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StartseiteCampus & KarriereSpielerische Nachhilfe im Lerncamp13.02.2014

SchülerförderungSpielerische Nachhilfe im Lerncamp

Lernen soll Spaß machen, dann funktioniert es auch. Das ist der Ansatz eines Lerncamps in Sachsen-Anhalt, an dem aktuell 125 versetzungsgefährdete Schüler teilnehmen. Dabei geht es weniger um Theorie als vielmehr um Praxis.

Von Christoph Richter

Weiterführende Information

Analphabetismus - Leseförderung in der Grundschule notwendig (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 03.02.2014)

Die Suche nach einem guten Nachhilfelehrer (Deutschlandfunk - Marktplatz, 21.02.2013)

In die Winterferien fahren und Lernen. Dass machen derzeit 125 lernschwache Schüler aus 44 Schulen in Sachsen-Anhalt, begleitet werden sie von 40 Pädagogen. In kleinen Gruppen sitzen sie in hellen Räumen einer luftigen Herberge des Landessportbundes in Schierke. Mitten im Harz, am Rande eines Hochfichtenwalds.

"Es ist viel entspannter als in der Schule. Ist halt Lernen was Spaß macht. Da kann man auch mal zwischendurch kurz rausgehen, an die frische Luft gehen."

Lucas aus Magdeburg ist wie die anderen Teilnehmer des Lerncamps versetzungsgefährdet. Denn anders als in Bremen oder Berlin kann man in Sachsen-Anhalt noch Sitzenbleiben. Ein Konzept das sich nach Ansicht der Magdeburger CDU-Bildungspolitikerin Edwina Koch-Kupfer durchaus bewährt habe.

"Nichtsdestotrotz sind im Vorfeld alle Maßnahmen auszuschöpfen, damit es nicht zum Sitzenbleiben kommt. Darum gibt es ja auch die vielen Projekte zum Schulerfolg sichern. Ich hoffe, dass wir es darüber schaffen, dass wir erst gar nicht vor der Problematik stehen, dass viele Schüler das Klassenziel nicht erreichen. Aber Sachsen-Anhalt hat es als Möglichkeit nicht ausgeschlossen."

Lust am Lernen zurückgeben

Das ist die politische Meinung. Doch hinter vorgehaltener Hand gesteht sie aber, dass eigentlich so schnell wie möglich eine Änderung her müsse. Da das Sitzenbleiben Schulverweigerer produziere, Schülern die Lust am Lernen nehmen würde. Genau das will man im Lerncamp, den Siebt- und Achtklässlern aber wieder zurückgeben: die Lust am Lernen. Erzählt Organisatorin Sylvia Ruge von der Deutschen Kinder – und Jugendstiftung.

"Wir arbeiten hier keine Defizite auf, das ist auch nicht unser Anspruch. Wir zeigen in einer Vernetzung von Lernwerkstatt und Projektlernen, wie Lernen anders geht. Und geben viele Tipps für Lernstrategien der einzelnen Schüler. Wir gucken genau, was braucht diese Schülerin, was hilft jenem. Hier wird wirklich individuell geguckt. Und das ist das Besondere."

Es geht um keine klassische Nachhilfe. Ganz im Gegenteil, in dem Harzer Lerncamp sollen Schüler Wissen sinnlich erfahren, direkt anwenden. Beispielsweise lernen sie anhand gemeinsamen Schlittenfahrens physikalische und mathematische Grundregeln, errechnen Geschwindigkeiten. Bruch- oder Verhältnisrechnung wird auf einmal was ganz Praktisches und verliert seinen angstmachenden abstrakten Charakter. Blöd war gestern, unterstreicht Projektleiterin Sylvia Ruge.

"Wir machen Mut, wecken, laden ein. Machen Lust."

Eltern tragen nur einen Bruchteil der Kosten

84 Prozent der Teilnehmer werden am Ende nicht Sitzenbleiben, fast jeder lernt wieder, dass Schule Spaß machen kann, ergänzt Sylvia Ruge.

2500 Euro kostet das pro Schüler, wobei sich die Eltern mit einem Bruchteil von 30 Euro beteiligen. Da aber allein das Sitzenbleiben eines einzigen Schülers 5000 Euro kosten würden, sagen die Veranstalter, sei es gut investiertes Geld. Bundesweit, das hat zumindest 2009 eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergeben, koste das Sitzenbleiben gar eine Milliarde Euro.

Ein wichtiger Aspekt sei es, so die Organisatoren, dass man lernschwachen Kindern zeige, die in vielen Fällen aus prekären Verhältnissen kommen, dass sie was können. Man setze auf Stärkeorientierung, statt auf Frust, so Kursleiter Andreas Edhofer.

"Viele kommen hierher und sagen, sie haben überhaupt keine Stärken. Aber wenn ich ein Mädchen hab, dass mir erzählt, dass sie ständig auf die Geschwister aufpassen muss, dann ist das eine Stärke. Sie managt den Haushalt. Und ich will dann dem Mädchen klar machen, dass das eine Stärke ist. Und dann versucht man zu gucken, wie man das umwandeln kann für das Eigene."

Programm von früh bis spät

Für alle Kritiker dieses Konzepts sei noch gesagt: Die Lerncamps sind mitnichten Kuschelpädagogik, denn von früh bis abends sind die Kinder eingebunden. Selbst die Freizeit ist irgendwie Arbeit.

"In der Schule sitzt man da, dann erklären die ganz streng. Hier macht das alles Spaß, ist alles lustig. Wir spielen ganz oft und üben dabei."

Schade nur, denkt man sich als Außenstehender, dass Camps dieser Art nötig sind. Vielleicht wäre es schöner, mal Lehrer in so ein Camp zu schicken, damit ihre Schüler wieder mit Freude in die Schule gehen. Lisa nickt. Und lacht.

"Ja! Eindeutig!"

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