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StartseiteCampus & KarriereFehlende Schulpsychologen in Sachsen-Anhalt28.01.2015

SchulentwicklungFehlende Schulpsychologen in Sachsen-Anhalt

Schulpsychologen - für viele Eltern schulpflichtiger Kinder in Sachsen-Anhalt ein Reizwort. Denn sie gibt es kaum, weswegen jetzt die GEW und der Landeselternrat in Sachsen-Anhalt Alarm schlagen.

Von Christoph Richter

Weiterführende Information

Leistungsdruck bei Schülern - "Schulpsychologen werden immer wichtiger"
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 15.12.2014)

Wenn Schüler plötzlich Kopfschmerzen, gar Angst haben, nur weil sie in die Schule müssen, dann sind das erste Alarmzeichen, psychische Folgen schulischen Leistungsdrucks. Ein großes Thema ist auch Mobbing, insbesondere Cyber-Mobbing, aber auch Gewalt unter Schülern oder der Drogenkonsum. Dinge mit denen Eltern oft überfordert sind, weshalb für sie Schulpsychologen ein immer wichtigerer Ansprechpartner werden. Schlimm ist dann nur, klagt Ralf Jäger, wenn man Monate warten muss, um überhaupt einen Termin zu bekommen, weil es kaum Schulpsychologen gibt:

"Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass es in der heutigen Zeit so ein Problem ist, schnell seinem Kind helfen zu können."

Der 47-jährige Ralf Jäger ist Vater von vier Kindern und der Vorsitzende des Landeselternrats in Sachsen-Anhalt. Nach aktuellen Angaben des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen gibt es in Sachsen-Anhalt gerade mal 22 Schulpsychologen. Damit ist ein einziger Schulpsychologe für knapp 10.000 Schüler zuständig:

"Wir wissen ja heute, was Facebook und Co. alles schon unseren Kindern beibringt. Wir sind nicht immer, wie in früheren Jahren, in der Lage die Kontrolle über die Medien kompetent zu überprüfen. Und dementsprechend ist Cyber-Mobbing das Thema, bei dem Schulpsychologen gefragt sind."

Schulpsychologen sind Mangelware

Schon 1974  - also vor 40 Jahren - empfahl eine Bund-Länderkommission, dass nicht mehr als 5.000 Schüler auf einen Schulpsychologen kommen sollten. Eine Zahl von der Sachsen-Anhalt weit entfernt ist. Spitzenreiter ist Hamburg mit einem Verhältnis von 1:6.000, also auf einen Schulpsychologen kommen hier 6.000 Schüler. Felix Peter sieht für Sachsen-Anhalt deutlichen Änderungsbedarf. Dennoch will sich der schulpsychologische Referent im Landesschulamt in Sachsen-Anhalt auf keine konkrete Zahl festlegen, wie viele Schulpsychologen Sachsen-Anhalt zukünftig brauche:

"Lehrer kommen auch zu uns, die können auch gerne zu uns kommen. Für die sind wir natürlich auch da. Zusätzlich machen wir auch systemische Beratung für die Schulen, das heißt, wir sind Ansprechpartner für die Lehrkräfte, wenn es um die persönliche Gesundheit geht, wenn es um den Bedarf geht, über bestimmte Dinge zu reden, die sie belasten. Und wir stehen auch für die Schulleitung zur Verfügung, wenn es darum geht, Schulentwicklung zu betreiben, also wenn es darum geht, am Klima der Schule zu arbeiten."

Gewerkschaft: Sachsen-Anhalt auf dem Stand eines Entwicklungslandes

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Magdeburg setzt die Situation in Sachsen-Anhalt mit dem Stand eines Entwicklungslandes gleich und fordert gar einen Schulpsychologen pro Schule. Alarmismus nennt das Psychologe Felix Peter. Sagt aber, dass Sachsen-Anhalt dringend mehr Schulpsychologen benötige, was mit der besonderen sozialen Situation vieler Menschen zwischen Grundsee und Zeitz zusammenhänge.

"Dadurch, dass wir einen großen Arbeitslosenanteil haben und einen hohen Anteil am Langzeitarbeitslosen, das setzt sich ja seit den 90er Jahren fort. Wir haben auch besonders viele Familien, wo Kinder in relativer Armut aufwachsen und da stellen sich bestimmte Herausforderungen, was die Förderung angeht, was die Integration in den Schulalltag angeht."

Neue Konflikte vorprogrammiert

Für die Schulen in Sachsen-Anhalt werden auch die steigende Zahl von Flüchtlingskinder neue Herausforderungen mit sich bringen, betont Schulpsychologe Felix Peter. Weil traumatisierte Kinder in die Klassen kommen werden, Situationen auf die die Wenigsten vorbereitet sind, so Peter weiter. Konflikte seien da vorprogrammiert, weshalb bald noch mehr Schulpsychologen dringend gebraucht würden:

"Wir sind allparteilich. Das heißt, wir nehmen nicht einseitig Partei für Schule oder Schüler. So das, dass auch genutzt werden kann, wenn es um die Vermittlung zwischen Eltern und Schule geht aber auch zwischen Schule, Eltern und Schulbehörde."

Die Vermittlungsangebote sollten möglichst schnell realisiert werden, so Psychologe Peter weiter. Doch dürfte das bei den wenigen Schulpsychologen kaum möglich sein. Denn wenn es nach der Empfehlung der bereits genannten Bund-Länder-Kommission geht, bräuchte Sachsen-Anhalt mit 237.000 Schülern summa summarum insgesamt 47 Schulpsychologen. Das heißt, es fehlen dem Land 25 dieser speziellen Fachkräfte. Doch die werden nicht kommen, vermutet Ralf Jäger vom Landeselternrat. Und rechnet vor, dass in Sachsen-Anhalt allein 600 Lehrer beziehungsweise 100 Schulleiter fehlen, Schulsozialarbeiter immer seltener werden. In so einer Situation, so Jäger weiter, sei es doch geradezu illusorisch darauf zu hoffen, dass zukünftig mehr Schulpsychologen eingestellt würden.

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