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StartseiteDie neue PlatteNatürlichkeit und Anmut20.10.2019

Schubert SonatenNatürlichkeit und Anmut

Der Schweizer Pianist Francesco Piemontesi hat sich intensiv mit den drei letzten Klaviersonaten von Schubert auseinandergesetzt, bevor er sie jetzt auf CD aufgenommen hat. Es scheint der richtige Moment: Piemontesi durchdringt die Werke in ihrer Tiefe, und bewegt sich gleichzeitig frei in den Noten.

Am Mikrofon: Mascha Drost

 Der Pianist Francesco Piemontesi sitzt an einem Flügel und gestikuliert (Marco Borggreve)
Der Pianist Francesco Piemontesi (Marco Borggreve)
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Musik voll Schönheit und Trauer, Leben und Todesahnung – Musik, die zum Persönlichsten zählt, das Franz Schubert je geschaffen hat. Das sind für den Pianisten Francesco Piemontesi die drei letzten Klaviersonaten von Schubert; nach langer, intensiver Beschäftigung mit diesen Werken hat der 36jährige sie jetzt zum ersten Mal eingespielt.

Musik: 1. Satz aus Sonate c-Moll D 958

Ungewohnt ruppig startet Franz Schubert in die Sonate c-Moll, D 958. Es könnte  eine Reverenz an den kurz zuvor verstorbenen Beethoven und seine c-moll Variationen sein – mit dem folgenden zarten, harmonisch mäandernden Seitenthema hat Schubert dieses Werk aber zu seinem ureigensten gemacht. Und schon da zeigt sich Francesco Piemontesi als idealer Schubert-Interpret – wie organisch er die ständigen Farbwechsel gestaltet, welche Wirkung gerade die diffizilen, zerbrechlichen Passagen entfalten.

Wirkliche Virtuosität

Die Fingerfertigkeiten einer Chopin-Etüde sind nichts gegen dieses Adagio, den zweiten Satz der Sonate D 958 – die Schlussakkorde in feinsten dynamischen Abstufungen, losgelöst von aller Schwere in völlig jenseitige Sphären zu führen, das ist wirkliche Virtuosität!

Musik: 2. Satz aus Sonate c-Moll D 958

"Wo die Phantasie durch das traurige ‘Allerletzte’ nun einmal vom Gedanken des nahen Scheidens erfüllt ist" - da waren für Robert Schumann die letzten drei Schubert-Sonaten angesiedelt. Entstanden 1828, im Todesjahr Schuberts, sind sie aber nicht nur Vermächtnis sondern auch eine selbstbewusste Emanzipation vom übermächtigen Beethoven und seinen 32 Sonaten. Und sie zeigen das Wesen Schuberts in seiner ganzen Zerrissenheit – zwischen stiller Verzweiflung, Melancholie und plötzlichen zuversichtlichen Kraftausbrüchen.

Die mittlere der drei Sonaten strahlt schon von ihrer Tonart her heller als ihr dunkler Vorgänger und der jenseitige Nachfolger – A-Dur, das mit Heiterkeit und jugendlicher Leidenschaft ebenso verbunden wird wie mit wütender Gemütsbewegung und Raserei. Die Raserei hat sich Schubert für den 2. Satz  aufgehoben – aber auch im Kopfsatz gerät das Gemüt in Bewegungen ganz unterschiedlicher Art.

Musik: 1. Satz aus Sonate A-Dur D 959

Man muss nicht in die Extreme gehen, um das Außerordentliche an Schuberts Musik hörbar zu machen – je selbstverständlicher sie gespielt werden, desto unglaublicher scheinen die plötzlichen Stimmungswechsel hier im 1. Satz von Schuberts später A-Dur Sonate.

Verzicht auf Artifizielles

Francesco Piemontesi hat trotz der jahrelangen Beschäftigung mit dieser Musik das Staunen darüber bewahrt; seine Kunst liegt in der Natürlichkeit und Anmut, mit der er sich Schubert nähert und die auf alles Artifizielle verzichtet. Diese Werke in ihrer ganzen Tiefe zu durchdringen, die Bedeutung jeder Note zu erfassen, und dann im Spiel scheinbar losgelöst davon und frei zu agieren, das zeichnet seine Interpretation aus.

Musik: 2. Satz aus Sonate A-Dur D 959

Mitten in das lamentohafte Adagio setzt Schubert diesen verstörenden Ausbruch. Andere Pianisten mögen ihn noch kompromissloser und entfesselter angehen, als hier Francesco Piemontesi. Aber nur den wenigsten gelingt es, die Melodie des letzten Satzes so lyrisch und in kunstvollster Einfachheit dahinströmen zu lassen wie ihm – so wie sie ein Fritz Wunderlich gesungen hätte.

Musik: 4. Satz aus Sonate A-Dur D 959

Was ist das Geheimnis von Piemontesis anrührendem Schubert-Klang? Vielleicht die Fokussierung auf die rechte Hand, das obere Register und nicht so sehr den Bass –  steht Schuberts Musik doch ohnehin auf unsicherem Fundament. Und es ist ein Klangideal, das sich eher am Salon als dem großen Saal orientiert, auch wenn die B-Dur, die letzte der drei Sonaten, live im Konzert aufgenommen wurde.

Keine Musik für einen Sonntagmorgen

Ein Werk, das sich um Dimensionen nicht schert – seien es formale oder zeitliche. Als auskomponierten Stillstand könnte man den zweiten Satz auch beschreiben, Musik, in der das zeitliche Empfinden aufgehoben ist – noch nicht ätherisch losgelöst wie im kurz danach entstandenen Streichquintett sondern in düsterer Resignation.

Musik: 2. Satz aus Sonate B-Dur D 960

Dieser Satz lässt den Zuhörer nicht unbeschadet zurück – schon gar nicht in dieser trotz des fragilen Klangs strengen und fatalistischen Interpretation. Das ist definitiv keine Musik für einen frühen Sonntagmorgen – der 3. Satz sticht immerhin aus der jenseitigen, weltverloren Atmosphäre der Sonate heraus – aber dass es sich hier nicht um ein Scherzo der harmlosen Art handelt, das macht der merkwürdig verschobene Mittelteil mehr als deutlich – als gerate ein ohnehin schon versehrter Wanderer zusätzlich ins Stolpern.

Musik: 3. Satz aus Sonate B-Dur D 960

Piemontesis Interpretation der Schubert Sonaten zeigt die zerrissene Innenwelt des Komponisten eindringlich und zugleich anrührend auf, und deren Klangkultur ihresgleichen sucht.

Schubert Last Piano Sonatas
Francesco Piemontesi
Pentatone

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