Montag, 25.05.2020
 
Seit 20:10 Uhr Musikjournal
StartseiteCampus & KarriereBildungsverbände fordern sofortigen Prüfungsstopp12.05.2020

Schulen in NiedersachsenBildungsverbände fordern sofortigen Prüfungsstopp

Derzeit plagen sich 12.000 Schüler in Niedersachsen mit Abiprüfungen. Nun fordern vier Bildungsorganisationen, an den allgemein bildenden Schulen alle Prüfungstermine - bis auf das Abi - zu streichen: Wegen der Pandemie gebe es auch ohne Prüfungen schon genug Probleme.

Von Alexander Budde

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Abiturienten schauen die Abiturprüfungen im Fach Deutsch an.  (dpa)
Der Sinn und Unsinn von Abschlussprüfungen sollte debattiert werden, fordern einige Schüler, Eltern und Bildungsorganisationen. Andere erinnern an Prüfungen als Teil des Erwachsenwerdens - in der Ausbildung, an der Uni. (dpa)
Mehr zum Thema

Schule und Coronavirus KMK-Präsidentin: Schüler sollen ihr Abitur in diesem Jahr ablegen können

Pflichtlektüre im Deutsch-Abitur Das muss man doch gelesen haben!

Deutscher Lehrerverband zum Schulsystem Abitur muss vergleichbarer werden

Proteste gegen Mathe-Prüfungen Neue Wege zum einheitlichen Abitur gesucht

Geschichte und Mathe zum Auftakt des Prüfungsreigens - mit Abstand versteht sich und unter der Knute strenger Hygienevorschriften. Florian Reetz zweifelt grundsätzlich am Sinn von Abschlussprüfungen in diesem Schuljahr. Probleme gibt es schon genug, argumentiert der Vorsitzende des Landesschülerrats. Viele Schülerinnen und Schüler sind schlicht überfordert, sich auf Abschlussprüfungen der neunten oder zehnten Klasse vorzubereiten, sagt Reetz - zumal an einigen Schulen prüfungsrelevante Inhalte erst seit der Rückkehr aus der coronabedingten Zwangspause behandelt würden:

"Jetzt wird das durchgepeitscht, die Schüler stehen noch einmal unter höherem Druck - und das alles wird sich definitiv auf Abschlussklausuren auswirken."

Reetz beruft sich auf erste Rückmeldungen aus dem gerade erst wieder angelaufenen Präsenzunterricht. An manchen Schulen gebe es großartige Initiativen, die das Lernen zu Hause unterstützen, sagt Reetz - auch viele Familien rücken zusammen. Doch nicht alle seien so aufgeräumt: Reetz sorgt sich mehr um die Abgehängten, jetzt, wo Lerngruppen nicht möglich sind.

"Einige Lehrer hören noch nicht einmal von ihren Schülern, ob es denen gut geht, weil sich die Schüler schlichtweg nicht melden oder nicht melden können."

Durchschnittsnoten statt Abitur

In Berlin fand der lautstarke Protest von Teilen der Schülerschaft, der Eltern und der Schulen Gehör: ein Prüfungsstopp mit Ausnahme des Abiturs, stattdessen Durchschnittsnoten als Leistungsnachweis, um zumindest ein wenig Druck aus dem Kessel zu nehmen - Reetz gibt die Hoffnung nicht auf, dass die Kultusminister bundesweit noch einmal über den Sinn und Unsinn von Abschlussprüfungen nachdenken.

"Wir nehmen wahr, dass es verschiedene Länder gibt, wo auch gesagt wird, dass man die Prüfungen ausfallen lassen könnte. Da sehen wir die Möglichkeit, dass der Kultusminister sich ans Telefon setzt - und versucht, aus ´nem Alleingang Konsens zu machen."

Doch weit gefehlt - in der Frage sind sich selbst die vier Verbände, die hinter dem Ruf nach einem Prüfungsstopp stehen, nicht eins. Cindy-Patricia Heine, Vorsitzende des Landeselternrats, merkt diplomatisch an, "dass wir kein einheitliches Meinungsbild aller Erziehungsberechtigten herstellen."

