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StartseiteKultur heuteSchrilles mit Plastikpalme20.05.2010

Schrilles mit Plastikpalme

Die Rückkehr der Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment

Sie sind so was wie die schnelle Eingreiftruppe für Überraschungen und sprengen die Grenzen dessen, was man als schöngeistiges Unterhaltungstheater kennt. Die Theatergruppe Forced Entertainment. "The Thrill of it all" heißt ihre diesjährige Produktion, zu sehen in Essen. Absurd, urban, heiter und wahr.

Von Nicole Strecker

Eine Palme vor blauem Himmel (Stock.XCHNG / Dermot Roantree)
Eine Palme vor blauem Himmel (Stock.XCHNG / Dermot Roantree)

Plastikpalmen und japanische Popsongs. Knappe Glitzerfummel und weiße Jacketts - it's Showtime für Forced Entertainment. Da fliegen die Beinchen in die Luft wie für Cancan, nur schrecklich krumm. Drehungen ver-eiern, Formationen lassen sich nur erahnen und zwischen dem, was der Kopf tanzen will und der Körper tut, liegt sichtbar eine Kluft. Wer kann schlecht tanzen? - Forced Entertainment kann es schlechter.

Individueller Freistil auf der Tanzbühne, Uniformität im Outfit: Die Frauen sind allesamt zerzauste Blondinen, und wenn sie nach zehn Minuten Dilettantismus-Tanz reden, klingt es, als hätten Helium inhaliert.

Die strohblonden Frauen quietschen im Donald-Duck-Effekt, die Männer tragen dafür strubbelige schwarze Perücken und brummeln dank eines technischen Tricks mit absurd sonorer Stimme in die Mikrofone - so verzerrt Forced Entertainment Geschlechts-Stereotypen. Die britischen Performer sind seit jeher Ausnahmetalente im albernen Ausreißer - Zwangsunterhalter eben. In ihrem aktuellen Stück machen sie ihren Namen zum Programm. Sie sind gekommen, um zu blödeln. Performance ist Party, Performance heißt Psycho-Stimulation des Publikums: Wer die Bühne betritt, muss Erregungen produzieren. Mal mit der Klischee-Erotik von Klubanimateuren, mal mit dem Schmalz von Schmusestars.

Um den Terror des Frohsinns geht es hier. Um die Hysterie im heutigen Hedonismus und die bloß behauptete Lustigkeit in unseren Unterhaltungsformaten, allen voran dem Fernsehen, wo das Dauerjubeln letztlich nur die Spracharmut kaschiert. Als Virtuosen des dialektischen Denkens sind Forced Entertainment dann am witzigsten, wenn ihre Scherze scheitern und jede Seelenregung in die peinliche Übertreibung verrutscht.

In einer wunderbaren Sequenz will ein Darsteller ein bisschen der kleinen Dinge im Leben gedenken. Mit sanfter Stimme sinniert er über die verlorenen Helden des Alltags: zwei Konfettis etwa, die vor einer Kirche liegen, in der schon lange keine Hochzeiten mehr stattgefunden haben. Schön sentimental.

Doch die Subversion solchen Kitsches lauert schon im Hintergrund: Die männlichen Kollegen wollen auch mal was sagen und der empfindsame Poet entpuppt sich dann als tyrannischer Zensor ihrer Erzählversuche. So gibt es statt Geschichten Ästhetikdiskussionen. Der Kommentar ruiniert die Kunst. Alles wird an diesem Abend immer auch gleich von den Darstellern selbst einer hochkomischen Qualitätsprüfung unterzogen. Ist eine Geschichte gut, ein Witz lustig, eine Wiederholung sinnstiftend oder langweilig? Statt der Zuschauer entscheiden die Performer. Einst etablierte Forced Entertainment den ironischen Meta-Kommentar auf den Bühnen. Heute zeigen sie: Gegen soviel Pseudo-Reflexion hilft nur eins: Trash-Tanz in der Japan-Disco.

Forced Entertainment spürt die Gewaltstrukturen im Zwang zum Witz auf. Die entsetzliche Leere hinter der ausgestellten Gefühligkeit, in der verkrüppelte Körper zum gleichen bemitleidenswerten Drama werden wie das Luxusproblem einer vom Geldautomaten verschluckten Kreditkarte. Solche Kritik an der emotionalen Verwahrlosung hat zwar nach wie vor seine traurige Gültigkeit - trotzdem wird man das Gefühl nicht los, die Produktion kommt zehn Jahre zu spät. Längst hat man doch auf dem Theater das Ende der Spaßgesellschaft eingeläutet, und ist das "wir amüsieren uns zu Tode" floskeliger Common Sense. Zumal Forced Entertainment wie üblich nicht die zynische Satire anstrebt, sondern die sympathische Parodie auf den ganzen hohlen Psycho-Thrill. Aber hierin sind sie auch nach 26 Jahren postdramatischer Bühnenkunst noch unbezwungene Heroen. So wirken sie in der aktuellen Performanceszene nicht wie die Oldies, die sie eigentlich sind - auch wenn am Ende ihrer neuen, kraftvoll physischen Show gleich zwei Performer mit einem gespielten Herzinfarkt um die Aufmerksamkeit der Zuschauer buhlen. Winkend ziehen die Theatertubbies dann von dannen. Sie haben sie es mal wieder geschafft, haben mit ihrem scheinbaren Anti-Amüsement solide amüsiert.

Weitere Informationen:

pact-zollverein.de

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