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StartseiteThemaWie sich coronabedingte Lernlücken auffangen lassen29.03.2021

SchuleWie sich coronabedingte Lernlücken auffangen lassen

Wie können Schüler den Lernstoff aufholen, den sie Corona-bedingt bislang verpasst haben? Die Kultusministerkonferenz hat eine Milliarde Euro für Nachhilfemaßnahmen in Aussicht gestellt. Andere Konzepte erwägen die Verlängerung der Schulzeit oder den Stoff grundsätzlich zu entschlacken. Ein Überblick.

Konzentrierte Arbeitsstimmung in der Oberstufe. Jugendliche sitzen nebeneinander und habe je ein Buch in Händen. Symbolbild (EyeEm / นายธีรวัฒน์ รัตน์รอดกิจ)
Was hilft, um den verpassten Lernstoff wieder aufzuholen? Experten und Politikerinnen sind sich uneins. Vorschläge gibt es jedoch (EyeEm / นายธีรวัฒน์ รัตน์รอดกิจ)
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Viele Schüler haben seit Dezember die Schule nicht mehr von innen gesehen, auch wenn in zahlreichen Regionen der Unterricht, zumindest im Wechsel- oder Hybridmodell, momentan wieder stattfindet. Der ausgefallene Schulstoff ist immens und die Folgen überhaupt noch nicht absehbar.

Lehrerverband: 20 Prozent der Schüler haben stark erhöhten Förderbedarf 

Bei mindestens 20 Prozent der Schüler geht der Verband davon aus, dass wegen der Coronakrise ein stark erhöhter Förderbedarf entstanden sei. "Da haben wir Bedenken, ob sie überhaupt noch den verpassten Stoff aufholen können." Ähnliche Zahlen hatte zuletzt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) genannt. Die Studie des arbeitgebernahen Instituts geht laut einem Bericht der "Rheinische Post" von rund 1,5 Millionen Schülern aus, bei denen durch die Krise ein stark erhöhter Förderbedarf entstanden ist. Die Autoren rechnen mit einem durchschnittlichen Förderbedarf von rund 100 Stunden pro betroffenem Schüler - und kommen so auf eine Fördersumme von 1,5 Milliarden Euro. Der Deutsche Lehrerverband rechnet hingegen mit Kosten von zwei Milliarden Euro für Förderprogramme.

Bildungsexperten denken deshalb darüber nach, wie abgehängten Schülern und Schülerinnen zu helfen und wie der Lernstoff aufzuholen ist. Die Kultusministerkonferenz hat eine Milliarde Euro für Nachhilfemaßnahmen in Aussicht gestellt. Andere Konzepte erwägen für Realschüler ein 11. Schuljahr, für Abiturienten die 13. oder 14. Klasse, um den Abschluss zu machen.

Nachhilfe in der Ferienzeit

Über ein Förderprogramm beraten Bund und Länder bereits seit einigen Wochen. Die mit der "Nachhilfe-Milliarde" angesprochene Summe könne den Bedarf für die Kernfächer abdecken, erklärte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). Die SPD-geführten Länder schlagen vor, rund jedem fünften der elf Millionen Schülerinnen und Schüler zusätzlichen Unterricht anzubieten - entweder über ein ganzes Schuljahr zwei Stunden pro Woche oder über ein halbes Schuljahr vier Stunden.

Mit einem Sieben-Punkte-Fördermodell will Markus Söder, der bayerische CSU-Ministerpräsident, die sogenannten Corona-Lernlücken schließen. Dafür nimmt Bayern 40 Millionen Euro in die Hand und will 3.000 Helfer aktivieren

Der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, begrüßte das zusätzliche Förderangebot an Schulen. Er forderte jedoch, auf eine zeitliche Begrenzung zu verzichten. "Es muss jetzt schon darüber nachgedacht werden, wie das nun zu spannende Auffangnetz verstetigt werden kann, um langfristig zu wirken."

Der Bildungsforscher und Didaktiker Ulrich Kortenkamp von der Universität Potsdam warnt allerdings vor Nachhilfe in der Ferienzeit. Die Kinder und Jugendlichen bräuchten diese Zeit zur Erholung. Auch sie erlebten massiven Corona-Stress.

Marcel Helbig, Bildungsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, ist ebenfalls skeptisch. Der Bezug auf den Lernstoff, der eigentlich zu erreichen gewesen wäre und den man jetzt nachholen müsse, sei eine Art Mantra, sagte er Dlf. "Ich würde bezweifeln, dass man diesen Lernstoff des normalen Schuljahres quasi als Maßstab ansetzen kann", so Helbig in der Sendung "Campus und Karriere".

Selbst wenn man Lehramtsstudenten, pensionierte Lehrerinnen, private Nachhilfe-Institute einbeziehen würde, sei unklar, wie man diese Maßnahme flächendeckend umsetzen wolle. Im ländlichen Raum fehlten etwa Universitäten mit ihren Lehramtsausbildungsstätten. Zudem wüssten all diese Gruppen nicht, wo sie mit dem Stoff ansetzen sollten in der Praxis. "Es kommt jemand von außen am Nachmittag oder an Samstagen oder in den Ferien, um das Ganze irgendwie zu bearbeiten." Das wirke hilflos.

