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StartseiteCampus & Karriere"Mindestens mal eine gute Unterrichtseinheit etablieren"10.04.2018

Schule und Digitalisierung"Mindestens mal eine gute Unterrichtseinheit etablieren"

Anton Eickel, 17, geht in die 11. Klasse eines Gymnasiums in Arnsberg. Er kritisierte im Dlf den kaum stattfindenden Umgang mit der Digitalisierung im Unterricht. Schüler sollten vor allem über die Chancen, aber ganz besonders die Risiken in der virtuellen Welt aufgeklärt werden.

Anton Eickel im Gespräch mit Jörg Biesler

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Eine Lehrerin während des Unterrichts an einer Schule in Bremen. (dpa/picture alliance/ Mohssen Assanimoghaddam)
"Kein Hauch von Digitalisierung": Schüler wie Anton Eickel fühlen sich durch die Schule auf ihr künftiges Arbeitsleben schlecht vorbereitet. (dpa/picture alliance/ Mohssen Assanimoghaddam)
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Jörg Biesler: Wie Kinder lernen können, mit der digitalen Technik umzugehen, ist längst eine Frage von gesellschaftlicher Relevanz. Es geht um Fake News und wie man sie von richtigen Nachrichten unterscheidet, es geht um den Schutz persönlicher Daten und natürlich auch um die berufliche Zukunft jedes Einzelnen. An den Schulen aber ist das Thema noch nicht ausreichend angekommen und heutige Schüler laufen Gefahr, darunter zukünftig zu leiden - das sagt Anton Eickel. Der ist 17 und geht aufs St.-Ursula-Gymnasium in Arnsberg in Nordrhein-Westfalen und ist dort in der Stufe elf. Guten Tag, Herr Eickel!

Anton Eickel: Guten Tag!

"Bei mir ist mit Digitalisierung eben leider noch nicht so viel"

Biesler: Sie kommen gerade aus der Schule. Ist die Digitalisierung da ein Thema im Unterricht?

Eickel: Ja, ganz richtig, ich durfte heute sechs Stunden im Klassenzimmer verbringen und leider, muss ich sagen, ist mir auch heute das Thema mal wieder nicht begegnet. Wir sprechen zum Beispiel momentan in Geschichte über die Industrialisierung und diese Zeit eben im 19. Jahrhundert, und heutzutage sehen wir auch, alle Welt redet wieder von Industrie 4.0, der vierten Industriellen Revolution, und in den Klassenzimmern - zumindest aus meiner Sichtweise - weht eben noch kein Hauch von Digitalisierung. Und ich habe auch bereits mit Schülern von anderen Schulen gesprochen, sogar mit Lehrern, und da gibt es tatsächlich Schulen, die sind sogar noch rückständiger als wir, aber auch Schulen, die die Digitalisierung anpacken und das Ganze eher als Chance sehen und nicht als ein, ja, wie sagt man, in der Zukunft liegendes notwendiges Übel. Es kommt, glaube ich, wirklich auf die Schule an und bei mir ist mit Digitalisierung eben leider noch nicht so viel.

Fehlende Kompetenz bei Lehrerinnen und Lehrern

Biesler: Das ist ja auch ein Kritikpunkt, den man äußern kann, dass das im Augenblick eigentlich so geregelt ist, dass jede Schule sich selber kümmern muss oder mehr oder weniger kümmert und es an den Personen hängt. Sie schreiben ja als Schülerreporter regelmäßig für ein Online-Magazin.

Eickel: Genau.

Biesler: Da habe ich gelesen, dass es eben gerade auch aus Ihrer Sicht nicht vor allen Dingen die Technik ist, die fehlt, also die technische Ausstattung, die jetzt auch kommen soll mit Geld der Bundesregierung, sondern die Kompetenz bei Lehrerinnen und Lehrern. Den Vorwurf hört man ja häufiger, aber wie zeigt sich das bei Ihnen im Schulalltag?

Eickel: Vielleicht noch ergänzend kann man sagen, dass ich auf eine katholische Privatschule gehe, also auch vom Erzbistum Paderborn, die haben auch mehr als genug Geld, daran kann es also wirklich nicht liegen. Also ich gehe ja jetzt auf eine Schule mit ungefähr 700 Schülern und wir haben jetzt bald in fast jedem Raum einen Beamer und ganze zwei interaktive Whiteboards, das sind also so Tafeln, die sich auch mit dem Computer vernetzen lassen. Diese werden aber tatsächlich im Unterricht so gut wie nie eingesetzt.

Hantieren mit VHS-Kassetten, quietschende Tafeln

Biesler: Weil die Lehrer das nicht können?

Eickel: Genau. Also davon gehe ich mal stark aus. Einmal eben die technische Unfähigkeit und zum Zweiten aber auch, dass sie scheinbar nie gelernt haben, wie sich diese digitalen Medien überhaupt einsetzen lassen. Und ich habe das ja auch in meinem Artikel eben so beschrieben, dass noch viele mit diesen alten flackernden Röhrenfernsehern über die Flure ziehen und sogar noch zwei, drei ganz alte Semester mit VHS-Kassetten hantieren, und somit sitzen wir trotz alledem, dass die Geräte zum großen Teil da sind, immer noch wie meine Eltern und meine Großeltern auch noch, größtenteils eben vor den quietschenden Tafeln.