Schülerinnen und Schüler, einer davon mit einer Schutzmaske, bearbeiten Informatikaufgaben. (dpa / Jonas Güttler) (dpa / Jonas Güttler)Abitur 2020 - Der Corona-Jahrgang steht vor ganz neuen Prüfungen
Schüler in Rheinland-Pfalz haben ihr Abi ein halbes Jahr früher. Und nun? Feiern dürfen sie nicht. Praktika, Jobs, Freiwilligendienste und Reisen fallen aus.

Keine Chancengleichheit für Kinder aus bildungsfernen Familien

Doch mit der Verschiebung der Prüfungstermine um eine Woche sei es nicht getan, sagt Heine. Sie sieht die Chancengleichheit insbesondere für Kinder aus bildungsfernen Familien nicht gegeben, solange die meisten Schulen bei der Digitalisierung noch im Eprobungsprozess sind und die Bildungscloud gerade erst schleppend anläuft:

"Und das sehen wir vor allem für die Hauptschüler und auch für die Realschüler als ganz große Schwierigkeit an, weil dort eben häufig die Eltern nicht mit unterstützen können, aus ganz unterschiedlichen Grünen."

"Nichts ist mehr, wie es war" - so begründet die GEW-Landesvorsitzende Laura Pooth, warum sich die Lehrergewerkschaft ebenso wie der Schulleiterverband dem Vorstoß angeschlossen hat. Generell sollten Duchschnittsnoten vergeben werden, damit sich die Fachkräfte unter Corona-Bedingungen auf das Fördern benachteiligter Kinder konzentrieren können. Zudem sei es möglich, freiwillige Prüfungen für diejenigen anzubieten, die sich verbessern wollen, gibt Pooth zu bedenken:

"Die Schulen sind praktisch wie so ein Hochsicherheitstrakt mit gewissen Verhaltensregeln - eigentlich müsste doch jetzt das Wiederankommen´ne Rolle spielen, sie abzuholen, das Erlebte überhaupt zu verarbeiten. Und auf diese ganzen Ängste, die sie ohnehin schon haben, möglicherweise Existenzängste der Familien, jetzt auch noch Angst vor schlechten Noten und vermasselten Prüfungen aufzusetzen, das halte ich für absolut falsch."

"Prüfungen sind immer Stress, das gehört zum Leben dazu"

Torsten Neumann vom Verband Niedersächsischer Lehrkäfte, vertritt die Interessen der Lehrkäfte im Sekundarbereich 1, insbesondere an den Realschulen, Hauptschulen, Oberschulen und Gesamtschulen im Lande - und Neumann widerspricht mit Inbrunst: Die Schulen seien auf den Start der Prüfungen in der kommenden Woche gut vorbereitet, die meisten Neunt- und Zehntklässler, von denen er höre, sähen dem vergleichbar gelassen entgegen:

"Prüfungen sind immer Stress, das gehört zum Leben dazu. Wie sieht es denn später im Leben aus? Sie machen irgendwann´ne Ausbildung oder ein Studium oder dergleichen, da wird es immer Prüfungen geben - und das ist einfach ein Erwachsenwerden, sozusagen."

Auch dieser Abschluß soll wertvoll sein

Nicht nur sei der Infektionsschutz gewährleistet, es habe auch mehr Vorbereitungszeit durch verschobene Termine gegeben, spätestens seit Ende April sei auch die Versorgung der Prüflinge mit Lernpaketen und die Beratung durch Fachlehrkräfte nach den individuellen Bedürfnissen gewährleistet, betont auch Kultusminister Grant Hendrik Tonne. Mit gutem Grund, sagt der SPD-Politiker, hält er am Prüfungsplan fest:

"Wir haben in den Schulen einen sicheren Ort geschaffen. Und dann ist es meine Aufgabe, nicht nur das vermeintlich Wohlklingende zu berücksichtigen, sondern sich auch Gedanken darüber zu machen, wie kann ich auch denjenigen Schülerinnen und Schüler, die in diesem Jahr ihren Abschluss machen, etwas mit an die Hand geben, womit sie mit Stolz, mit Fug und mit Recht nachher sagen können, das ist genauso viel wert wie alle anderen, die vor uns Abschlüsse gemacht haben und alle anderen, die nach uns Abschlüsse gemacht haben."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk