mailwechsel und aus meiner Sicht lieferten sie ein Offenbarungseid. Man kann es nicht anders interpretieren. Aber wenn ich das meinen Kollegen sagte, dann wurden sie wütend und sagen: "Nein, das steht da nicht. Und die haben das Recht, uns Befehle zu erteilen." Ich sagte: Im Grundgesetz steht, die Kunst und Wissenschaft sind frei. Also: Kunst ist frei. Wer soll uns Befehle erteilen?

Es war unmöglich, eine Diskussion zu führen. Alle waren in einer Art Wahn befangen, und das war so frappierend. Dann dachte ich, das muss ich erforschen. Ich wusste auch: Es geht natürlich über die Akademie hinaus. Deswegen habe ich mich um Groer gekümmert und um die Politik gekümmert. Es sind überall die gleichen Mechanismen. Sie sind so stark und so irrational, dass wir es uns nicht leisten können, dieses Problem zu ignorieren. Es steht so viel auf dem Spiel. Das ist meine Meinung. Schriftsteller sind ja komische Leute und wundern sich über Dinge, über die sich andere nicht wundern.

Florin: Sehen Sie sich als mutigen Menschen, als mutige Frau?

Morsbach: Ich weiß es nicht. Ich habe keine Angst gehabt. Ich glaube, mutig ist man, wenn man Angst besiegt. Aber ich war, glaube ich, einfach naiv. Ich dachte, das kann doch nicht sein.

Florin: Ein großer Bluff, ein manipulativer Text. Das sagt Petra Morsbach über die 25 Jahre alte Verteidigungsrede zweier Weihbischöfe für einen Kardinal. Wir haben das Interview vor Weihnachten aufgezeichnet, vielleicht haben Sie an den Feiertage einige Würdenträgerwortmeldungen vernommen,  das Sie zu einer eigenen Sprachanalyse inspirieren. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Petra Morsbach. Der Elefant im Zimmer. Über Machtmissbrauch und Widerstand. Essay. München Penguin Verlag 2020. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk