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StartseiteUmwelt und VerbraucherSchulen müssen saniert werden01.10.2003

Schulen müssen saniert werden

Vom Umgang mit dem Giftstoff PCB in Bonner Schulen

Kurz vor Ende der Schulferien meldete die ehemalige Bundeshauptstadt: In 5 von 94 Bonner Schulen seien PCB-Werte gemessen worden, die mittelfristig eine Sanierung vorschreiben. Aus den fünf Schulen wurden 16, nachdem die grüne Stadträtin Dorothee Paß-Weingartz um Akteneinsicht gekämpft und herausgefunden hatte, dass doch mehr Schulenbelastet waren als die Stadt zunächst zugeben wollte. Zwei Bonner Schulen sind so stark belastet, dass sofort saniert werden muss. Die Stadt habe mehrere Möglichkeiten, sagt Dorothee-Paß-Weingartz:

Sandra Pfister

Wenn Schimmelpilze oder andere Schadstoffe die Gesundheit gefährden, muss saniert werden.  (AP)
Wenn Schimmelpilze oder andere Schadstoffe die Gesundheit gefährden, muss saniert werden. (AP)
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Die Schulen, die betroffen sind in der Sanierungsstufe eins, da ist es sofort und unabdingbar dringlich, das heißt wir müssen bei den PCB-Belastungen überprüfen, ob es dadurch gehen kann, dass man neue Fugen einzieht oder es möglicherweise an den Farben liegt, und dann muss man natürlich auch noch rechnen, ob es nicht vielleicht billiger ist, den ganzen Bauabschnitt abzureißen. Das haben andere Städte ja auch gemacht.

So oder so, für die Stadt wird es teuer. Angesichts knapper Kassen würde so manche Kommune gerne über ihre PCB-Altlasten hinwegsehen. Das gibt der Hygienemediziner Martin Exner vom Hygieneinstitut der Universität Bonn zu bedenken. Er sitzt als Sachverständiger in der Innenraumkommission des Bundesumweltamtes.

Die Kosten, die wir jetzt in die Sanierung von Schulen, ggf. wie zum Teil in Bayern geschehen auch in den Abriss von Schulen stecken, diese Kosten fehlen natürlich in anderen wichtigen Bereichen von Kommunen und wir dürfen nicht verkennen, wie derzeit die Finanzsituation in unserer Gesellschaft insgesamt aussieht.

Die UN nahm polychlorierte Biphenyle vor zwei Jahren in die Liste der zwölf schlimmsten Gifte auf - das so genannte "dreckige Dutzend". Eine hohe PCB-Konzentration erhöht das Krebsrisiko, kann Leber, Niere, Immun- und Nervensystem schädigen und auch die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. Ab welcher Konzentration es das allerdings tut, darüber streiten Toxikologen und Umweltmediziner.

1990 hatte das damalige Bundesgesundheitsamt festgelegt, dass ab einer PCB- Belastung von 3000 Nanogramm (pro Kubikmeter Luft) sofortiger Sanierungsbedarf bestehe. Zehn mal niedriger liege allerdings der Wert, den der Mensch bedenkenlos verkraften könne, sagte das Amt damals. Kritiker halten diesen Schwellenwert für viel zu hoch.

Martin Exner plädiert dennoch dafür, die Belastung der Schüler und Lehrer durch PCB in der Raumluft nicht zu dramatisieren. Schüler und Lehrer, die sich in verseuchten Räumen aufgehalten hätten, hätten nur eine um fünf bis sechs Prozent höhere PCB-Konzentration im Blut aufgewiesen als Menschen in nicht-belasteten Räumen. Mehr als 95 Prozent des PCB im Körper stamme immer noch aus der Nahrung, erläutert Exner. Viele Weidetiere nähmen das PCB über belastete Böden und Weiden auf. Dort reichert es sich in ihrem Fettgewebe an.

Für uns bedeutet das weiterhin, dass offensichtlich der Anteil, der aus der Luft aufzunehmen ist an PCB, möglicherweise überschätzt worden ist und die Maßnahmen, die zu einer Verringerung der PCB-Belastung auch weiterhin genutzt werden müssen, auch weiterhin in erster Linie bei der Belastung durch die Ernährung ansetzen müssen.

Die grüne Schulausschuss-Vorsitzende Paß-Weingartz lässt dieses Argument nicht gelten. Letztlich wisse niemand genau, wie PCB auf Kinder wirke.

Paß-Weingartz: Wir müssen uns immer vergegenwärtigen: Alle Grenzwerte, ob es nun Asbest, Formaldehyd oder PCB ist, sind an dem erwachsenen weißen Mann ausgerichtet, nicht an Kindern, d.h. wir sind eigentlich in der Verpflichtung, noch mal viel genauer hinzugucken und zu sagen, o.k., der PCB-Wert Richtlinie sollte 300 sein, dann ist es gut für den Erwachsenen, aber ob es gut ist für die Kinder, sei noch dahingestellt.

Die Bonner PCB-Funde sind kein Einzelfall. Bis weit in die 70er haben viele Unternehmen und Gemeinden PCB als Fugenfüller oder in Kondensatoren verwendet. Alle paar Jahre schreckt ein größerer PCB-Fund die Öffentlichkeit auf - wie vor zwei Jahren in zahlreichen Nürnberger Schulen, im Berliner Olympiastadion oder in einem großen Gebäude der Telekom in Bremen. In Bonn kamen die Funde nur scheibchenweise ans Licht und deshalb herrscht im Rathaus noch immer dicke Luft. ach den Funden in Bonner Schulen ist im Rathaus erst mal dicke Luft. Das kann in den nur mittelmäßig PCB-belasteten Schulen nicht passieren: Bis zur Sanierung innerhalb von zwei Jahren soll hier weiter gut durchgelüftet werden.

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