Samstag, 18.09.2021
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteInterview"Schrill, provokant, unerhört intensiv"26.06.2009

"Schrill, provokant, unerhört intensiv"

Claudia Roth über den "King of Pop" Michael Jackson

Die ehemalige Bandmanagerin von "Ton, Steine, Scherben" und Grünen-Vorsitzende, Claudia Roth, würdigte den verstorbenen Popmusiker Michael Jackson als "stilprägend". Zudem habe er Songs wie "Make the World a better Place" gemacht, die auch als politisch bezeichnet werden könnten.

Claudia Roth im Gespräch mit Friedbert Meurer

Claudia Roth, Bundesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Claudia Roth, Bundesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Friedbert Meurer: Auch in Deutschland wird Michael Jackson betrauert. Claudia Roth ist Parteivorsitzende der Grünen und viele wissen es: Sie war Managerin der Politrockband "Ton, Steine, Scherben", und zwar ab 1982, also just in dem Jahr, als das Popalbum "Thriller" von Michael Jackson erschien. Guten Tag, Frau Roth.

Claudia Roth: Ich grüße Sie, Herr Meurer.

Meurer: "Ton, Steine, Scherben" haben eine ganz andere Musik gemacht. Hat Ihnen Michael Jacksons Musik gefallen?

Roth: Ja, mir hat sie gefallen, uns hat sie gefallen, denn Rockmusik hatte ja gerade auch bei den Scherben eine sehr… Popanmutung. Das waren ja auch Schlager, die da gemacht worden sind, Rockschlager. Und natürlich war klar, dass mit "Thriller" von '83 er in einer Zeit auftrat, in der viele Künstler, was jetzt Bühnenpräsenz zum Beispiel angeht, in leeren Klischees erstarrt sind.

Allein schon seine Auftritte waren choreografische Wahnsinnsmeisterleistungen, schrill, provokant, unerhört intensiv. Was er in dieser Zeit getan hat - vielleicht erinnern sich manche daran -, da fing das Video, das Popvideo, das Rockvideo neu, als eine Neuerscheinung auf den Markt zu kommen, und er hat in seinen Videos mit dem Medium Video, das er für die Popkultur erschlossen hat, echt einen Platz in der Kultur- und Mediengeschichte bekommen.

Meurer: Aber "Ton, Steine, Scherben", Frau Roth, waren politisch. 1982, das war das Jahr der großen Demonstrationen gegen die Nachrüstung. Wie passte da Michael Jackson sozusagen hinein?

Roth: Bei uns hat auch Marianne Rosenberg gut dazu gepasst. Man soll sich das jetzt nicht eindimensional vorstellen. Aber er hat Kraft gemacht. Da war jemand, der im schwarzen Getto geboren worden ist. Er war außerordentlich rätselhaft, er war zerbrechlich, er hat vielen jungen Leuten Selbstbewusstsein gegeben, Anerkennung gegeben, die vorher nie Anerkennung hatten. An "Moon Walk" erinnern Sie sich sicher auch.

Er war stilprägend und er hat eine Ausdrucksform geprägt, die für viele junge Leute stilprägend, aber auch eine Kultur der Anerkennung hatte. Und man muss sagen, er ist jetzt nicht auf die Straßen gegangen und hat demonstriert, aber er hat Songs gemacht, die ich auch politisch bezeichnen möchte, "Make the World a better Place".

Er hat sich eingesetzt gegen den Hunger auf der Welt. Er hat sich eingesetzt für Nelson Mandela. Also er war nicht in erster Linie politisch, aber das, was er gemacht hat, und wie er gewirkt hat, das würde ich durchaus auch in diesen Rang setzen.

Meurer: Hat Sie jetzt traurig gemacht, dass er nicht zu seiner schwarzen Hautfarbe stand?

Roth: Das hat mich traurig gemacht, dass es offensichtlich den schillernden Michael Jackson auf der Bühne gab, aber auf der anderen Seite eben diese Zerbrechlichkeit einer Figur, die wahrscheinlich überhaupt nie irgendetwas wie Kindheit hatte, die das ganze Leben, mit sechs ja schon, mit den Jackson Five auf der Bühne gestanden hat, der offensichtlich eine Identität als Popstar hatte, aber nicht eine Identität und ein Selbstbewusstsein als Person.

Das hat mich sehr traurig gemacht, diese Schattenseite seines Lebens, die ja rätselhaft geblieben ist, seine Verzweiflung, dieses sich ändern wollen. Das war ja beinahe ein Schrei, ich will raus aus mir selber. Das macht natürlich traurig. Das ist die andere Seite eines sehr erfolgreichen Lebens.

Meurer: Was wird für Sie, Frau Roth, in Erinnerung bleiben von Michael Jackson?

Roth: Für mich wird in Erinnerung bleiben, wie stilbildend er war und wie er Musik und Choreografie miteinander verbunden hat. Das war für mich Meisterleistung. Seine Schrillheit, auch die Provokanz, die er geliefert hat, und einfach unglaublich schöne Songs, die er performt hat, "Make the World a better Place". Entschuldigung, das ist das, was wir auch tun wollen. Wir machen es mit anderen Mitteln, aber vielleicht ist das eine Hymne, die für viele Menschen auch ein Ansporn ist, die Welt tatsächlich schöner und besser und gerechter zu gestalten.

Meurer: Claudia Roth, Grünen-Vorsitzende und Ex-Managerin von "Ton, Steine, Scherben", bei uns im Deutschlandfunk. Danke, Frau Roth, und auf Wiederhören.

Roth: Danke schön. Auf Wiederhören!

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk