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StartseiteInterviewSchröder lobt Klinsmann20.04.2006

Schröder lobt Klinsmann

Ex-Kanzler: Bundestrainer hat Sinneswandel eingeleitet

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder hat die Arbeit von Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann gelobt. Er habe den Eindruck, dass ein "neuer Geist" in der Nationalmannschaft sei, sagte Schröder. Das sei ein Wert an sich, den Klinsmann und der Trainerstab geschaffen hätten, der auch unabhängig vom Abschneiden bei der Weltmeisterschaft bestehen bleibe.

Moderation: Bernd Gäbler

Gerhard Schröder schießt auf eine Torwand. (AP Archiv)
Gerhard Schröder schießt auf eine Torwand. (AP Archiv)
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Bernd Gäbler: Herr Bundeskanzler, wir wissen, dass Sie in Ihrer Jugend selbst aktiver Fußballer waren. Als Acker, unter diesem Spitznamen, bei TUS Talle Stürmer waren. Jetzt sagt man ja immer wieder, der Sport prägt Persönlichkeiten. Was hat dieses Fußballspielen in Ihrer Jugend Ihnen gebracht?

Gerhard Schröder: Auch der Sport prägt Persönlichkeiten. Ich glaube, dass das richtig ist. Was hat es mir gebracht? Zunächst einmal, wie ich finde, glaube ich, bei jedem Jungen, Spaß am Spiel. Die Freude daran, mit anderen zusammensein zu können, Kameradschaft zu erfahren, aber auch Fairness einzuüben, aber auch dafür zu kämpfen, sich durchzusetzen. All das braucht man ja insbesondere beim Fußball. Dann ist sicher wichtig, Erfolg zu haben. Erfolg meint natürlich in erster Linie, ein Spiel zu gewinnen. Aber wenn man dann einen eigenen Beitrag dazu leisten kann, indem es einem gelingt, als Stürmer das ein oder andere Tor zu fabrizieren, dann ist dieser Erfolg ein persönlicher, ist aber zugleich ein Erfolg für das Team. Also man lernt, sich einzuordnen, zu erkennen, in einer Mannschaft, dass der Einzelne wichtig ist. Aber noch wichtiger ist die ganze Mannschaft, denn wenn es hinten nicht klappt, nutzt auch vorne nichts, wenn man das mal so einfach sagen darf.

Also das war das eine, was es mir gegeben hat. Ein anderes darf man nicht missachten. Sport ist immer auch ein Stück Möglichkeit, sich Anerkennung auch zu verschaffen. Ich denke, das ist nicht unwichtig dabei und das ist sicherlich auch ein Antrieb für ganz viele Menschen. So ist das sicher auch bei mir gewesen.

Gäbler: Jetzt haben Sie auch persönlich sich sehr dafür stark gemacht, zusammen mit Franz Beckenbauer und natürlich mit anderen, dass wir wirklich diese Fußball-WM nach Deutschland holen. Viele sagen, das ist unfassbar, da kommt der ökonomische Aufstieg danach. Es ist gewissermaßen ein umfassendes Anti-Depressivum für das deutsche Volk. Ist das so?

Schröder: Es ist ja unzweifelhaft in erster Linie das große Verdienst von Franz Beckenbauer, dass die Weltmeisterschaft in Deutschland ist. Und als wir da standen miteinander, da ist es uns in erster Linie um die Spiele gegangen, darum, hier guten Fußball erleben zu können. Und die Dinge, die dann eine Rolle spielen, also die Frage Konsumkonjunktur, Deutschlands Ansehen in der Welt, haben auch eine Rolle gespielt, aber die standen nicht im Vordergrund. In dem Moment, als wir da daumendrückend standen, haben wir uns nur gewünscht, wir wollen die Spiele hier haben, an die positiven ökonomischen Auswirkungen eigentlich nicht in erster Linie gedacht.

Der ökonomische Effekt ist mir willkommen, aber er darf nicht im Vordergrund stehen. Wir machen die Weltmeisterschaft, weil wir Fußball lieben und nicht weil wir das Konsumklima in Deutschland verbessern wollen. Das eine ist das wichtige, und das andere ist ein erwünschter Nebeneffekt.

