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Startseite@mediasresWenn der Biolehrer eine Gegendarstellung verlangt06.09.2018

Schülerzeitungen und der MedienwandelWenn der Biolehrer eine Gegendarstellung verlangt

Auch wenn es wegen der schleppenden Digitalisierung an deutschen Schulen oft noch an der Infrastruktur hapert: immer mehr Schülerzeitungen nutzen digitale Ausspielwege für ihre Inhalte. Online bietet den Schülerzeitungsredaktionen mehr Freiraum - und Schutz vor Zensurversuchen der Schulleitung.

Von Alexander Budde

Darstellung einer Auswahl verschiedener Schülerzeitungen ( imago/Marco Stepniak)
Sind Schülerzeitungen vom Aussterben bedroht? ( imago/Marco Stepniak)
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Schülerzeitung Engagiert und preisgekrönt

Ein Kellerraum des Ernst-Moritz-Arndt Gymnasiums in Herzberg am Harz: Die Redaktion der EMAG Times diskutiert über die nächste Ausgabe ihrer Schülerzeitung, die im Oktober erscheinen soll. Das Thema der Titelgeschichte diesmal: "Rassismus" - von den die Nation bewegenden Vorgängen in Chemnitz wussten die Sechst- bis Zehntklässler bei ihrer Themenfindung vor einigen Wochen noch nichts. Kontroverse, politische Titelgeschichten sollen die jugendliche Zielgruppe ans Blatt binden - die Auflage der dreimal jährlich erscheinenden Zeitung liegt immerhin bei rund 300 Exemplaren.

Chefredakteur Arthur Otte beugt sich über den Redaktionsrechner. Der Elternförderverein hat das Gerät gesponsert. Otte sucht starke Symbolbilder, die Emotionen wecken."Viele unserer Generation sind nicht so interessiert an Zeitungen – und das kann vielleicht Interesse wecken, sowas fällt ja immerhin ins Auge!"

Als "digital natives" müssen viele junge Blattmacher zumindest hinsichtlich der Nutzung digitaler Medien und neuer Ausspielwege den Vergleich mit ihren professionellen Pendants nicht scheuen. Wie schon so viele Schülerzeitungen im Land würde sich die EMAG TIMES gern an einen eigenen Youtube-Kanal oder Podcast heranwagen - noch ist der Auftritt auf der Website der Schule bescheiden. Er dient lediglich der Präsentation, Interaktion geschieht dort allenfalls in der Spalte für die Leserbriefe.

Immer mehr Schülerzeitungen nutzen digitale Ausspielwege

"Aber ich habe schon Pläne. Ich finde, der beste Weg um überhaupt Schüler zur Zeitung zu ziehen, ist durch Dinge außerhalb der Zeitung. Wir haben auch schon mehrere Accounts auf sozialen Medien bisher angefangen. Wir brauchen noch so ein paar gute Ideen!"

Das Problem: schnell und aktuell berichten, dafür fehlt in der Regel die Zeit. So bleibt es vorerst haptisch. Immerhin, das Editorial der Druckfassung bietet aufwändig recherchierte und gestaltete Artikel auf stolzen 62 Seiten, und dazu üppige Bildstrecken im Vierfarbdruck.

Nur die wenigsten Schulen in Niedersachsen sind bereits ans schnelle Breitbandnetz angeschlossen. Sorgenvoll blickt Vize-Chefredakteur Mika Purwins auf den flackernden Monitor vor ihm. Erst vor wenigen Tagen ging der Server in die Knie:

"Wir haben halt leider auch für die gesamte Schule langsames Internet. Wir haben unsere AG immer freitagnachmittags, da ist eigentlich sonst keiner da an der Schule. Und trotzdem schaffen wir es mit fünf Rechnern das gesamte Netz auszulasten - was halt bei einer Schule mit über 600 Schülern eigentlich nicht passieren sollte."

Doch immer mehr Schülerzeitungen gehen online, der Anteil der Online-Ausgaben und Podcasts nimmt auch bei den Blattmacher-Wettbewerben rasant zu, hat Jonas Gebauer von der Jungen Presse Niedersachsen beobachtet:

Gegendarstellung vom Biolehrer

"Online bietet natürlich auch viel mehr Freiraum. Wenn ich jetzt eine Printausgabe veröffentliche, habe ich eben das Problem, die kommt zwei- oder viermal im Jahr raus und ich habe einen Stichtag, bis da muss dann auch alles fertig sein. Das kann dann durchaus stressig werden, mit Klausuren, Hausaufgaben und sonstigen Angeboten, die die jungen Menschen heute in der Schule sowieso schon zu bewältigen haben."

Online bewahren sich die Redaktionen überdies eher ihre Unabhängigkeit. Denn viele Printausgaben entstehen heute unter der mehr oder weniger wohlwollenden Kuratel einer Lehrkraft oder eines pädagogischen Mitarbeiters, der die Zeitungs-AG betreut:

"Das ist eben der Lehrer, der am Ende noch einmal darüber schaut, dann vielleicht auch das Layout macht, was durchaus zu einer gewissen Art der Zensur führen kann. Dann reden wir eben nicht mehr von SchülerInnenzeitung, dann reden wir von Schulzeitung!"

Schulleitungen intervenierten schon wegen morbider Gedichte oder vermeintlich jugendgefährdender Bilder. Auch die Macher der EMAG TIMES provozierten schon eine Gegendarstellung des Biologielehrers - sie hatten sich über eine winterliche Pflicht-Pflanzaktion an ihrer Umweltschule lustig gemacht.

Erste Pressekonferenz nur für Schülerreporter

Für ihre Recherchen zu den Digitalisierungsplänen des Landes befragten die Jungreporter auch den niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrick Tonne im fernen Hannover. Im Einklang mit dem Sozialdemokraten reifte die Idee, die erste Schülerpressekonferenz des Landes abzuhalten. Der Minister gab sich im Anschluss an den anderthalbstündigen Frage-Marathon gestern im Landtag voll des Lobes:

"Ich nehme für uns mit, dass natürlich auch die Schülerinnen und Schüler sich umtreiben lassen von der Frage, was macht eigentlich eine gute Schule aus? Es wird keine Eintagsfliege bleiben, sondern wir werden gucken, dass wir da ein vernünftiges Format draus machen. Weil ich diesen Austausch unglaublich bereichernd finde."

Dafür spricht vieles, sagen die Macher der EMAG TIMES zum Abschied. Sie sind mächtig stolz auf ihren Scoop: "Ich habe wirklich mich darüber gefreut, dass wirklich so anspruchsvolle Fragen kamen von vielen der Schulen."

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