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StartseiteCampus & Karriere"Es ist gut, manchmal ein bisschen Geduld zu haben"04.05.2020

Schulöffnungen in Deutschland"Es ist gut, manchmal ein bisschen Geduld zu haben"

Es gebe ein klares Konzept, wie der Unterricht trotz COVID-19 weitergehen könne, sagte Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, im Dlf. Man könne jedoch nicht beliebig Zeitpunkte festlegen. Ziel sei, dass alle Schülerinnen und Schüler vor den Sommerferien wieder in die Schule kommen.

Stefanie Hubig im Gespräch mit Thekla Jahn

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Die Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, Stefanie Hubig (dpa/Andreas Arnold)
Die Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, Stefanie Hubig (dpa/Andreas Arnold)
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Thekla Jahn: Stefanie Hubig, welche Schüler dürfen wann wieder wie in die Schule? Das Rahmenkonzept dazu gibt es bereits, warum dauert es jetzt so lange, bis Schüler und Schulen Gewissheit haben, wie es konkret weitergeht?

Stefanie Hubig: Die Frage, wie wir weiter mit schrittweisen Öffnungen der Schulen umgehen können, hängt natürlich maßgeblich davon ab, wie sich die Infektionszahlen entwickeln und wie der Infektionsschutz funktioniert. Deshalb werden wir über die weiteren Schritte entscheiden können, wenn jetzt am Mittwoch die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder auch über diese Frage mit Blick auf den Infektionsschutz entschieden haben.

"Das Rahmenkonzept ist fertig"

Jahn: Aber am Rahmenkonzept selber liegt es nicht?

Hubig: Nein. Wir haben weder die Rückmeldung bekommen, wir sollten noch etwas ergänzen oder nachbessern, sondern das Rahmenkonzept ist fertig, das ist einheitlich abgestimmt. Alle 16 Ministerinnen und Minister haben dieses Rahmenkonzept so verabschiedet und es ist am letzten Dienstag schon fristgemäß übersandt worden.

Jahn: Aber die Schülerinnen und Schüler, die Eltern, die Lehrer, die Schulen haben immer noch keine Gewissheit. Wie können Sie das rechtfertigen? Die brauchen ja auch Vorlaufzeiten.

Hubig: Ja, natürlich. Wir geben ja auch den Schulen diese Vorlaufzeiten. Und wir haben jetzt entschieden gehabt, dass wir am 27. April mit der ersten Gruppe der Schülerinnen und Schüler beginnen, am 4. Mai, also heute, ist jetzt die zweite Gruppe der Schülerinnen und Schüler gekommen, da haben die Schulen und auch die Schulträger, die das ja verantwortlich vor Ort machen, genug Zeit gehabt.

Wir haben den Hygieneplan bereits vor zweieinhalb Wochen fertig gehabt, abgestimmt gehabt, die Schulen haben den zur Verfügung gestellt bekommen, damit sie eben zusammen mit den Schulträgern gucken. Wir als Land Rheinland-Pfalz haben Desinfektionsmittel und Einmalmasken noch mal den Schulen zur Verfügung gestellt, damit alle eine Grundausstattung haben.

Ich verstehe, dass die Eltern Klarheit und Gewissheit haben möchten, das möchten wir auch. Und wir haben natürlich klare Stufungen in den Ländern, Pläne in den Schubladen. Aber wir brauchen ein Go und wir können nicht einfach beliebig Zeitpunkte festlegen.

Und ich glaube, man hat jetzt auch in der vergangenen Woche gesehen, in Nordrhein-Westfalen gab es ja auch zunächst Entscheidungen, die dann zurückgenommen worden sind. Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist, sondern ich glaube, es ist gut, manchmal ein bisschen Geduld zu haben, aber dafür dann auch Entscheidungen zu bekommen, die auch halten – so wie wir das jetzt heute gemacht haben. Wir sind so gestartet, wie wir es angekündigt haben und wir werden auch diese nächsten Schritte der schrittweisen Öffnung weitergehen. Die stimmen wir jetzt schon intern auch mit den Verantwortlichen ab, damit es auch eine gute und praktikable Lösung vor Ort ist, denn die Situation vor Ort ist sehr, sehr unterschiedlich.

