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StartseiteCampus & Karriere"Hausaufgaben sind Treiber der sozialen Ungerechtigkeit"08.11.2019

Schülervertreterin"Hausaufgaben sind Treiber der sozialen Ungerechtigkeit"

Bis spät in die Nacht sitzen manche Schüler an ihren Hausaufgaben, sagte Lou-Marleen Appuhn von der Landesschülervertretung in Hessen im Dlf. Es gebe keinen Zeitpunkt, wo man einfach mal frei habe. Auch aus sozialen Gründen seien die massiven Hausaufgaben problematisch.

Lou-Marleen Appuhn im Gespräch mit Sandra Pfister

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Hausaufgaben machen. (Symbolfoto) (imago / blickwinkel / Bernd Leitner)
Viele Schüler klagen über endlose Hausaufgaben (imago / blickwinkel / Bernd Leitner)
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Sandra Pfister: Man lernt den ganzen Morgen, und nachmittags kommt man nach Hause, und dann macht man direkt weiter - mit den Hausaufgaben nämlich. Die Landesschülervertretung in Hessen hat kürzlich einen Kongress veranstaltet, in dem es um die psychische Gesundheit von Schülern und Schülerinnen geht und darum, was ihnen auf die Seele schlägt. Ein Punkt war die Hausaufgaben. Wir haben vor der Sendung mit Lou-Marleen Appuhn geredet, der Landesschülersprecherin in Hessen. Guten Tag, Frau Appuhn!

Lou-Marleen Appuhn: Ja hallo!

Pfister: Frau Appuhn, was ist an Hausaufgaben denn so schlimm?

Appuhn: Ich glaube, man muss da zwei Aspekte betrachten grundsätzlich. Das eine, was wir schon sehr lange kritisieren, ist, dass Hausaufgaben ein ganz massiver Treiber der sozialen Ungerechtigkeit im Schulsystem sind, weil der Erfolg, den man bei den Hausaufgaben hat, ganz maßgeblich davon abhängt, inwieweit man aus dem Elternhaus Unterstützung erfährt, inwieweit die Eltern Nachhilfe finanzieren können und inwieweit man überhaupt ein ruhiges Lernumfeld gegeben hat.

Das schafft einfach sehr ungleiche Bedingungen bei den Schülerinnen und Schülern und damit eine große Ungerechtigkeit. Das ist etwas, was wir schon lange kritisieren.

Jetzt dazugekommen ist an unserer Kritik, die psychischen Auswirkungen, die das hat. Das Problem ist, man kommt nach Hause, man hat unglaublich viele Hausaufgaben zu machen, und man hat da kein Limit. Das heißt, viele Schülerinnen und Schüler sitzen wirklich bis spät in der Nacht dort und machen ihre Hausaufgaben und geben sich unglaublich viel Mühe, weil sie das Gefühl haben, das leisten zu müssen, und es gibt da keinen Zeitpunkt, wo man einfach mal frei hat, sondern diese Belastung, die ist immer da, und man könnte immer mehr tun.

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Pfister: Fangen wir mit dem ersten Punkt an, nämlich, dass Sie sagen: soziale Gerechtigkeit, und das Argument ist ja tatsächlich nicht neu. Also Akademikereltern üben mit ihren Kindern, aber sie üben natürlich mit denen, ob sie nun Hausaufgaben aufhaben oder nicht. Das heißt, man könnte es auch andersrum sagen, man könnte sagen, die Nichtakademikerkinder, die werden oft von den Eltern nicht angetrieben und nachmittags nicht unterstützt, das heißt, die Hausaufgaben sind vielleicht eine Möglichkeit, sie dazu zu kriegen, am Nachmittag was für die Schule zu tun, wenn sie sonst überhaupt nichts tun würden - Fragezeichen.

Appuhn: Ja, das kann man durchaus so sehen. Dem würde ich aber klar widersprechen. Was Sie uns vorstellen, das sind nicht die Hausaufgaben als eine Eigenleistung und ein selbstständiges Erarbeiten abzuschaffen, sondern nur sie anders zu organisieren. Das heißt, man schafft gemeinsame Lernräume in der Schule und macht das, was man normalerweise zu Hause machen würde, an der Schule und hat dort auch Fachlehrerinnen und -lehrer dort, die einen unterstützen können, wenn man Fragen hat, die zu einem kommen und einem helfen. Das heißt, das würde nicht wegfallen, sondern das wäre eine zusätzliche Unterstützung, die nur diesmal für alle da wäre.

"So eine Art Aufbewahrungsmechanismus"

Pfister: Es wäre eine ganz andere Form von Hausaufgaben, weil es voraussetzt, dass es die gebundene Ganztagsschule gibt und dass Lehrer auch nachmittags präsent sind und nicht einfach irgendwelche Betreuungskräfte.

Appuhn: Genau. Ich glaube, eine reine Betreuung, damit ist das Problem nicht gelöst, weil das dann mehr so eine Art Aufbewahrungsmechanismus darstellt, der keine Unterstützung bietet. Das würde nur in diesem System funktionieren.

Pfister: Denn man muss ja beim Fachlehrer nachfragen können.

Appuhn: Genau, und der muss einen auch unterstützen können über ganz einfache Fragen hinaus. Er muss einem auch mal was erklären können.

