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StartseiteThemaUnsicherheit und Fragen begleiten den Neustart 29.05.2020

SchulöffnungenUnsicherheit und Fragen begleiten den Neustart

Wie es weitergeht in der Schule, bewegt Eltern und Kinder. Der Druck auf die Politik ist groß, Kitas und Schulen spätestens nach den Sommerferien in vollem Umfang wieder zu öffnen. Aber das birgt auch Risiken, die derzeit noch niemand abschätzen kann. Die Politik ist in der Zwickmühle.

Frankfurt am Main: Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse der Linnéschule werden auf dem Schulhof von ihrer Klassenlehrerin begrüßt, die einen Mundschutz trägt. (dpa/Arne Dedert)
Frankfurt am Main: Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse der Linnéschule werden auf dem Schulhof von ihrer Klassenlehrerin begrüßt, die einen Mundschutz trägt. (dpa/Arne Dedert)
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Es sei derzeit eine schwierige Situation für die Politik, sagte der Neurobiologe und Psychologe Gerald Hüther von der Universität Göttingen im Dlf. Denn je nachdem, welchen Experten man frage, sei die Gewichtung eine andere. Ein Virologe könne vielleicht sagen, wie man Ansteckungen am besten vermeide, aber vermutlich weniger, "was das mit Kindern macht", sagte Hüther. Er plädierte aus seiner Sicht als Psychologe für eine schnelle Öffnung der Schulen im Interesse der Kinder und Eltern.

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Schule sei nicht nur zum Lernen da. Für Kinder sei es ein Ort, an dem ihre sozialen Bedürfnisse umsetzen können, wo sie lernen, "wie das Leben geht", sagte Hüther. Wenn das, wie jetzt in der Zeit der wochenlangen Schul- und Kitaschließungen nicht möglich sei, dann habe das möglicherweise langfristige Folgen.  

Wenn das Bedürfnis eines Kindes, mit anderen Kindern zusammen zu sein, über eine so lange Zeit nicht erfüllt werden kann, habe das Kind gar keine andere Möglichkeit, als das Bedürfnis nach Kontakt und Zusammensein, nach Spielen und Spontanität in seinem Gehirn zu unterdrücken. Das könne langfristige Folgen haben und zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen. Erwachsene könnten das aushalten, weil sie über einen viel größeren Erfahrungsschatz verfügten. Bei Kindergartenkindern etwa sei das etwas ganz anderes.

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Wie soll Onlinelernen aussehen – diese Frage müsse vor der Verpflichtung zu Digitalschulungen für Lehrer in den Sommerferien geklärt werden, sagte Ilka Hoffmann von der GEW im Dlf.

Ganz anders sieht eine komplette Schulöffnung, wie sie etwa schon Schleswig-Holstein plant, aus Sicht der Lehrer aus. Viele von ihnen gehören wegen ihres Alters oder wegen Vorerkrankungen zu den Risikogruppen. Er fühle sich ein wenig wie ein Versuchskaninchen, sagte Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, im Dlf. Man könne den Eindruck haben, dass an Deutschlands Schulen ein riesiges Experiment gestartet werde. Geht das gut, wenn alle Kinder wieder in die Schulen kommen?

27.04.2020, Bayern, Unterhaching: Schüler und Schülerinnen einer 12. Klasse des Lise-Meitner-Gymnasiums nehmen am Unterricht teil und tragen Mundschutze. (picture alliance / Sven Hoppe) (picture alliance / Sven Hoppe)Schulöffnungen - Als würde man ein riesiges Experiment starten
Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband hält eine vollständige Schulöffnung in der Coronakrise für problematisch. Dazu bräuchte es ein neues Hygienekonzept, sagte er im Dlf. 

Was für Politiker die Entscheidung nicht einfacher macht, ist die Tatsache, dass die Ansichten darüber auch unter den Virologen auseinandergehen. Während einige Studien darauf verweisen, dass Kinder weniger infektiös seien, sagte der Virologe Christian Drosten im Dlf, dass "die Kinder weniger infektiös sind oder weniger empfänglich für die Infektion, das sieht für mich überhaupt nicht so aus".

"Aber dennoch würde ich zum Beispiel als Privatperson und nicht als Virologe durchaus auch natürlich die Notwendigkeit sehen und unterstützen, dass dieser gesellschaftlich extrem wichtige Bereich der Kinderbetreuung und Erziehung wieder belebt werden muss", sagte Drosten.

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Die Übertragung des Coronavirus durch Aerosole, also Schwebeteile in der Luft, könnte gleichbedeutend mit der Tröpfchenübertragung sein, sagte der Virologe Christian Drosten im Dlf.

Der Virologe Alexander Kekulé teilt Christian Drostens Einschätzungen, was die Ansteckungsgefahr durch Kinder angeht, hingegen nicht. Die Studie seines Kollegen sei mit vielen Fragezeichen versehen, sagte Kekulé im Dlf.

maischberger. die woche am 29.01.2020 im WDR Studio BS 3 in Köln Der Virologe Alexander S. Kekule zu Gast in der ARD Talkshow maischberger. die woche am 29.01.2020 in Köln. *** maischberger die woche on 29 01 2020 at the WDR Studio BS 3 in Cologne Virologist Alexander S Kekule guest on the ARD talk show maischberger die woche on 29 01 2020 in Cologne xRx (imago images | Revierfoto) (imago images | Revierfoto)Virologe Kekulé zu Drosten-Studie
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Viele Fragen werden aber wohl bis zum Beginn des neuen Schuljahrs ungeklärt bleiben. Sicher scheint nur: "Es wird kein normaler Schulbetrieb sein, es wird kein normales Schuljahr sein", sagte Kai Maaz, der Geschäftsführende Direktor beim Leibniz Institut für Bildungsforschung und Information, im Dlf. Er leitet eine Kommission im Auftrag der Friedrich Ebert Stiftung, die sich mit der Frage beschäftigt hat, wie es im nächsten Schuljahr nach den Ferien idealerweise weiter gehen könne. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir mit Unsicherheit leben." Präsenzunterricht müsse medizinisch vertretbar sein, aber "wir wissen nicht, wie sich die Infektionszahlen verändern".

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Noch weiß man sehr wenig über Komplikationen, die am Herzen auftreten, wenn Kinder mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert sind, sagte die Kinderärztin Ania C. Muntau.

Die Frage sei, ob die Schulen gut vorbereitet seien auf das, was im neuen Schuljahr auf sie zukomme, sagte Maaz. Hinzu komme, dass sich durch die letzten Wochen eine Reihe von Problemen aufgestaut hätten, die bis zum Beginn des neuen Schuljahres nicht abgearbeitet seien. Dazu gehörten auch die unterschiedlichen Bedingungen, unter denen Kinder in den letzten Wochen zu Hause gelernt hätten. Deshalb müsse man unter anderem für das neue Schuljahr darüber nachdenken, die Lehrpläne zu entschlacken, Kürzungen in den Lehrplänen vorzunehmen. Das dürfe aber nicht zu Lasten der Qualität der Bildung gehen.

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