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StartseiteEine Welt"Schuld sind die Kooperativen"22.09.2007

"Schuld sind die Kooperativen"

Evo Morales verstaatlicht Boliviens Wirtschaft

Indem Präsident Evo Morales weite Wirtschaftszweige verstaatlicht, spaltet er Bolivien politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Besonders die indigene Bevölkerung wird dadurch benachteiligt. Das Beispiel der Zinnmine im Andendorf Cataricagua.

Von Detlev Urban

Boliviens Präsident Evo Morales weitet den staatlichen Einfluss auf die Wirtschaft aus. (AP)
Boliviens Präsident Evo Morales weitet den staatlichen Einfluss auf die Wirtschaft aus. (AP)

Weinend kauern sie an den Särgen. Die Cholas, die indigenen Frauen mit ihren weiten Röcken und melonenartigen Hüten, trauern um ihre Söhne. Vier Kumpel liegen verschüttet in der Zinnmine. Das Dorf Cataricagua ist im Ausnahmezustand. Es ist staubig hier und kalt auf 4.300 Metern Höhe in den Anden.

Das Dorf wirkt wie erstarrt. Seit den frühen Morgenstunden zieht Militär auf. An der Dorfkirche stehen sie, mit Gewehren und Tränengas. Auf den umliegenden Bergketten haben sich die Posten in Stellung gebracht: 500 Soldaten für 1200 Einwohner. Ihr Befehl: sie sollen verhindern, dass Zinn aus dem Schacht geholt wird. - Wilfredo Saravia ist Sprecher der Mineros von Cataricagua und fühlt sich beim Anblick des Militärs an düstere Zeiten erinnert.

"Jeden Augenblick kann es hier zum Blutvergießen kommen. Es ist eine ungeheure Provokation, dass die Regierung Militär herschickt, gegen die armen Leute, die nichts anderes wollen als Arbeit zu finden. Wir sind vom Militär eingekesselt wie in schlimmsten Zeiten der Diktatur."

Die Bergleute schicken Suchtrupps in die Mine, mit Hacke und Schaufel, Hammer und Meißel - mehr haben sie nicht. Und Hilfe von außen, auch vom Militär, bekommen sie nicht. Der Berg ist durchzogen von Stollen, fast alle sind ungesichert. Überall Löcher und Schächte, keiner weiß so Recht, wohin sie führen. Sie arbeiten hier wie zu Zeiten der Inkas. Boliviens Bergbau besteht heute wie damals aus tausenden kleiner Minen.

Edgar Lalo versucht sich mit einigen Compañeros zu den Verschütteten vorzuarbeiten. Oft kommen sie nur kriechend voran.

"Wir Cooperativistas gehen jeden Tag hier rein. Klar ist das riskant. Manche kommen hier tot raus. Das ist das Schicksal der kleinen Bergleute. Ich gehe hier jeden Tag rein, weil ich das Brot für meine Kinder verdienen muss.."

Eine Arbeit, die ihnen die Regierung streitig macht. Evo Morales, der indigene Präsident Boliviens, hat Militär gegen die Arbeiter geschickt. Denn Konflikte hier im Bergbaugebiet von Huanuni in der Provinz Oruro eskalieren schnell. Im Oktober 2006, sie nennen ihn hier Schwarzen Oktober, gingen Arbeiter der Kooperativen und Lohnarbeiter der staatlichen Minengesellschaft mit Dynamit und Pumpguns aufeinander los. Ergebnis: 16 Tote, 80 Schwerverletzte. Es geht um Grundsätzliches. Evo Morales nahm diese Schlacht zum Anlaß, den Bergbau zu verstaatlichen und den hiesigen Kooperativen die Konzessionen zu entziehen. Gültige Verträge wurden annulliert. Ein klarer Rechtsbruch, meint Edgar Lalo.

"Der Vertrag läuft auf 20 Jahre. Doch unser Präsident, Evo Morales, will unsere Kooperativen abschaffen. Aber kein Dekret und auch die neue Verfassung, die erarbeitet werden soll, dürfen gegen geltendes Recht verstoßen."