Gäbler: Es gibt immer wieder Überlegungen, die sehen gewisse Parallelen zwischen der Art des Fußballs, der gespielt wird und der Entwicklung der Gesellschaft. Da wird gesagt, nicht zufällig war in der hohen Phase der Ostpolitik der Fußball besonders elegant, nicht zufällig sind wir 1990 also, als die Einheit da war, so erfolgreich gewesen. Sehen Sie vielleicht Parallelen zwischen diesem Klinsmann-Kurs, ich nenne ihn mal, der Reformen, und dem, was Sie versucht haben, einzuleiten, auf den Weg zu bringen?

Schröder: Ich halte das für falsch, solche Parallelitäten auch nur begründen zu wollen. Sie gibt es nicht nach meiner festen Überzeugung. Fußball ist ja etwas, was auch abhängig ist von ganz konkreten Menschen. Die es mal als ganz große Fußballpersönlichkeiten gibt, denken Sie an Pelé, denken Sie an Beckenbauer, an Platini in Frankreich oder die großen Italiener und Spanier. Also, ich glaube nicht, dass das was mit Politik zu tun hat, sollte man auch gar nicht erst versuchen. Es hat zu allen Zeiten guten und weniger guten Fußball gegeben und das war völlig unabhängig von der Frage, wer gerade regierte.

Gäbler: Aber es hat Verknöcherungen im Land gegeben und auch Verknöcherungen im DFB.

Schröder: Das ist sicher richtig, nur das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, glaube ich. Mein Eindruck ist, dass mit jemanden wie Theo Zwanziger, der, wie ich glaube, jemand ist, der erkannt hat, dass Fußball nicht nur eine Angelegenheit für die Fußballer im engeren Sinne ist, sondern gesellschaftspolitische Bedeutung hat, offen sein muss, auch bewerkstelligen kann, oder helfen kann, dass dieses Land als ein gastfreundliches Land dasteht, als eines das Austausch will, das Internationalität will. Aber eine direkte Beziehung zwischen Fußball und Politik herzustellen, halte ich für gekünstelt.

Gäbler: Auch nicht, wenn ich Ihnen vorhalte, was unser Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Mai letzten Jahres gesagt hat? Da wurde er befragt zur Politik und auch zu Ihrer Person und sagte dann, ich zitiere ihn: "Persönlich kann ich nur sagen, dass ich vom Bundeskanzler ein sehr positives Bild habe. Er ist ein Mann, der geradlinig seine Entscheidungen trifft und seinen Weg geht, das imponiert mir."

Schröder: Ja, das hat mich sehr gefreut, ich kenne das Zitat natürlich, einmal, weil ich Jürgen Klinsmann als Fußballspieler natürlich schätze. Es war nun wirklich schön, ihm zuzuschauen, der hat ja einen fantastischen, auch technisch schönen Fußball gespielt. Und zum anderen, weil ich ihn kennen gelernt habe als einen klugen, nicht nur intelligenten, sondern klugen, relativ jungen Menschen, dessen Herz sicher für Fußball schlägt, aber der eben auch noch die Fähigkeit hat, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen und dazu ein klares Urteil zu haben. Und ich finde, dass Jürgen Klinsmann, andere, dass die etwas hinbekommen haben, das man nicht unter Wert verkaufen sollte, nämlich, einen Sinneswandel einzuleiten. Er hat die Mannschaft verjüngt, entschieden verjüngt, und man hat den Eindruck - ich rede jetzt nicht über einzelne Ausgänge von Spielen, die ich gesehen habe - man hat so den Eindruck, da ist ein neuer Geist drin. Die wollen, ob Sie es dann immer schaffen, ist eine ganz andere Frage. Aber da ist eine Stimmung drin, wie ich sie mir immer gewünscht habe.

Gäbler: Sie haben das vorhin in den großen Parallelisierungen Gesellschaft und Fußball nicht gelten lassen. Aber wenn wir nur auf die Nationalmannschaft gucken, sehen wir doch gesellschaftliche Veränderungen. Also früher hießen die Schulz, Müller, Maier, Seeler. Heute heißen die Podolski, Owomoyela, Asamoah. Das heißt, die Nationalmannschaft selbst ist doch schon auch ein Ausdruck einer innergesellschaftlichen Veränderung.