Jahn: Sie sagen, ein bisschen Abwarten, ja, die Wochen gehen ins Land. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Verband Bildung und Erziehung und der Bundeselternrat haben sich in der vergangenen Woche schon bereits enttäuscht gezeigt ob der erneuten Verzögerung. Sie sagen, aus einem orchestrierten Vorgehen ist ein Improvisationstheater geworden. Haben sie recht?

Hubig: Nein, sie haben nicht recht. Wir gehen nach wie vor organisiert vor, aber ich bitte auch wirklich darum, zur Kenntnis zu nehmen, dass wir eine Pandemie haben und dass wir diese Dinge jetzt tun, damit der Infektionsschutz gewährleistet ist und damit sich das Virus nicht weiter ausbreitet. Deshalb haben wir die Schulen am 16. März alle geschlossen und deshalb können wir jetzt leider nur schrittweise wieder vorwärtsgehen.

Ich möchte gerne, dass natürlich die Schülerinnen und Schüler bald wieder in der Schule sind und dass jede Schülerin und jeder Schüler vor den Sommerferien in die Schule kommt, deshalb habe ich auch darauf hingewirkt, dass wir uns als Kultusministerkonferenz da klar geäußert haben und gesagt haben, wir wissen, dass die Schule vor den Sommerferien nicht mehr so stattfinden kann wie vor Corona-Zeiten, weil wir Abstandsregeln einhalten müssen in den Schulen, weil es Hygienevorschriften gibt, weil es nämlich auch den Gesundheitsschutz und den Infektionsschutz gibt, der ganz wichtig ist. Aber wir wollen, dass jede Schülerin und jeder Schüler wieder in die Schule kommt, bevor die Sommerferien beginnen. Und daran arbeiten wir.

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Jahn: Gesundheitsschutz ist wichtig, auf der anderen Seite gibt es natürlich auch die Bildungsungerechtigkeit, die Bildungsverunsicherung, das Problem, dass eine ganze Generation Corona möglicherweise weniger Bildung bekommt als vorherige Generationen.

Da ploppen jetzt ständig neue Ideen auf, um die Versäumnisse des Schulstoffs nachzuholen, von verkürzten bis zu gar keinen Sommerferien, von der Idee, Sommercamps in den Ferien einzurichten oder Samstagsunterricht, wie vergangene Woche von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek vorgeschlagen. Ist das nicht für Schüler, Eltern und Lehrer eine unerträgliche weitere Verunsicherung in diesen Zeiten?

Hubig: Ich halte es nicht für sinnvoll, Ideen einfach mal zu äußern, ohne dass man weiß, wie man sie dann in der Praxis umsetzt. Und wenn ich sage, ich verzichte auf die Sommerferien und ich mache vormittags und nachmittags Unterricht und auch am Samstag, dann muss ich auch überlegen, wie ich überhaupt Lehrkräfte da einsetzen kann. Und diese Antwort habe ich bisher noch nicht bekommen.

"Wir müssen auf diese Kinder besonders achten"

Jahn: Seit dem 15. März sind die meisten der elf Millionen Schülerinnen und Schüler zu Hause, das ist für Eltern und Kinder nicht leicht. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung hat nun Lehrerinnen und Lehrer aufgefordert, Kinder bei Schulbeginn zu beobachten und Verhaltensauffälligkeiten nachzugehen.

Wenn es aber keinen regelmäßigen Präsenzunterricht mehr geben wird – zumindest bis Schuljahresende, vielleicht im ganzen Jahr –, was heißt das für diese Kinder?