Pfister: Nun hat es natürlich aber auch einen gewissen Sinn, könnte man traditionell betrachtet sagen, dass man auch mal was alleine machen muss zu Hause, dabei merkt, was man nicht kann und dann vielleicht am nächsten Tag nachfragt, ohne sich sofort an den Lehrer zu wenden. Man muss es aushalten, sich erst mal da durchzubeißen. Können Sie dem was abgewinnen?

Appuhn: Nein. Das Problem ist im Moment, wo dieses selbstständige Erarbeiten zu Hause stattfindet, da gibt es die Schülerinnen und Schüler, die an dem Punkt nicht weiterkommen und ihre Eltern nachfragen oder die Nachhilfe danach fragen, und dann gibt es die Schülerinnen und Schüler, die dann einfach gar nicht weiterkommen und dann in der nächsten Stunde dann einen Nachteil haben. Daher, denke ich, ist das total wichtig, dass man direkt jemanden fragen kann. Das heißt ja nicht, dass man das nicht erst einmal selbstständig versucht und selbstständig erarbeitet.

Pfister: Ja, ich verstehe Ihren Punkt. Der Zweite, den Sie ins Feld geführt haben, war, es ist im Moment so, dass die Hausaufgaben endlos in den Abend hinein reindiffundieren, dass es eigentlich keine klare Abgrenzung mehr gibt, jetzt bin ich zu Hause, jetzt habe ich frei.

Appuhn: Genau.

Pfister: Liegt das also daran, dass Lehrer zu viele Hausaufgaben aufgeben?

Appuhn: Ich glaube, das liegt an der Gesamtheit der Umstände. Also man muss zum Beispiel schauen, in der gymnasialen Oberstufe ist es so, dass in jedem Fach, was man hat, also auch die Nebenfächer, müssen in jedem Halbjahr zwei Klausuren geschrieben werden. Das ist einfach diese Kombination der Belastungen, die dann so massiv werden. Die Hausaufgaben an sich wären ohne Klausuren vermutlich leistbar, aber die Mischung aus beidem.

Pfister: Es klingt so ein bisschen so, als sei das so eine Art G8-Problem und könnte demnächst wieder entzerrt werden, wenn der Stoff wieder auf neun Jahre verteilt wird.

Appuhn: Das ist durchaus möglich. Andererseits muss man sagen, also in der gymnasialen Oberstufe wird das Problem in jedem Fall bleiben. Die ist nämlich durch G8 und G9 gar nicht großartig in ihrer Intensität verändert worden. Dieses grundsätzliche Problem von - man hat keine Differenzierung zwischen jetzt bin ich in der Schule, und jetzt bin ich zu Hause und habe auch frei - das bleibt natürlich auch mit G9 vorhanden.

"Schüler würden Länger-in-der-Schule-bleiben in Kauf nehmen"

Pfister: Ich bin mir nicht sicher, ob es ein neues Problem ist, weil Oberstufe eigentlich immer schon stressig war für die, die sie ernstgenommen haben.

Appuhn: Ich glaube, der wesentliche Unterschied liegt in der Wahrnehmung des Abiturs mittlerweile. Zum einen ist es gesellschaftlich in vielen Punkten erforderlich, ein Abitur zu machen, einfach, weil da ist mehr so ein: Oh, du bist auf der Realschule, was ist passiert? Also das wird einfach nicht wertgeschätzt. Das heißt, im Endeffekt landen auch nicht so leistungsstarke Schüler im Endeffekt auf dem Gymnasium, nur weil ihnen der Druck gegeben wird, dass sie ein Abitur machen müssen am Ende. Dadurch, dass so unglaublich viele Leute auf dem Gymnasium sind, müssen natürlich auch die Leistungen der einzelnen steigen, damit die noch zum Beispiel in NC-beschränkte Studienfächer hineinkommen.

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Pfister: Also die große Egalisierung, so viele machen Abitur, dafür zahlen sie jetzt durch mehr Stress, ein gutes Abitur zu machen, einen gewissen Preis, wenn ich Sie richtig verstehe.

Appuhn: Ja, genau.

Pfister: Ich wollte noch einmal kurz auf Ihre Idee zurückkommen, die Hausaufgaben nicht abzuschaffen, sondern sie in eine gebundene Ganztagsschule zu verlagern, wo nachmittags Lehrer betreuen. Wie optimistisch sind Sie, dass das sich umsetzen lässt, denn es würde erstens erfordern, dass Lehrer nachmittags da sind, und zweitens, dass Eltern und Schüler der Meinung sind, sie wollen noch länger in der Schule bleiben?

Appuhn: Ich glaube, der unrealistische Punkt ist nicht der Wille dazu, viele gerade berufstätige Eltern sogar sehr positiv diesen Faktor, dass die Schüler nicht um eins zu Hause sind, und ich glaube auch, viele Schüler würden das Länger-in-der-Schule-bleiben sehr gerne in Kauf nehmen, wenn sie dafür dann zu Hause wirklich einfach frei hätten und nicht noch Hausaufgaben machen müssen. Das größere Problem ist an der Stelle die Politik, die sich da nicht bewegen möchte, sondern die ein bisschen an ihrem alten System festhält und da wenig zu Reform bereit ist, was natürlich auch eine finanzielle Angelegenheit ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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