  (picture alliance / dpa / Kira Hofmann) (picture alliance / dpa / Kira Hofmann)Bildungsforscher Helbig - Wie können Schüler Lernlücken füllen?
Marcel Helbig sagte im Dlf, es sei im letzten Kalenderjahr unmöglich gewesen, den Lernstoff zu erfüllen. Jetzt müssten Lösungen her, die den Schülern genügend Zeit gäben, um aufzuholen. 

Lernstoff entschlacken

Als allererstes müsse man den Schulstoff entschlacken und umschichten, meint Wolfgang Heinrich. Er ist Mathematik- und Physiklehrer an der Heinrich von Kleist-Oberschule in Frankfurt/Oder. "In der 9. Klasse habe ich versucht, Quadratische Funktionen, Quadratische Gleichungen vorzuziehen. Machen werde ich noch Wahrscheinlichkeitsrechnung. Zurückrücken wird die Körperberechnung, die ich nicht machen werde." Einzelne Teile des Lehrplans müssten aussortiert werden. Statt in die Wissensbreite müsse man viel mehr in die Tiefe gehen. Keinesfalls wegfallen dürften ganze Schulfächer, unterstreicht Heinrich. Er ist der stellvertretende Vorsitzende des Verbands Brandenburgischer Oberlehrer. Die Auswirkungen des Home-Schoolings seien dramatisch: "Etwa ein Fünftel der Schüler hat in der Online-Schulzeit gar nichts gemacht", schätzt er.

Auch Bildungsforscher Marcel Helbig sprach sich im Deutschlandfunk für Fokussierung aus. Man solle zum Lehrplanstand von Dezember zurückzugehen. Dort sollten die Lehrer anknüpfen und alles, was bis zum Ende des Schuljahres nicht zu schaffen sei, müsse ins nächste Schuljahr verschoben werden.

Verlängerung des Schuljahres

Bildungsforscher Kortenkamp von der Universität Potsdam sagt, man müsse Schule schlicht neu denken. Selbst ungewöhnliche Ideen würden helfen. Einer der Vorschläge: die Verlängerung des Schuljahres. Realschüler könnten beispielsweise ihren Abschluss statt in der 10. in der 11. Klasse machen. Für Abiturienten könnte man in Brandenburg wieder das 13. Schuljahr einführen, anderswo das 14. Schuljahr in Betracht ziehen. Je nachdem, ob es sich um G8- oder G9-Schüler handelt. Kortenkamp sagt, man müsse durchaus daran denken, den Beginn von Ausbildung oder Studium zu verschieben. 

Samstag als Schultag

Nachgedacht wird auch über den Samstag als normalen Schultag. Bis heute könnte man das zum Beispiel im Land Brandenburg relativ unbürokratisch realisieren. "Auf Beschluss der Schulkonferenz kann der Unterricht an sechs Wochentagen stattfinden. Der Beschluss bedarf der Zustimmung des Schulträgers", heißt es im Paragraf 13 des brandenburgischen Schulgesetzes.

Geschichts-Lehrerin Kathrin Dannenberg. Bildungspolitikerin und Abgeordnete der Linke im Potsdamer Landtag, würde allerdings davon abraten. Früher, zumal in der DDR, war es völlig normal, dass Schüler den Samstag-Vormittag in der Schule verbrachten. Die Pädagogin glaubt aber, dass heute die Wochenenden den Familien gehören sollten. "Gerade bei dem Stress, den sie heute auch haben, brauchen die Familien das für sich." Auch Bildungsforscher Ulrich Kortenkamp hält nichts vom Samstag-Unterricht. 

Jahrgangsübergreifende Lerngruppen bilden

Ulrich Kortenkamp plädiert für die zeitweise Auflösung von Schulklassen und empfiehlt jahrgangsübergreifende Lerngruppen. Schüler sollten je nach Schwächen und Stärken zusammen lernen, egal in welcher Klasse sie sind, um so die Defizite auszugleichen. Ein Beispiel: "Man hat Kinder, die haben in der Bruchrechnung gerade nichts gelernt. In der 5., 6. Klasse sollen die Schüler Brüche addieren können. Jetzt haben sie es aber nicht gelernt. Dann muss man überlegen, was macht man mit denen. Man kann sie nicht einfach immer weiterschleppen, weil das in der 9. Klasse ein Problem wird. Also könnte man sagen, hier hat man einen Teil, die brauchen das noch, die müssen was nachholen. Die gehen in einen eigenen Unterricht und lernen jahrgangsübergreifend." 

Man brauche in der Schulbildung ab jetzt angesichts der Pandemie viel mehr Flexibilität als bisher, meint der Bildungsforscher. Das sei mit einigem organisatorischen Aufwand verbunden, aber machbar. "Wir haben jetzt die Chance, uns zu überlegen, wie wollen wir in einem Jahr Schule haben." Für Kortenkamp geht es darum wieder Lernmotivation, den Spaß am Lernen zu schaffen.

Quellen: Christoph Richter, dpa, aha, rb

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