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StartseiteDie neue PlatteMitten ins Herz07.07.2019

Schumanns "Dichterliebe"Mitten ins Herz

Julian Pregardien und Eric le Sage haben ihre Fassung der "Dichterliebe" aufgenommen. Sie orientieren sich an der Urtext-Ausgabe, gestalten aber Verzierungen und Abweichungen von Schumanns Notentext. Damit dringen sie tief in das Gefühlsleben der Musik ein und treffen die Zuhörenden mitten ins Herz.

Am Mikrofon: Klaus Oehl

Der Sänger Julian Prégardien und der Pianist Éric Le Sage lehnen lächelnd an einer Flügeltür (Marco Borggreve)
Julian Prégardien und Éric Le Sage (Marco Borggreve)
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Am Mikrofon Der Tenor Julian Prégardien

Melancholie und Tugend Lieder von Wolfgang Amadeus Mozart

Der lyrische Tenor Julian Pregardien wollte schon vor drei Jahren seine Sicht auf die "Dichterliebe" von Robert Schumann veröffentlichen. Dann aber erschien eine neue kritische Notenausgabe im Bärenreiter-Verlag, die ihn zögern ließ. Er studierte die Varianten und Abweichungen, hinterfragte seine bisherige Interpretation und fand zu einer spannenden neuen. Diese gibt es jetzt als CD, vor kurzem ist Schumanns Dichterliebe beim Label Alpha Classics erschienen. Julian Pregardien und sein bewährter Klavierbegleiter Eric le Sage kombinieren den Liederzyklus mit anderen Werken von Robert und auch Clara Schumann und loten damit auch die Liebes- und Künstlerbeziehung der beiden aus.

Musik: Robert Schumann, "Im wunderschönen Monat Mai"

Der Beginn von "Im wunderschönen Monat Mai" macht es deutlich: Liebe und Schmerz, Hoffnung und Zweifel liegen eng beieinander, auch schon am Anfang von Schumanns Dichterliebe auf die Gedichte von Heinrich Heine. Ob die Harmonien in Moll oder Dur zuhause sind, lässt sich nicht entscheiden. Melancholisch klingen sie, denn Éric Le Sage tastet sich zögernd, wie traumverloren, voran auf seinem historischen Blüthner-Flügel. Gerne nimmt man als Hörer Platz in dieser behaglichen Zeitmaschine in das Jahr 1840. Wie aus alten Zeiten beginnt es. Julian Prégardien steigt mit zartem Ton und einer subtilen Stimmführung ein – forciert dann aber deutlich die Crescendi am Strophenende. Und wählt nicht nur von Schumann stammende, sondern auch eigene Varianten der Melodie, die aufhorchen lassen. Hier gestaltet ein mutiger Interpret manches Vertraute musikalisch neu und tut dies auch mit Augenzwinkern bei der Phrase "als alle Vögel sangen". Vor dem Schluchzer am Ende auf das Wort "Verlangen" setzt er noch eins drauf, eine weitere sehnsuchtsvolle, aufsteigende Verzierung. Mir gefällt beim ersten Lied die Abweichung vom Schumann-Original, sie klingt aus dem Überschwang der Liebe heraus empfunden, drängend und natürlich.

Musik: Robert Schumann, "Im wunderschönen Monat Mai" und "Aus meinen Tränen sprießen"

Schumann bindet die ersten beiden Lieder harmonisch eng aneinander; Prégardien und Le Sage tun es ihm nach. Von ihrem hoffnungsvollen Anfang her schildert das lyrische Ich die zurückliegende Liebes-Beziehung. Dass sie unglücklich ausgehen wird, verraten die ironischen Zwischentöne, die so typisch für ihren Verfasser sind. In Heines Gedichten aus dem Buch der Lieder wird die traurige Geschichte erzählt. Und ist auch Rückblick auf seine eigene nicht erhörte Dichter-Liebe zur Cousine Amalie.

Überraschungsmoment

Von Liebesglück und Hoffnung handelt das Lied Nummer 4 bei Schumann. Doch mischen sich auch bange und verzweifelte Töne hinein. Wenn etwa die Angebetete spricht "Ich liebe Dich", führt das zu bitterlichen Tränen. Auch auf Julian Prégardiens Aufnahme findet sich hier ein unerwarteter emotionaler Moment, wenn überraschend eine weitere Stimme zu hören ist.

Musik: Robert Schumann, "Wenn ich in deine Augen seh"

Ein kurzes Duett erklingt, wenn die Sopranstimme von Sandrine Piau und Julian Prégardien tatsächlich gemeinsam den intimen Liebesschwur singen. Prégardiens Idee, Sandrine Piau zu bitten, auf seinem Album in zwei weiteren, eigentlich für Tenor gesetzten Liedern mitzusingen oder ganze Partien zu übernehmen, geht weit über diesen kleinen Überraschungs-Effekt hinaus. Diese Lieder und Duette umgeben die Dichterliebe atmosphärisch und verweisen auf den biographisch schwierigen Entstehungskontext:
Die Hochzeit von Robert Schumann und Clara Wieck, die gegen den Willen ihres Vaters vor Gericht erstritten werden musste, führte bei Robert in dem sogenannten Liederjahr 1840 zu einer enormen Fülle an Kompositionen für Stimme. Nur kurz nach der Hochzeit komponierte er das schlichte Duett "Wenn ich ein Vöglein wär" in e-Moll. Hierin blickt Schumann auf jene anstrengende Zeit mit romantischer Nostalgie und zugleich in einem trüben Licht zurück:

