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StartseiteInterviewHensel: "So lässt sich Realität nicht beschreiben"02.10.2019

Schriftstellerin zu 30 Jahre EinheitHensel: "So lässt sich Realität nicht beschreiben"

"Schafft diesen Feiertag ab" hatte die Schriftstellerin Jana Hensel vor einem Jahr für den 3. Oktober gefordert. Die vielen Reaktionen hätten ihr gezeigt, dass es einer "ehrlicheren Auseinandersetzung" mit deutsch-deutschen Themen bedürfe, so Hensel im Dlf.

Jana Hensel im Gespräch mit Jörg Münchenberg

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Mit einem Feuerwerk sind die Feiern zum Tag der Deutschen Einheit zu Ende gegangen (dpa)
Feuerwerk zum Tag der Deutschen Einheit: Sei sei "schockiert über die Inszenierung von guter Laune" gewesen, sagte die Schriftstellerin Jana Hensel im Dlf zur Einheitsfeier 2018. (dpa)
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Jörg Münchenberg: Es soll ein Fest der Freude, ein Bürgerfest werden. So hat es Daniel Günther, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, angekündigt. Das Land ist dieses Jahr dran mit der Ausrichtung der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Dabei gibt es weiterhin viel Trennendes zwischen Ost und West. Die Klischees vom Besserwessi und Jammerossi, die sind längst noch nicht überwunden. Trotzdem soll gefeiert werden.

Am Telefon ist jetzt die Schriftstellerin Jana Hensel. Sie hat sich in zahlreichen Artikeln und Büchern mit dem Thema Ostdeutschland befasst. Ihr neuestes Buch heißt dann auch "Wie alles anders bleibt: Geschichten aus Ostdeutschland". Frau Hensel, einen schönen guten Morgen.

Jana Hensel: Hallo! – Schönen guten Morgen.

Münchenberg: Frau Hensel, was sollte aus Ihrer Sicht dieser Tag der Deutschen Einheit sein? Ein Bürgerfest, Freude über die Einheit, oder doch vielleicht auch Erinnerung, Mahnung, dass es immer noch viel Trennendes zwischen Ost und West gibt?

Hensel: Na ja, er sollte so lebendig und realitätsnah sein wie möglich. Wir begehen ihn eigentlich seit nunmehr fast 30 Jahren wie einen Geburtstag, und da die Ostdeutschen lange außerhalb dieser Feierlichkeiten zum 3. Oktober oder auch zum 9. November es selten in die Medien geschafft haben, fühlte es sich für uns immer ein bisschen so an, als müssten wir das ganze Jahr beziehungsweise unser ganzes Leben lang Geburtstag haben und dauernd in einer ausgelassenen Feierstimmung sein. So beschreibt man Realitäten nicht. So fängt man auch ambivalente und komplexe Realitäten nicht ein. Ich glaube, viele der Ressentiments und vielleicht auch der Wut in manchen Teilen der Gesellschaft hat damit zu tun, dass das eigene Leben derart unterkomplex über viele Jahre dargestellt wurde.

Ein Passant geht am 30.03.2012 an einer Schallschutzmauer in Magdeburg an einem aus der Wendezeit stammenden verwitterten Wandbild mit dem Schriftzug «Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost» vorbei.  (picture alliance/dpa/Jens Wolf) (picture alliance/dpa/Jens Wolf) Berichterstattung über Ostdeutschland - "Als etwas dümmliche Masse wahrgenommen"
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"Man will eine ehrlichere Auseinandersetzung mit diesen deutsch-deutschen Themen"

Münchenberg: Sie haben ja mal, Frau Hensel, gefordert, der Tag der Deutschen Einheit solle abgeschafft werden. Warum?

Hensel: Ja, das war letztes Jahr. – Na ja, wir haben seit 2015 einen sichtbar gewordenen Rechtsruck in Teilen der ostdeutschen Gesellschaft. Wir haben eine AfD in den ostdeutschen Ländern nahezu in Volksparteistärke. Ich schaute mir im vergangenen Jahr das Programm zur deutschen Einheit an - man feierte damals in Berlin - und war, offen gestanden, schockiert über die Inszenierung von guter Laune und habe mich dann ziemlich spontan hingesetzt und habe einen Text geschrieben, schafft diesen Feiertag ab, diese Einheitsfolklore. Interessanterweise – ich war selber überrascht – haben diesen Text unglaublich viele Leute gelesen und ich habe viele Briefe bekommen. Es scheint, vielen in Ost und West ganz ähnlich zu gehen. Man will eine ehrlichere Auseinandersetzung mit diesen deutsch-deutschen Themen.

