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StartseiteUmwelt und VerbraucherEinweghandschuhe - Hygiene-Utensil oder Keim-Schleuder?27.07.2020

Schutz in der Corona-PandemieEinweghandschuhe - Hygiene-Utensil oder Keim-Schleuder?

Neben Desinfektionsmitteln und Masken waren auch Einweghandschuhe zu Beginn der Corona-Pandemie schnell vergriffen. Doch immer wieder wird auch vor dem unsachgemäßen Gebrauch gewarnt. Welche Rolle könnten also Einweghandschuhe bei einer zweiten Welle spielen?

Von Anke Petermann

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Benutzte Einweghandschuhe liegen auf dem Gehweg im Berliner Stadtteil Friedenau. (Picture Alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Selbst bei korrektem Handschuh-Abstreifen können Krankheitserreger von der Handschuh-Außenseite auf die Hände gelangen (Picture Alliance / dpa / Kay Nietfeld)
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Julien Kruse von Lahntours-Aktivreisen demonstriert, wie man einen Seesack so aufrollt, dass er ein luftgefülltes Rückenpolster fürs Boot wird. "Ich hab hier eine Plastikkante, die halte ich vor mich, dann wickle ich einfach ganz eng über diese Kante drüber."

Der Paddelexperte hat sich weiße Einmalhandschuhe übergestreift. Denn den Seesack berühren kurze Zeit später auch die Freizeit-Kanut*innen, die er einweist. Und das Austauschen von Gegenständen ohne Einweg-Handschuhe oder Desinfektion ist Lahntours laut Hygienekonzept nicht gestattet. Doch nach der Einweisung Aufbewahrungstonne, Paddel und Seesack desinfizieren zu müssen, wäre unpraktisch. Deshalb trägt Kruse für den kurzen Zeitraum von vielleicht zehn Minuten die Einmal-Handschuhe. Behandschuht hebt er den Seesack ins Kanu.

Wichiger als Handschuhe: "Nicht ins Gesicht fassen"

"Kleiner Tipp unter Profis: Wenn ich mir den hier hinten rein stelle, so luftgefüllt, sagt mein Rücken irgendwann, danke, das ist aber schön."
Wie man paddelt und die Aufbewahrungstonne wasserdicht verschraubt, hat Kruse schon erklärt, ab jetzt kommt er ohne die weißen Häute aus. Das Ausziehen wirkt geübt: Kruse hebt die Stulpe eines Handschuhs leicht an, ohne die Haut zu berühren, schlägt das Handschuhende um, zieht den Handschuh bis knapp über den Handteller, greift den anderen Handschuh von außen, zieht ihn ebenfalls bis über die Hälfte aus, krempelt die Innenseite nach außen, streift beide dann vollständig ab. Mangels Mülleimer am Lahnufer stopft er das Knäuel in die Hosentasche, er wirft es später weg und wäscht sich die Hände.

Julien Kruse von Lahntours-Aktivreisen auf dem Kanu zeigt seine Einweg-Handschuhe (Anke Petermann / Deutschlandradio)Julien Kruse von Lahntours-Aktivreisen auf dem Kanu (Anke Petermann / Deutschlandradio)

Auch bei korrektem Handschuh-Abstreifen können dabei Krankheitserreger von der Handschuh-Außenseite auf die Hände gelangen, so Wolfgang Kohnen, Hygiene-Experte der Universitätsmedizin Mainz. Deshalb sei es unabdingbar, die Hände zusätzlich zu reinigen.

Solche Handschuhe aus Natur-Latex oder Synthese-Kautschuk im Alltag zu benutzen – sinnlos: "Also wenn man diese dünnen Einmal-Handschuhe trägt, um zu verhindern, dass die Viren durch die Haut dringen – da kann ich beruhigen, die Viren gehen nicht durch die Haut. Es geht eher darum, dass ich verhindern will, dass ich diese Viren aufnehme und mir nachher an den Mund oder ins Gesicht fasse. Dann bekomme ich sie in den Mund, und das ist der normale Infektionsweg. Das können sie viel besser verhindern, indem Sie sich einfach nicht ins Gesicht fasse und sich die Hände regelmäßig waschen."

Dlf-Hörerin Johanna Schoch aus Schwäbisch-Gmünd trug zu Anfang der Pandemie Einmalhandschuhe beim Einkaufen. Inzwischen weiß sie, dass diese Handschuhe porös sind, Viren durchlassen und deshalb Sicherheit nur vorgaukeln. Unangenehm außerdem, dass man darin schwitzt und sich Keime - ob gut- oder bösartig - vermehren. "Deshalb bringen sie da in diesem Augenblick keinen Schutz. Und es kann in Einzelfällen auch mal allergische Reaktionen geben", sagt der Mainzer Hygieniker Kohnen.

"Schmier-Infektionen spielen keine große Rolle"

Ingrid Weiß aus Berlin arbeitet in der Buchhaltung mit Quittungen und Briefpapier. Lauern dort Viren und Ansteckungsgefahr, fragt sie per Mail. Weder in der Buchhaltung noch in der Buchhandlung muss man sich sorgen, erwiderte auf diesem Sender der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit: "Schmier-Infektionen – nach allen Daten, die uns vorliege, die werden ja auch durch die entsprechenden Bundesinstitute immer wieder neu bewertet, spielen keine große Rolle. Sie sind theoretisch möglich. Das heißt, wenn einer ins Buch niest oder hustet, und danach würde Frau Weiß direkt reinfassen und sich danach mit der Hand ins Gesicht fassen. Sie sehen schon, die Wahrscheinlichkeiten nehmen deutlich ab. Also bitte nicht angsterfüllt durchs Leben gehen, keine Papierseiten mehr anfassen und überall die stehenden Aerosol-Wolken überall sehen."

Das ist genau, was wir nicht brauchen, weil es die Corona-Müdigkeit schürt, findet Schmidt-Chanasit mit Blick auf eine mögliche zweite Welle: "Wenn es wirklich kritische Situationen gibt, dann brauchen wir die Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger. Wie vor dem ersten Lockdown, da haben alle prima mitgemacht. Und ansonsten bin ich sehr dafür, diesen Alarmismus deutlich zu reduzieren."

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

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