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StartseiteInformationen am MorgenKein Abitur, dafür viel Fußball02.02.2017

Schulz in NRWKein Abitur, dafür viel Fußball

Sein erster Partei-Auftritt sollte mitten im Ruhrgebiet sein, mitten in der SPD-Hochburg: Martin Schulz tourte die letzten Tage von Wanne-Eickel bis Herne. Dort punktete er vor allem mit seiner bodenständigen Biografie - kein Abitur, dafür Fußball und eine Schwiegermutter aus Wanne. Die Genossen sind begeistert.

Von Moritz Küpper

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz macht am 01.02.2017 bei einem Programmforum der SPD Herne zur Bundestagswahl in Herne (Nordrhein-Westfalen) mit Parteifreunden ein Selfie.  (dpa / picture-alliance /  Rolf Vennenbernd)
Martin Schulz bei seinem Auftritt in Herne. (dpa / picture-alliance / Rolf Vennenbernd)
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Es ist am frühen Abend, als der Hoffnungsträger endlich im "Mondpalast" landet.

"Dann zeigen wir Martin Schulz doch mal, wie in Herne und in Wanne-Eickel applaudiert wird. Wir begrüßen im Mondpalast, den Kanzlerkandidaten der SPD, Martin Schulz."

Mehr als 500 Menschen sind gekommen. Hier, mitten im Ruhrgebiet, in der SPD-Hochburg, so war es Schulz Wunsch, sollte sein erster Partei-Auftritt, außerhalb des Willy-Brandt-Hauses stattfinden. Da steht er nun: Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, Brille und der bekannte Vollbart, neben dem selbstbewussten Lächeln, sein wohl markantestes Merkmal:

"Ich bin verwandtschaftlich in Wanne-Eickel gebunden, meine Schwiegermutter ist hier geboren."

Punkten mit der Schwiegermutter

Nach nur einigen Sätzen schon wieder Applaus. Sogar mit der Schwiegermutter kann Schulz punkten. Es läuft einfach. Für ihn, aber auch für die SPD. Bodenständig, kämpferisch, selbstbewusst. So präsentiert sich der 61-Jährige an diesem Abend zum Abschluss seines ersten Besuches als designierter SPD-Kanzlerkandidat in der Heimat an Rhein und Ruhr. Die soziale Gerechtigkeit, die Flüchtlingsfrage, der Kampf gegen Rechtspopulisten - das sind die Inhalte seiner knapp halbstündigen Rede, doch das eigentliche Thema, ist ein anderes:

"Wenn die Menschen spüren, dass die SPD das genau zum Gegenstand all ihres Arbeitens und Bemühens macht, dann werden wir sie wieder zurückgewinnen. Und dann werden wir die stärkste Partei in diesem Land. Und dann werde ich Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland."

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wird am 01.02.2017 bei einem Programmforum der SPD Herne zur Bundestagswahl in Herne (Nordrhein-Westfalen) von der Bundestagsabgeordneten Michelle Müntefering begrüßt. (dpa / picture-alliance /  Rolf Vennenbernd)Martin Schulz begeisterte die SPD-Parteibasis. (dpa / picture-alliance / Rolf Vennenbernd)

Endlich eine Machtoption. So glauben es viele im Saal. In so manchen Umfragen legte die SPD nach seiner Kür zum Spitzenkandidaten direkt um fünf Punkte, auf 26 Prozent zu – der höchste Wert seit der letzten Bundestagswahl. Er weiß, um die schweren letzten Monate und Jahre:

"Manchmal haben Leute Zweifel gehabt, ob wir da noch auf dem richtigen Weg sind. Da krieg ich auch von Leuten zu hören. Mein Gott noch mal, was ich mir da alles anhören muss. Ich hätte kein Abitur. Stimmt, ich hab kein Abitur. Muss ich zugeben. Ich käme aus Würselen. Ja, stimmt. Und die Sorge und Nöte meiner Nachbarn, die kenne ich vielleicht besser, als manch einer, der im Feuilleton über meinen Bildungsstandard herzieht."

Wofür steht der Kanzlerkandidat eigentlich?

Schulz hat, was Merkel fehlt, hieß es in Zeitungskommentaren, Überschwang, Feuer, Begeisterung. Doch – bei aller Euphorie – wofür steht er, der Kandidat? Das Bürgerhaus Stollwerck in Köln, direkt am Rhein gelegen. In einem hellen Eckraum im vierten Stock rennen knapp 40 Jugendliche durcheinander – spielen "Reise nach Jerusalem".

