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StartseiteKommentare und Themen der WocheJede Impfung zählt21.02.2021

Schutz gegen Covid-19Jede Impfung zählt

Angesichts der Imageprobleme, die der Impfstoff von AstraZeneca hat, mag es schwerfallen, diesen anzunehmen, kommentiert Theo Geers. Allerdings sei auch ein 70-prozentiger Infektionsschutz ein Gewinn an Sicherheit - insbesondere angesichts der Mutanten.

Ein Kommentar von Theo Geers

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Phiole mit Covid-19-Impfstoff und Injektionsnadel. (picture alliance / Bildagentur-online /Tetra-Images)
Insbesondere wegen der Mutanten sollte aktuell niemand einen bestimmten Impfstoff ablehnen, meint Theo Geers (picture alliance / Bildagentur-online /Tetra-Images)
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Es ist wie eine Fahrt, die im Kiesbett endet. Denn genau so werden Hoffnungen auf Lockerungen gerade ausgebremst. Wie man es auch dreht und wendet - die jüngsten Infektionszahlen weisen einfach in die falsche Richtung. Alarmierend daran ist vor allem eines: Sie steigen, ohne dass es Lockerungen gab, die als Grund herhalten könnten. Diese stehen erst jetzt an mit der Öffnung von Grundschulen und Kitas, für die es gute Gründe gibt.  Dennoch ist der Schulbeginn in dieser Zeit ein Wagnis. Nicht, weil etwa Schnelltests immer noch Mangelware sind. Das auch. Sie sind ein Wagnis, weil hinter den wieder steigenden Zahlen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Virus-Mutanten stehen, die schlicht ansteckender sind als das Virus, mit dem die Welt bisher zu kämpfen hatte. Niemand kann derzeit sagen, ob die Schutzvorkehrungen reichen gegen diese höhere Ansteckungsgefahr. 

Lehrkräfte bei der Impfung vorziehen?

Umso mehr erscheint es plausibel, Lehrkräfte und Erzieher in der Impfreihenfolge nach vorn zu ziehen. Ihnen wird ein erhöhtes Risiko regelrecht verordnet, indem Politiker wie Eltern von ihnen erwarten, sich wieder von Angesicht zu Angesicht um den Nachwuchs zu kümmern. Dann können die Lehrkräfte umgekehrt erwarten, bestmöglich geschützt zu werden. Wer dieser Argumentation folgt, muss sich bewusst sein, dass dadurch anderen eine Impfung vorenthalten wird. In letzter Konsequenz heißt dies: In dieser anderen Gruppe werden Menschen sterben, weil sie ungeimpft blieben und das Virus schneller war. Das ist das moralische Dilemma dieser Tage, in denen es noch zu wenig Impfstoff gibt, weil zu spät zu wenig bestellt wurde. Da bleibt am Ende vielleicht nur das Verzeihen, von dem Jens Spahn am Anfang der Pandemie einmal sprach. 

Es ist auch leicht gesagt, das Vorziehen der Lehrerinnen und Lehrer und der Erzieherinnen und Erzieher damit zu begründen, jetzt müsse beim Impfen pragmatischer vorgegangen werden. In der aktuellen Knappheitssituation darf das nur in sehr engen Grenzen geschehen, also nur da, wo Impfampullen ungenutzt in den Kühltruhen herumliegen, weil andere die ihnen zustehende Impfung oder einen bestimmten Impfstoff nicht wollen. Auch das gibt es – vor allem beim Impfstoff von AstraZeneca. In den Kühltruhen nützt dieser Impfstoff niemandem, er schützt auch niemanden. Und sollten die Zahlen stimmen, dass von 1,5 Million gelieferten Impfdosen erst 150.000, also zehn Prozent, verabreicht wurden, dann ist das zuerst ein Indiz, wie groß das Imageproblem inzwischen ist, das dieser Impfstoff hat.

Drei Impfampullen der Hersteller Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca stehen nebeneinander (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler) (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler)Impfstoff von AstraZeneca - Wirksamkeit und Nebenwirkungen
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Impfschutz nicht leichtfertig ablehnen

Natürlich will jeder für sich den bestmöglichen Schutz und wenn zwei Impfstoffe unterschiedlich wirksam sind, dann lässt sich dieser Unterschied auch nicht wegdiskutieren. Aber deshalb sollte niemand, der diesen Impfstoff angeboten bekommt, den Impfschutz ablehnen, also ihn letztlich leichtfertig wegschmeißen. Auch ein 70-prozentiger Schutz vor einer Infektion und ein noch höherer Wert dafür, dass im Falle einer Ansteckung ein schwerer Krankheitsverlauf vermieden wird, sind ein Gewinn an Sicherheit und, nicht zu vergessen, wieder gewonnener Lebensqualität. Den Impfstoff von AstraZeneca anzunehmen, wenn er angeboten wird, mag schwer fallen. Wieso bekomme ich nur den Impfstoff und andere den höher wirksamen? Diese Frage nagt in jedem. Aber das Schutzargument – Schutz für sich selbst wie für andere -  wiegt höher. Gerade jetzt, wo wegen der Ausbreitung der Mutanten jede Impfung zählt.

Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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