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StartseiteEuropa heuteSprachwechsel ohne Probleme08.02.2019

Schule in LettlandSprachwechsel ohne Probleme

Mehr Unterricht auf Lettisch, weniger auf Russisch – das ist der Plan der lettischen Regierung. Aber die Bildungsreform stößt auf Widerstand in der eigenen Bevölkerung und in Moskau. Ein Gymnasium in Riga zeigt, dass es auch ohne Streit geht.

Von Gesine Dornblüth

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Ein Stapel Bücher für den russischsprachigen Schulunterricht in Lettland  (picture alliance/Sputnik/Sergey Melkonov)
Bücher für den russischsprachigen Schulunterricht in Lettland (picture alliance/Sputnik/Sergey Melkonov)
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Große Pause im "Klassischen Gymnasium" von Riga. Der Name klingt hochtrabend, in Wirklichkeit ist es ein Funktionsbau aus der Sowjetzeit. Die Schüler strömen in den Speisesaal. Mädchen mit brav geflochtenen Zöpfen, einige im Kleidchen. Jungs in ausgebeulten Jeans, Sneakers.

Das "Klassische Gymnasium" von Riga ist mit rund 1.700 Schülern die größte Minderheitenschule in Lettland. Das umliegende Viertel wurde zu Sowjetzeiten als Schlafstadt gebaut, vor allem Russen zogen hier ein und schickten ihre Kinder auf die Schule in der Nachbarschaft. Unterrichtet wurde damals komplett auf Russisch.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Bürger oder Besatzer? Lettland und seine russischsprachige Minderheit

Mittlerweile gehen zwar immer noch vor allem russische Muttersprachler auf das Gymnasium, aber der Unterricht ist bilingual: Lettisch, Russisch und dazu wird noch auf Englisch unterrichtet.

Lettisch, Russisch, Englisch, Aserbaidschanisch

Es ist Projekttag. Die Schüler der siebten Klassen arbeiten an einer Lettland-Broschüre für Touristen. Gerda Balode, die Lettischlehrerin, bespricht mit zwei Schülerinnen deren Ideen. Auf Lettisch. Dann wechseln sie ins Russische:

"Lettland besteht aus vier Regionen und jede Klasse behandelt eine von ihnen. Die Schüler kümmern sich um Architektur, berühmte Personen, die lokale Küche. Am Ende machen wir ein großes Poster. So lernen wir die Geschichte Lettlands, unsere Berühmtheiten und unsere Kultur kennen."

Lala, 13 Jahre alt, nickt. "Ich will jetzt kein anderes Land beleidigen. Aber in Lettland leben sehr gute und hilfsbereite Menschen. Es gibt sehr viel Wald, die Natur ist schön."

Für Lala sind sogar Russisch und Lettisch Fremdsprachen: "Meine Muttersprache ist Aserbaidschanisch. Ich bin nach Lettland gekommen, als ich in die erste Klasse ging. In den letzten sieben Jahren habe ich unsere Sprache gelernt, jetzt spreche ich gut."

Schülerinnen der siebten Klasse des "Klassischen Gymnasiums" von Riga mit ihrer Lettischlehrerin (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)Schülerinnen der siebten Klasse des "Klassischen Gymnasiums" von Riga mit ihrer Lettischlehrerin (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)

Fachbegriffe in zwei Sprachen

Im Mathematikraum sind die Tische zu Gruppen zusammengeschoben. Eine sechste Klasse arbeitet hier. Am Fenster sitzen Anja und Katarina, neben sich einen riesigen Taschenrechner aus Pappe: "Wir haben sehr lange daran gebastelt. Aber wir haben uns große Mühe gegeben."

In den Mathebüchern, die sie an dieser Schule benutzen, wechseln Aufgaben auf Lettisch und Russisch einander ab. So lernen die Kinder fast automatisch die jeweiligen Fachbegriffe. Für sie mache es überhaupt keinen Unterschied, in welcher Sprache unterrichtet wird, erzählt Katarina, die zu Hause Lettisch spricht.

Veronika Makarcuka, die Mathelehrerin, spricht neben ihrer Muttersprache Russisch fließend Lettisch, Englisch und Deutsch, was sie gern demonstriert:

"Vorher habe ich auch Physik in der siebten Klasse unterrichtet, da hatten wir einen normalen Unterricht, der war auf Lettisch und Russisch. Und wir hatten die zusätzlichen Unterrichtsstunden, Science, da hatten wir auch auf Englisch was gemacht."

Der Direktor brachte sich Lettisch selbst bei

Dass der Wechsel zwischen den Sprachen an dieser ursprünglich russischen Schule inzwischen so gut klappt, ist vor allem dem Direktor zu verdanken. Romans Alijews hat bereits Anfang der 90er-Jahre eingeführt, dass Unterricht neben Russisch auch auf Lettisch stattfindet und den Anteil schrittweise immer weiter ausgebaut.

Alijews sitzt in seinem Büro und serviert Tee in türkischen Gläsern. Er erzählt von seiner eigenen Geschichte: Vater und Mutter, ein Aserbaidschaner und eine russische Finnin, sind zu Sowjetzeiten zugezogen. Der Sohn besuchte selbstverständlich eine russische Schule. Als er in Riga Philosophie studieren wollte, ging das nur auf Lettisch. Er brachte sich die Sprache selbst bei.

"Das war sehr schwer. Und daran denke ich immer, wenn es um die Situation heute geht. Ich möchte nicht, dass unsere Kinder diese Schwierigkeiten haben, sich von einer Sprache auf die andere umstellen zu müssen. Für sie soll es natürlich sein, von einer Sprache in die andere zu wechseln."

Alijews räumt ein: Es gäbe Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Bildungsreform. Die sieht etwa vor, dass ab Herbst 2020 in den oberen Klassen landesweit nur noch auf Lettisch unterrichtet werden darf. Andere russische Schulen im Land hätten versäumt, rechtzeitig auf bilingualen Unterricht umzustellen. Und der Staat habe zu wenig in die Fortbildung von Lehrern investiert.

"Wir sind alle eine Nation, ein Volk"

Befürchtungen mancher Eltern, ihre Kinder lernten im bilingualen Unterricht nicht mehr richtig Russisch, teilt er nicht. Russisch bleibe ja Muttersprache:

"Alle unsere Schulabgänger sind fähig, sich auf Russisch weiterzubilden oder ihren Hobbys nachzugehen, sei es Literatur, sei es Theater. Das ist kein Problem. Im Übrigen haben wir niemanden, der in Russland studieren möchte. Oder nur sehr wenige. Vielleicht zehn Leute in 20 Jahren."

Es gehe bei dem bilingualen Schulkonzept auch nicht darum, russische Wurzeln zu negieren, sagt Romans Alijews noch:

"Wir müssen den Kindern das Gefühl von Würde und Stolz auf die eigene Herkunft beibringen. Aber dabei ist wichtig, dass wir alle eine Nation sind, ein Volk, dem das Schicksal unseres Landes am Herzen liegt."

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