"Alle, die sich eine kritische Frage an Martin Schulz überlegt haben."

Es ist kurz vor zehn Uhr am Morgen. Die Mädchen und Jungen von fünf linken Jugendorganisationen vertreiben sich spielerisch die Zeit, bis eben Schulz eintrifft. Argumentationshilfe gegen rechts, so heißt der Workshop – und der Kandidat ist pünktlich:

"Ja, vielen Dank. Guten Morgen." Schulz setzt sich in den Stuhlkreis und zählt auf: "Ich bin Mitglied bei der Arbeiterwohlfahrt…"

Schulz macht Politik über Biografie

Schon am Morgen bei den Jugendlichen wird klar: Schulz macht Politik über seine Biografie. Es sind linke, sehr linke Positionen, mit denen Schulz sich konfrontiert sieht, aber der Kandidat widersteht dem Reiz, sich einzuschmeicheln:

"Ihr merkt ja schon: Ich bin ein strammer Linker, aber ich bin auch ein strammer Pragmatiker. Ich sag Euch ganz klar: Den Kampf gegen die Rechten, den gewinnst Du nicht nur mit Parolen. Den gewinnst Du auch mit praktischer Politik und dem Vertrauen zurückzugewinnen bei den Leuten, die wir behalten müssen, damit sie nicht hinter denen herlaufen."

Während Schulz nach gut einer Stunde Diskussion im Aufzug nach unten fährt, wiegt ein Junge im blauen Falken-Hemd den Kopf hin und her:

"Ich weiß nicht, ob ich für ihn Wahlkampf mache. Ich bin noch unentschlossen, ob ich ihn wählen werde, aber ich fand das trotzdem eine sehr gute Vorstellung."

Schulz selbst ist vor seinem Dienstwagen im Hinterhof angekommen.

"Ich will, dass Leute wissen: Ich weiß, was im Alltag los ist und nimm das in meine praktische, politische Arbeit mit."

Harmonische Bilder fürs Fernsehen

Und die führt ihn in dem Moment, erst einmal nach Düsseldorf. Interne Termine, heißt es offiziell – was sich als demonstrativ öffentliches Mittagessen in der Landtagskantine mit NRWs Ministerpräsident Hannelore Kraft entpuppt. Harmonische Bilder für die Fernsehsender – auch das ein wichtiger Punkt beim Heimatbesuch – zumal dort ja, in fast exakt 100 Tagen gewählt wird:

"Ich werde Hannelore Kraft unterstützen. Ein gutes Ergebnis in NRW macht immer Mut."

Martin Schulz während eines Besuchs bei einem Fan-Projekt des VfL Bochum. (Deutschlandradio / Moritz Küpper)Martin Schulz wollte einst Profifußballer werden. (Deutschlandradio / Moritz Küpper)

Weiter geht’s ins Ruhrgebiet. Auch der Besuch bei einem Fan-Projekt des VfL Bochum passt in die Biografie des Kandidaten, der einst selbst Profifußballer werden wollte. Dann weiter nach Herne, rauf auf jene Bühne – vor der auch Franz Müntefering, Schulz Vorvorgänger als Parteivorsitzender Platz genommen hat:

"Man muss die Gunst der Stunde nutzen."

Lobt der nunmehr 77-Jährige die eigens inszenierte NRW-Tour.

"Das ist auch im Wahlkampf immer wichtig, da kann man keinen Plan machen, den man beamtenhaft abspult. Er ist ein Kletterer, klettern dauert eine Zeit, ehe man hoch genug ist, ist klar. Aber die Kanzlerin hat ihren Höhepunkt überschritten und rutschen geht schnell."

Schulz gibt sich volksnah

Gut eine Woche ist Schulz jetzt der Spitzenmann der Genossen. Schwiegermutter aus Wanne, selbst aus Würselen; kein Abitur, dafür Fußball; will nah an die Leute – und doch, hoch hinaus. Dieser Status-Quo, reicht für eine riesige Aufbruchsstimmung, auch wenn Schulz auf der Bühne in Herne mahnt:

"Das ist ein Langstreckenlauf. Wir haben jetzt begonnen. Wir haben am Anfang mal einen Spurt hingelegt, aber wir müssen schauen, das uns nicht die Puste ausgeht und dazu gehört Vertrauen. Wir müssen Vertrauen in den Kandidaten haben. Das Allerwichtigste ist, dass wir selbstbewusst sind."

Und das scheint wohl seine zentrale Botschaft zu sein.

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