Münchenberg: Feiertage erfüllen ja auch die Funktion, sich zu erinnern. Hilft da manchmal nicht auch eine gewisse Feierroutine, dass man dieses Positive, die deutsche Wiedervereinigung, doch ein bisschen vergisst über der ganzen Debatte, über das Trennende?

Hensel: Total! Natürlich sind Feiertage Momente des Innehaltens. Ich sagte aber schon: Bis 2015 ist die ostdeutsche Realität medial im Prinzip nur zu Feiertagen vorgekommen. Deswegen war das ein bisschen einseitig.

Ja, natürlich müssen wir an das Positive erinnern. Aber wissen Sie, wir spielen das eine gegen das andere aus. Es gibt Erfolge und Niederlagen, es gibt Glück und Unglück, und wir müssen ostdeutsche Biografien in einer im Prinzip ganz natürlichen Ambivalenz erzählen und auch in einer Komplexität und nicht immer die Dinge gegeneinander ausspielen. Das heißt: Alle, die nicht mitfeiern wollen, wie Herr Günther sagt, alle, die sich nicht permanent in ausgelassener Feierstimmung zeigen, werden schnell zu Jammerossis gemacht. Das ist auch ein mittlerweile Jahrzehnte altes Klischee. So lässt sich Realität nicht beschreiben. Auch Ostdeutsche müssen ein kritisches Verhältnis zur Gegenwart entwickeln können, müssen Realitäten kritisieren und dürfen nicht immer denunziert werden als Jammerossis, weil sie nicht mitfeiern wollen.

Münchenberg: Aber wird das nicht trotzdem auch gerade am Tag der Deutschen Einheit immer wieder thematisiert, dass man verweist auf die persönlichen Umbrüche, die Brüche in den Biografien gerade in Ostdeutschland?

Hensel: Ja! Aber ich denke, das ist Teil der Einheitsfolklore. Man lobt natürlich die Lebensleistungen der Ostdeutschen, diese ominösen Lebensleistungen. Offen gestanden, ich weiß, ehrlich gesagt, gar nicht, was das sein soll. Wir haben diese großen Unterschiede, diese ökonomischen, sozioökonomischen Unterschiede zwischen beiden Landesteilen. Tun wir was dagegen? Wendet sich die Politik diesem anderen ostdeutschen Raum zu? – Ich habe nicht das Gefühl.

Münchenberg: Auf der anderen Seite: Sie kennen natürlich auch die Argumente. Wir hatten jetzt den Bericht zur deutschen Einheit. Da hieß es ja auch von Seiten der Bundesregierung, die Lage sei viel besser als der Ruf. Es sind Billionen von Euro auch in den Osten geflossen. Das ist die westliche Sicht, weil Sie jetzt gesagt haben, es gibt noch immer eine breite sozioökonomische Spaltung zwischen Ost und West.

Hensel: Ja. Diese Einheitsberichte, offen gestanden, sind auch Teil dieser Einheitsfolklore. Ich glaube nicht, dass man so weitermachen kann wie in den letzten Jahren, dass man auch immer die Ostdeutschen darin bemisst, wie weit sie schon der westdeutschen Realität entgegengekommen sind. Da sind wir, glaube ich, ökonomisch bei irgendwie 70 Prozent des westdeutschen Niveaus angekommen. Da zementieren Sie dauerhaft Hierarchien in Gesellschaften. Das heißt, wir müssen im Prinzip beginnen, ganz anders über Ost und West zu sprechen. Wir müssen diese verschiedenen Realitäten ganz anders benennen, damit die Ostdeutschen nicht immer das Gefühl haben, sie haben es immer noch nicht geschafft, sie sind immer noch nicht ganz wie der Westen geworden. Aber das natürlich, wenn wir uns an Willy Brandt erinnern, es kommt zusammen, was zusammen gehört, war doch, offen gestanden, die Herausforderung aus westdeutscher Perspektive, werdet wie wir, lasst uns zusammenkommen im westdeutsch sein und passt euch an, an unsere Realität, an unsere Werte und an unsere Art zu sprechen und zu denken.

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"Es geht um Anerkennung von ostdeutschen Biografien"

Münchenberg: Heute kam der Hinweis vom Bundespräsidenten, man solle nicht diesen ständigen Vergleich anstellen zwischen Ost und West. Und es gibt zum Beispiel auch viele Städte im Westen, die mit massiver Armut zu kämpfen haben. Auch da ist das Gefühl, dass zu sehr auf den Osten geschaut wird und zu wenig auf die Situation im Westen.