Eine Klage beim Verfassungsgericht ist anhängig. Als vor 20 Jahren die Preise für Zinn einbrachen und die staatlichen Betriebe unrentabel wurden, erhielten viele Kooperativen ihre Schürfrechte. Jetzt sind die Zinnpreise weltweit gestiegen und der bolivianische Staat will mit verdienen. Die links orientierte Regierung Morales hat die Nationalisierung der Öl- und Erdgasfelder bereits durchgesetzt und will auch den Bergbau nationalisieren. Die Liquidierung der Kooperativen trifft die indigene Bevölkerung, die Wählerschaft von Evo Morales. Aber der begründet seinen Vorstoß damit, dass die Cooperativistas "jucus", also Diebe seien.

"Diesen Compañeros ist lediglich verboten worden, Mineralien zu stehlen. Das ist Diebstahl an staatlichem Eigentum."

"Aber sie haben einen Vertrag, gültig auf 20 Jahre."

"Den habe ich als Präsident annulliert, durch Dekret. Die Schuld haben sich die Kooperativen selbst zuzuschreiben. Im Oktober 2006 gab es die gewaltsamen Zusammenstöße mit den Gewerkschaften. Die Kooperativen haben ihre Verträge gebrochen, sie sind in die Mine von Huanuni eingestiegen, und zwar auf Höhenniveaus, die vertraglich nicht genehmigt waren. Wenn wir sie nicht gehindert hätten, wäre eine Invasion die Folge gewesen, mit Dynamit, weiteren Toten und Verletzten. "

In Huanuni, dem Zentrum des Zinnbergbaus, hat die staatliche Minengesellschaft Comibol von der Liquidierung der Kooperativen profitiert und an die 4.000 Kumpel als Lohnarbeiter übernommen. Viele hatten gar keine andere Wahl. Sie verdienen nun schlechter als früher, doch in der Kooperative war es auch nicht sicher, dass man Geld nach Hause brachte, sagt ein Minero.

"10.000 habe ich früher in der Kooperative verdient, oder 5.000. Manchmal auch nur 1.000 Bolivianos, und es gab Zeiten, da bist Du mit leeren Taschen nach Hause gegangen, einen Monat, zwei Monate ohne einen Centavo."

1.000 Bolivianos, das sind umgerechnet etwa 100 Euro.

In jedem Fall ist die Arbeitssicherheit im Bergwerk um vieles höher als in den genossenschaftlich betriebenen Minen.

Sie, die Mineros, Kooperativen wie Gewerkschaften, haben gegen Evo Morales' Politik protestiert. Die einen wollen mehr Markt, die anderen mehr Staat. Erst im Juli blockierten die gewerkschaftlich Organisierten die Fernstraßen auf dem Altiplano für eine gesamte Woche. Tausende Reisende saßen im Hochland fest bis schwer bewaffnete Polizeitruppen die Blockade auflösten. Die Tränengaswolken waren noch nicht verzogen, da warfen die Blockierer, linke Gewerkschafter, dem linken Präsidenten eine neoliberale Politik vor, denn er selbst habe als Kokabauer das Kampfmittel der Straßenblockaden eingesetzt. - Der Druck der Straße zeigte Wirkung, Morales verfestigte seinen Verstaatlichungskurs.

In Cataricagua sind auch eine Woche nach dem Unglück die vier Bergleute noch nicht geborgen. Die Angehörigen trauern weiter. Auf Hilfe der Behörden warten sie vergeblich, anderswo eine Selbstverständlichkeit. Auf Nachfragen, warum es keine Hilfe gibt, reagiert Präsident Evo Morales hilflos und zynisch.

"Wir haben doch die Armee hin geschickt. Die könnten ja helfen."

Die Armee belagert das kleine Andendorf, doch Hilfe bietet sie nicht.
Die letzten 1200 Cooperativistas von Huanuni pochen jedoch auf ihr Recht, weiter arbeiten zu dürfen. Eines aber ist schon jetzt sicher: in der indigenen Bevölkerung von Cataricagua hat das Image des Indio-Präsidenten Evo Morales erhebliche Risse bekommen, sagt Wilfredo Saravia, der Sprecher der Cooperativistas.

"Wir haben alle Evo Morales gewählt. Auch unsere Frauen. Er hat uns ja sogar vor seiner Wahl ein schriftliches Versprechen gegeben, dass wir hier weiter arbeiten können. Und nun schickt er Militär, um uns zu unterdrücken. Das ist das wirkliche Drama."

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