Musik: Robert Schumann, "Wenn ich ein Vöglein wär"

Kampf gegen die inneren Stimmen

Sandrine Piau und Julian Prégardien geben nicht nur in diesem schlichten anrührenden Duett ein ideales Paar ab und harmonieren stimmlich wunderbar miteinander. Auch Clara Schumanns volksliedhafter Kanon auf den gleichen Text und ein Klavierstück der Komponistin, die in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag feiern würde, finden sich auf der CD. Woran das Schumann-Paar auch nach der Hochzeit noch zu leiden hatte, stellt die Aufnahme aber vor allem mit weiteren Werken Roberts in den Mittelpunkt. Der übersensible Musiker hörte sein Leben lang Stimmen und kämpfte mit seinen inneren Dämonen. Prégardien versucht, diese Stimmen hörbar zu machen. Im Duett "In der Nacht" vernimmt man sie aus zwei Perspektiven: Die weibliche von Sandrine Piau macht den Anfang: "Alle schlafen, nur nicht du":

Musik: Robert Schumann "In der Nacht"

Das magische Duett von Piau und Prégardien aus dem selten aufgenommenen Spanischen Liederspiel tröstet über den Kummer und die beunruhigende Stimme "in der Nacht" mehr als hinweg; es trifft mit klarer Tongebung von beiden mitten ins Herz. Die Sänger und der Pianist Le Sage atmen und musizieren gleichberechtigt miteinander durch ihr warmes Timbre und gemeinsam gestaltete Legato-Bögen.

Schumann versuchte seine inneren Stimmen damit zu bezwingen, dass er ihnen Namen gab und eine je eigene musikalische Charakteristik. Für die zwei Figuren, die widerstrebende Seiten seines Ich darstellten, erfand er den wilden Florestan und jenen milden Eusebius, der für das fünfte Lied – nun wieder der Dichterliebe – Pate stand:

Musik: Robert Schumann "Ich will meine Seele tauchen" 

Besonders überzeugt die Piano- und Pianissimo-Kultur von Prégardien, das Feine in dieser bemerkenswerten lyrischen Stimme. Diese Dichterliebe mit ihrer eigenen zwingenden Lesart nimmt für mich einen prominenten vorderen Platz in der Diskographie ein. Mit seinem Schumann- und auch Schubert-Repertoire singt Julian auf Augenhöhe seines Vaters Christoph Prégardien, dem im gleichen lyrischen Stimmfach seit Jahrzehnten erfolgreichen Tenor.

Abweichungen vom Urtext, klug gewählt

Bei dem wohl berühmtesten Lied "Ich grolle nicht" widerspricht Prégardien in vollem Brustton dem Inhalt des Textes: Seine Stimme verrät den Groll und sie flackert sogar bei einigen ausgehaltenen Tönen im Forte. Wenn er dann von der am Herzen fressenden Schlange singt, verzichtet er aber ganz auf das opernhafte Pathos: Auch ohne den meist alternativ gesungenen Spitzenton gerät der spannend geschilderte Alptraum zu einer wirklichen Gänsehaut-Stelle. Gerade das nach der Partituranweisung "nicht zu schnell" gewählte Tempo und der zurückgenommene Ton machen die nur mühsam unterdrückte Verzweiflung des Liebenden deutlich.

Musik: Robert Schumann, "Ich grolle nicht"

Julian Prégardien und Le Sage haben offensichtlich Freude daran, ihre Varianten des eigentlichen Urtextes zur Diskussion zu stellen. Das in dritter Person geschilderte Fazit der Geschichte klingt im Heine-Gedicht "Ein Jüngling liebt ein Mädchen" wie ein Kinder-Abzählreim. Streng rhythmisch und mit nachklatschendem Akzent gestaltet ihn Schumann. Und Prégardien nimmt am Ende den Sprech-Rhythmus gewollt leichtfertig auf zwei schnellere Notenwerte, genau bei der Textstelle, an der auch das Herz bricht. Damit trifft er jenen besonderen ironischen Ton, der die tragische Dreiecks-Geschichte so beiläufig protokolliert.  

Musik: Robert Schumann "Ein Jüngling liebt ein Mädchen"

Schumann hat für den Druck vier der ursprünglich 20 Lieder aus dem Zyklus ausgesondert. Die phantastische Szene von "Mein Wagen rollet langsam" setzt Prégardien als Zugabe an das Ende der CD. – Ein schaurig schöner Spuk, allein wegen der prononcierten Aussprache des von Heine vormusikalisierten Textes

Musik: Robert Schumann "Mein Wagen rollet langsam"

Dichterliebe
Julian Prégardien, Tenor
Eric le Sage, Klavier
Sandrine Piau, Sopran
Alpha Classics

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