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StartseiteCampus & KarriereInklusion nicht über das Knie brechen04.05.2017

SchulpolitikInklusion nicht über das Knie brechen

Ein Dokumentarfilm zeigt die Schwachstellen bei der Umsetzung der Inklusion in Schulen. Bei Eltern und Lehrern findet der Film Zustimmung - sie fordern eine besser Ausstattung und eine langfristige Perspektive für behinderte Kinder in Regelschulen.

Von Henry Bernhard

Inklusiver Unterricht an der Kettler Schule in Bonn (dpa/picture alliance/Oliver Berg)
Inklusiver Unterricht an der Kettler Schule in Bonn (dpa/picture alliance/Oliver Berg)
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Eine Klassenlehrerin übt mit einem Erstklässler mit besonderem Förderbedarf Lesen. Er buchstabiert, stockt, sucht nach Sinn in den Buchstaben, sie assistiert ihm. Nebenbei treten andere Schüler an sie heran, die andere Aufgaben zu erfüllen hatten. 

"Um Andreas optimal helfen zu können, müsste ich oder einer von uns Erwachsenen eigentlich ständig an seiner Seite sein, ihm Impulse geben, dass er anfangen soll, ihm helfen. Erstaunlicherweise klappt das ganz gut mit ihm, er bringt auch oft wunderbare Ergebnisse – also für seine Verhältnisse – zustande. Aber, das ist das Problem: In der Zeit kann ich oder die anderen Erwachsenen den anderen Kindern nicht helfen."

Lehrkräfte mit Vielzahl an Aufgaben überfordert

Sehr früh wird im Dokumentarfilm "Ich.Du.Inklusion" das Grundproblem klar: Die Lehrerin, die Sonderpädagogin, die Integrationshelferinnen, die Logopädin, die Schwimm-Mutter, die Obstschnippel-Mutter, die Lesemutter leisten – bezahlt oder unbezahlt – beste Arbeit. Aber es reicht nicht aus. Auch die Kinder spüren das. 

- "Frau Hess ist gut und schlau, aber die schafft nicht, alle 20, 21, 22 Kinder. Wenn jeder irgendwas anderes machen soll, müsste die zu jeder – sag ich mal – Tankstelle, müsste die mit dem Auto zu jeder Tankstelle fahren."

- "Manchmal zeige ich dann stundenlang auf und werde die ganze Stunde lang nicht drangenommen. Und dann ist schon Schulschluss, und dann muss ich mir irgendwie versuchen, das bis morgen zu merken. Und morgen klappt’s dann auch wieder nicht, weil Frau Heß einfach zu viel zu tun hat. "

- "Also, dass die dann überfordert ist, alles gerecht zu verteilen."

Die Lehrerin selbst sieht sich an ihre Grenzen gekommen, zweifelt an sich, hat das Gefühl, den Kindern nicht mehr gerecht werden zu können:

"Die Situation finde ich ist nicht in Ordnung. Weil man sich da letztendlich an den Kindern versündigt. Die haben das Recht zu lernen, das Recht auf Bildung. Und das können wir ihnen nicht so zugestehen - selbst mit allem Differenzieren und aller Hingabe und Liebe und alles was man versucht. Wir können die Kinder nicht optimal fördern."

"Es fehlt als erstes an Geld und an Mitteln"

Der Film kommt einzelnen Schülern und Familien näher, zeigt ihre Probleme, aber auch die Erfolge der Kinder. Er zeigt Pädagogen, Kinder und Eltern, die Integration wollen, aber an ihre Grenzen stoßen – aus Personalmangel, wegen Bürokratie und mangelnder Zusammenarbeit etwa mit diagnostizierenden Ärzten. Zu Beginn des zweiten Schuljahres empfiehlt der Schulleiter, der optimistisch in die Integration gestartet war, vielen Eltern von Kindern mit Förderbedarf, lieber das Förderzentrum in Erwägung zu ziehen als seine integrative Grundschule. 

Beim Publikum in Erfurt – hauptsächlich aus Pädagogen bestehend – kam der Film gut an, an vielen Stellen gab es zustimmendes Gemurmel, am Ende Applaus. Auch von diesem Regelschul-Lehrer:

"Ich denke, was hier gesagt worden ist, ist ganz wichtig. Es fehlt als erstes an Geld und an Mitteln, an Räumlichkeiten und vielleicht auch an der Einsicht der Politiker, was zu tun. Wenn mal Zukunft passieren soll – und die Kinder sind ja unsere Zukunft –, dann muss da wesentlich mehr getan werden, als es bis jetzt der Fall ist."

Silvia Altwasser, Mutter eines behinderten Kindes, meinte, in Thüringen sei man schon weiter als in NRW, wo die Inklusion erst seit drei Jahren angestrebt wird:

"In vielen Bereichen haben wir da schon Leuchttürme, die schon viel eher angefangen haben. Für mich ist es einfach wichtig, dass die Eltern in Thüringen zukunftsfähig die Wahlmöglichkeit haben zu entscheiden: Wo geben sie ihr Kind hin? Oftmals müssen Elternteile, die für Inklusion sind, doch das Förderzentrum wählen, weil es keine wirklich guten Alternativen im Regelschulbereich gibt."

Konsens aber aller auch in der Schlussdiskussion: Inklusion ja, aber viel besser ausgestattet als heute und nicht übers Knie gebrochen. 

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