Hensel: Ja, diese Verweise auf die strukturschwachen Gegenden in Westdeutschland, auch das finde ich immer wieder ein Argument, was kommt, wenn wir über die Probleme im Osten sprechen wollen. Da wird dann auf die Probleme in westdeutschen Kommunen gelenkt.

Wir müssen über die Probleme sowohl in den westdeutschen Kommunen als in Ostdeutschland sprechen und diese Dinge nicht gegeneinander ausspielen. Wir haben einen ganzen Apparat an dieser Art Verdrängungsargumenten uns über die Jahre erarbeitet und wir merken, wir kommen nicht weiter.

Münchenberg: Mehr Wertschätzung der DDR-Biografien, so habe ich Sie verstanden. Aber ist da auch nicht die Gefahr groß, dass manche jetzt schon wieder in eine DDR-Nostalgie verfallen, dass das Regime jetzt im Rückblick verklärt wird?

Hensel: Ich glaube, es geht nicht um Anerkennung von DDR-Biografien, sondern es geht um Anerkennung von ostdeutschen Biografien. Die Mauer ist vor 30 Jahren gefallen. Das ist beinahe ein halbes Menschenleben. Wir müssen aufhören, immer über die DDR zu sprechen. Ostdeutschland ist ein völlig eigener Sozialisationsraum mit einer Fülle an Erfahrungen, und den gilt es zu betrachten, weil wer die Gegenwart verstehen will, muss in diese 90er-Jahre blicken. Und offen gestanden: Mein Gefühl ist eher, es sehnt sich kaum jemand in die DDR zurück. Aber ganz zufrieden mit dieser Gegenwart sind auch große Teile der Bevölkerung nicht. Ich habe vor ein paar Tagen einen Satz von Lech Walesa gelesen, der gesagt hat, wir wollen den Kommunismus nicht zurück, aber mit dem Kapitalismus sind wir auch nicht zufrieden. Ich glaube, in dieser Situation befinden wir uns im Moment, und darüber sollten wir auch an Tagen wie heute beziehungsweise morgen offen und ehrlich miteinander sprechen.

"Es darf nicht passieren, dass so ein Raum zu großen Teilen deindustrialisiert wird"

Münchenberg: Nun wird auch viel in diesen Tagen über die Aufarbeitung der Treuhand-Tätigkeit diskutiert, die ja viele gerade in Ostdeutschland immer mit einem industriellen Kahlschlag gleichsetzen. Wäre das ein wichtiger Punkt, dass man vielleicht von Regierungsseite das viel stärker fördert und sagt, ja, wir müssen uns diesem Thema noch mal stellen?

Hensel: Das denke ich auf jeden Fall. Wir müssen uns diesen Themen stellen. Einerseits müssen wir sie aufarbeiten. Mein Gefühl ist, das tun vor allem junge Ostdeutsche. Junge ostdeutsche Wissenschaftler befassen sich mit diesen 90er-Jahren auch in einer Art von sie suchen ihre eigene Geschichte, ihre eigene Perspektive auf das, was damals passiert ist. Aber wir müssen vor allem lernen, in der Analyse der Vergangenheit vor allem für die Gegenwart lernen, das darf uns nicht noch mal passieren. Es darf nicht passieren, dass so ein Raum zu großen Teilen deindustrialisiert wird. Wir müssen uns vor allem fragen, was machen wir mit diesem Ostdeutschland in den nächsten Jahrzehnten. Wir können es im Prinzip nicht einfach weiter verwalten, so wie wir es gemacht haben, weil wir sehen, das zeigt uns der Rechtsruck, es kann im Prinzip nicht wirklich so weitergehen wie bisher. Wir müssen uns etwas neues überlegen.

Münchenberg: Aber was wäre da konkret Ihr Vorschlag?

Hensel: Ich glaube, wir brauchen auch einen neuen politischen Blick auf Ostdeutschland. Wir müssen uns fragen, wie können wir jene Gegenwart, die durch den Transformationsprozess entstanden ist, eine Gegenwart, die weitgehend deindustrialisiert ist, wo junge Generationen über Jahrzehnte das Land verlassen haben, wo der ländliche Raum massiv überaltert ist, wo wir eine zu großen Teilen westdeutsch besetzte Elite haben, nicht nur gesamtdeutsch, sondern auch in den fünf neuen Ländern, da wo die Ostdeutschen die Mehrheit der Bevölkerung stellen – wir müssen uns fragen, wie können wir diese Realität neu gestalten und wie können wir das, was der Transformationsprozess geschaffen hat, vielleicht doch noch mal korrigieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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