Biesler: Nun sind die quietschenden Tafeln ja an sich auch nichts Verkehrtes, darauf kann man auch lesen und schreiben, das funktioniert eigentlich ganz gut.

Eickel: Ja, definitiv.

Sorge, ganz unvorbereitet für die Zukunft zu sein

Biesler: Aber Sie schreiben, sie haben eigentlich das Gefühl, den Anschluss zu verlieren, gar nicht zu verstehen, was die Herausforderungen dieser digitalen Welt sind, in die Sie ja dann auch irgendwann mal berufstätig hineingehen sollen. Und das empfinden Sie als großen Nachteil gegenüber Schülerinnen und Schülern in anderen Ländern. Da, meinen Sie, funktioniert es besser?

Eickel: Ich bin immer wieder begeistert auch vom Bildungssystem in Finnland zum Beispiel, wie progressiv die da vorgehen. Aber es gibt ja auch mittlerweile zahlreiche Studien, die dann sagen. Da gibt es ja die Oxford-Studie zur Zukunft der Arbeit, 47 Prozent der Jobs, die bis 2030 wegfallen, oder andere Studien, die noch weitaus höhere Zahlen sagen, aber die Tendenz ist ja immer gleich. Und ich befürchte eben, dass wir zum einen eben gar nicht über diese neue vierte Industrielle Revolution aufgeklärt werden und eben ganz unvorbereitet da reingehen. Wir werden ja als noch recht junge Generation quasi unser ganzes Leben davon betroffen sein, von der Berufswahl bis wir in Rente gehen, und das ist eben ein großes Problem, was ich da vor allem auch für meine Generation sehe, dass wir da eben nicht ausreichend für vorbereitet werden, ja.

"Viele können vom virtuellen Lärm nicht mehr abschalten"

Biesler: Wie könnte das denn geändert werden? Hätten Sie da Tipps, hätten Sie Hinweise - sowohl für die Politik als auch vielleicht ganz konkret für die Lehrer an Ihrer Schule?

Eickel: Ja, also mein wichtigster Punkt, sage ich immer, ist eben nicht die digitale Ausstattung, sondern dass wir erst mal überhaupt, mit den digitalen Medien verantwortungsvoll umzugehen. Also wir sollten vor allem eben über die Chancen, aber auch eben ganz besonders die Risiken in der virtuellen Welt aufgeklärt werden. Ich denke da eben an so Fragen: Wie kann ich lernen, nicht auf Fake News reinzufallen, was passiert mit meinen Fotos und meinen Daten, gibt es im Internet überhaupt etwas wie Privatsphäre und wie werde ich dort unbewusst von Werbung beeinflusst? Wir haben ja auch eben bei diesem jüngsten Datenskandal auch von Facebook gesehen, dass das Fragen sind, die immer wichtiger werden. Und somit wünsche ich mir, dass eben mindestens mal eine gute Unterrichtseinheit in den Schulen etabliert wird, damit wir über diese Fragen aufgeklärt werden. Und wenn ich noch was dranhängen darf, ist auch die Aufklärung wichtig, wie wir psychisch mit dieser ganzen Digitalisierung umgehen. Ich sehe ja auch viele Schüler, die eben von diesem, ich nenne es mal: virtuellen Lärm nicht mehr abschalten können. Und da sehe ich große Gefahr, dass wir im schlimmsten Fall eine Generation auch von unglücklichen und psychisch gestörten Menschen heranwachsen sehen, weil eben Lebensglück, Lebenszeit auf Facebook, Instagram und Co. davonlaufen. Und das würde ich mir eben von der Politik vor allem wünschen, dass diese Aufklärung in den Schulen noch etabliert wird.

"Schule muss sich auch selber immer anpassen"

Biesler: Sie haben offensichtlich das Gefühl, dass die Elternhäuser das nicht leisten können. Denn es ist ja im Augenblick eine Entwicklung zu beobachten, viele Lehrerinnen und Lehrer klagen darüber, dass sie immer mehr auch an Erziehungsaufgaben leisten müssen. Kann die Schule das eigentlich, was Sie da von ihr verlangen?

Eickel: Ich weiß, ich verlange viel. Aber ich glaube, dass. Die Schule muss sich auch selber immer den gesellschaftlichen Entwicklungen und den wirtschaftlichen Entwicklungen anpassen. Und dass man auch die Prioritäten im Unterricht immer wieder neu setzen muss.

Biesler: Und dann wäre es wahrscheinlich am Ende auch noch ganz schön, wenn die Lehrerinnen und Lehrer auch mit dem Whiteboard umgehen könnten und mit dem Beamer?

Eickel: Das wäre wunderbar, auch wenn es nicht mehr WLAN im Lehrerzimmer gibt, sondern eben auch für alle Schülerinnen und Schüler.

Biesler: Anton Eickel, Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums in Arnsberg in Nordrhein-Westfalen, der einen Artikel geschrieben hat im Online-Magazin "Z" über die Digitalisierung an den Schulen und dass sie da eigentlich gar nicht stattfindet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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