Schröder: Ist doch schön, dass die so heißen. Die sind deutsche Staatsbürger, die haben eine Beziehung zu unserem Land, die kämpfen für ihre Mannschaft und damit auch für ihr Land. Die Hautfarbe und der Name ist nicht das Entscheidende, sondern wir sollten uns freuen, dass wir solche Menschen in unserer Gesellschaft haben und darüber hinaus freuen, dass das auch noch gute Fußballspieler sind. Also ein Zeichen dafür, so kann man sagen, dass sich in Deutschland die deutsche Gesellschaft in der Tat verändert hat. Und wenn das im Sport seinen Ausdruck findet, wer wollte das beklagen? Also ich finde, dass der Sport doch gerade deshalb so positive Wirkungen haben kann, weil er Menschen ermöglicht, gesellschaftlichen Aufstieg zu machen - ist ja auch nicht ganz unwichtig - aber auch Integration ermöglicht. Und das ist doch eine ganz wunderbare Angelegenheit.

Gäbler: Wann wäre für Sie denn diese Fußballweltmeisterschaft ein Erfolg?

Schröder: Die Fußball-Weltmeisterschaft ist ein Erfolg, wenn es gute Spiele zu sehen gibt. Wenn die Fröhlichkeit, zu der wir fähig sind, als Gastgeber und Zuschauer, nach außen hin deutlich wird. Wenn im Ablauf Fairness ist, wenn es keine Affären mit Hooligans oder sonst etwas gibt, also der Sport, im wahrsten Sinne des Wortes, im Mittelpunkt steht. Dann ist es bereits ein Erfolg. Und diesen Erfolg würde ich rühmen unabhängig vom Abschneide der deutschen Nationalmannschaft.

Gäbler: Jetzt haben Sie gesagt, das Ereignis WM, der Erfolg dieses Ereignisses ist völlig unabhängig vom Abschneiden unserer Jungs, sage ich mal. Aber ich denke ja doch, dass Ihnen dieses Abschneiden irgendwie auch am Herzen liegt. Was glauben Sie denn da, was möglich ist, was wünschen Sie denn?

Schröder: Wissen Sie, natürlich liegt mir das am Herzen, jeder wünscht sich doch - ob er nun aktiver Politiker ist, oder nicht, jedenfalls wenn er Fan ist und wenn er Fußballanhänger ist, und das bin ich und werde ich bleiben - natürlich, dass, die deutsche Mannschaft besonders gut abschneidet, Weltmeister wird. Das ist doch ein ganz normaler Wunsch. Aber ich finde es ganz falsch, den Erfolg der Spiele daran messen zu wollen. Und ich finde es auch falsch, einer im Aufbau begriffenen Nationalmannschaft und denen wie Klinsmann, wie Löw, die sie trainieren, Manager eingeschlossen, denen sozusagen, öffentlich Druck zu machen und Ihnen zu sagen, wenn Ihr nicht wenigstens X oder Y schafft, dann war das leider nichts. Nein, das ist ein Wert an sich, was die hinbekommen haben und das wird Ausstrahlung behalten, völlig unabhängig vom Abschneiden. Jeder freut sich, wenn sie ganz nach vorne kommen. Und am meisten wird sich jeder Deutsche freuen, wenn wir Weltmeister werden. Aber inzwischen können wir wirklich damit leben, dass es schöne, erfolgreiche Spiele gibt unabhängig vom Abschneiden der eigenen Nationalmannschaft.

Gäbler: Und wo werden Sie das Finale erleben?

Schröder: Ich hoffe in Berlin!

Gäbler: Sie hoffen? Wissen Sie das noch nicht?

Schröder: Ja, ich weiß ja nicht, ob ich einen Platz kriege. Wenn ich in Berlin keinen Platz kriege, um das Spiel direkt zu sehen, dann werde ich mich ans Fernsehen setzen, wie viele andere eben auch. Ich bin ganz stolz darauf, Ehrenmitglied des DFB geworden zu sein. Und ich hoffe, dass Sie Ihrem Ehrenmitglied, so viele gibt es davon ja nicht, die Möglichkeit schaffen, das ein oder andere Spiel zu sehen. Kann, muss nicht das Finale sein, obwohl ich mich freuen würde, dabei sein zu können.

Gäbler: Im Moment reist Franz Beckenbauer in jedes Land, das bei uns zu Gast ist. Wenn Sie auf diese Nationalmannschaften, mit allem Tross darum herum, mit den Fans, die zu uns kommen, blicken, was würden Sie denen denn wünschen, dass sie bei uns erleben?

Schröder: Spaß am Fußball, gute Spiele, gute Gastgeber, das werden sie erleben. Und wenn sie dann zurückgehen in ihre Heimatländer, möchte ich gerne, dass sie sagen: Es ist ein gutes Land.

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