Hubig: Wir müssen auf diese Kinder ganz besonders achten, und ich habe schon, ich glaube, in der ersten oder zweiten Woche der Schulschließungen mit dem Missbrauchsbeauftragten, Herrn Rörig, gesprochen. Wir haben auch verschiedene Angebote, die er für gut hält, was Kontakte anbelangt, Telefonsprechstunde und so weiter, haben wir extra dann auch bei uns an die Schulen geschickt, damit auch dort noch mal geworben wird. Wir haben in Rheinland-Pfalz die Notbetreuung geöffnet für die Schülerinnen und Schüler, die besonderen Unterstützungs- und Förderbedarf haben. Das bedeutet, dass die vielleicht nicht zu Hause die Voraussetzungen haben, die andere Kinder haben. Und deshalb ist es uns wichtig, dass diese Schülerinnen und Schüler auch in die Schule geholt werden und auch in die Schule kommen, damit man eben dort auch Kontakte hat und damit man auch dort diese Schülerinnen und Schüler besonders intensiv unterstützen kann.

Wir alle, alle Ministerinnen und Minister, möchten gerne, dass die Schere nicht weiter auseinandergeht. Das ist eine große Aufgabe, und da werden wir uns sehr anstrengen müssen, damit wir diese Aufgabe bewältigen zusammen mit den Lehrerinnen und Lehrern, aber die liegt mir schon sehr am Herzen.

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"Man darf sich in dieser Situation auch nicht überfordern"

Jahn: Welchen Rat, welchen konkreten Rat könnten Sie den Eltern, den Schülern, den Lehrern für die nächste Zeit geben?

Hubig: Mein Rat ist der – und wir haben das übrigens in Rheinland-Pfalz in einer Handreichung gemacht, die sich wirklich lohnt, auch zu lesen, Fernunterricht und was man dabei beachten muss. Da gibt es einen Ratschlag, den halte ich für ganz wichtig: Man darf sich in dieser Situation auch nicht überfordern. Wir haben eine Ausnahmesituation und natürlich ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler den Stoff vermittelt bekommen, aber es sind Monate in einem neun-, zehn- oder vielleicht sogar 13-jährigen Schulleben. Und ich bin sicher, dass die Schülerinnen und Schüler und auch die Lehrkräfte es schaffen werden, diese Monate zu überwinden und den Schülerinnen und Schülern eine genauso gute Schuldbildung mitzugeben, wie das ihre Vorgängergeneration hatte.

Jahn: Stichwort Fernunterricht, da muss digitales Lernen verstärkt genutzt werden. Es gibt den Digitalpakt, der die Digitalisierung der Schulen vorantreiben soll. Fünf Milliarden Euro sind in diesem Digitalpakt vorgesehen. Muss der nicht aufgestockt werden, da wir sehen, dass der digitale Unterricht jetzt längerfristig uns begleiten wird.

Hubig: Das ist ja eine gute Entscheidung gewesen des Koalitionsausschusses, in dem eben auch die SPD mitgeredet hat, dass 500 Millionen Euro für digitale Endgeräte für Schülerinnen und Schüler, die benachteiligt sind, zur Verfügung gestellt werden an die Länder. Das ist das eine, was wir gemacht haben. Das andere ist, dass wir gemeinsam mit dem Bundesbildungsministerin als Kultusministerkonferenz geeinigt haben, dass 100 Millionen Euro aus dem Digitalpakt jetzt für Lehr- und Lernmaterial im digitalen Bereich vorab zur Verfügung stehen und ausgegeben werden können. Und da arbeiten wir schon an den entsprechenden Anträgen, damit wir jetzt auch schnell das Geld in den Ländern umsetzen können.

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Hubig: Perspektivisches Vorankommen in der Digitalisierung ist wichtig

Jahn: Müsste nicht noch eine Schippe draufgelegt werden auf die fünf Milliarden Euro?

Hubig: Ich bin über jede Schippe froh, die draufgelegt wird, und natürlich ist es wichtig, dass wir perspektivisch auch in der Digitalisierung weiter vorankommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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