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StartseiteHintergrundDie Lehren aus den deutschen Hochwasser-Katastrophen14.09.2021

Schutzmaßnahmen bei ExtremwetterDie Lehren aus den deutschen Hochwasser-Katastrophen

Wissenschaftler warnen seit langem, dass sich auch Deutschland aufgrund des Klimawandels auf mehr Katastrophen einstellen muss - wie zuletzt in NRW und Rheinland-Pfalz. Welche technischen Möglichkeiten gibt es dafür? Und welche Erfahrungswerte gibt es bereits in der Bundesrepublik?

Von Manuel Waltz

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Ein Haus steht an der Ahr inmitten von Trümmern (picture alliance / Eibner-Pressefoto | Augst / Eibner-Pressefoto)
Bundesländer sollten voneinander lernen - nicht erst aus eigenen Erfahrungen nach Katastrophen, so Christian Kuhlicke, Professor für Geologie und Risikoforschung (picture alliance / Eibner-Pressefoto | Augst / Eibner-Pressefoto)
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"Ja, es ist immer wieder überraschend, wie überrascht Menschen und vor allen Dingen Organisationen sein können. Das ist, finde ich einfach, eigentlich fast tragisch." Genau zwei Monate ist es her, dass ungeahnte Wassermassen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz niedergingen. Mindestens 180 Menschen starben, ganze Landstriche wurden verwüstet. 30 Milliarden Euro Hilfe zur Behebung der Schäden sollen auf den Weg gebracht worden sein.

Höchste Zeit, aus den Katastrophen zu lernen, sagt Christian Kuhlicke – und das über die jeweils betroffenen Gebiete hinaus. Seit vielen Jahren warnt der Wissenschaftler vor solchen Extrem-Ereignissen. Er warnt davor, dass sie - durch den Klimawandel bedingt - nicht nur heftiger ausfallen, sondern auch häufiger auftreten werden. Und: Dass man sich besser davor schützen muss.


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Bessere Frühwarnsysteme

Kuhlicke ist Professor für Geologie und Risikoforschung am "Helmholzzentrum für Umweltforschung" in Leipzig. 

"Das Eigentliche, was wirklich fast fatal ist, also, dass man nach dem Hochwasser 2002 und 2013 hat man hier in Sachsen zum Beispiel ja wichtige Lehren gezogen. Eine Lehre, die gezogen war: Wir brauchen bessere Frühwarnsysteme gerade für die kleinen Fluss-Einzugsgebiete. Wäre ja wünschenswert gewesen, wenn es eine Lehre gezogen wäre, die sozusagen über Sachsen hinaus gezogen wäre, auch in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und anderen Bundesländern. Aber das wurde anscheinend nicht gemacht. Es scheint, dass jedes Bundesland für sich alleine lernt. Das heißt auch, dass jedes Bundesland früher oder später mal betroffen sein muss, wenn diese Lernprozesse nur über Betroffenheiten wirklich ausgelöst werden und auch nur dann stattfinden. Und das ist das eigentlich Tragische dabei." 

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Die beiden Jahrhunderthochwasser in Sachsen bestimmen noch heute das Handeln von Axel Bobbe. Als die Wassermassen über das Land hereinbrachen - zweimal in elf Jahren - war er Leiter der Landestalsperren-Verwaltung in Rötha - südlich von Leipzig. Und: Er war Mitglied des damaligen Krisenstabs.  Jetzt steht Axel Bobbe vor dem Stausee des Ortes – denkt an die Zeit zurück, denkt auch an die, die sich heute in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen bewähren müssen. Welche Kraft und Zerstörung ein solch friedliches Wasser entfachen kann, das hat ihn geprägt. "Wir waren damals ähnlich wie jetzt die, die in dem Hochwassergebiet Verantwortung tragen, mit der Situation ein großes Stückchen überfordert." 

In Sachsen hatte es vor 2003 kaum Hochwasser gegeben, schon gar keine Jahrhunderthochwasser. Axel Bobbe und seine Leute waren zwar theoretisch darauf vorbereitet, praktisch aber hatte niemand damit gerechnet. In Sachsen haben die Menschen gelernt.  

"Wir haben ja auch wieder so einen kleinen Schwapp gerade am Wochenende hinter uns, da werden hunderte Gespräche zwischen uns und den Bürgermeistern und Landräten geführt. Wir stimmen uns ständig ab und gleichen auch unseren Wissensstand ab. Das ist in der Region, die lange nicht betroffen war, vielleicht anders. Und da sagt man: Vielleicht ist das am Montag dann alles durch. Und dann schauen wir mal."

Im Landkreis Ahrweiler liegt eine Zerstörte Brücke in der Ahr. Extremer Starkregen hatte am 14. und 15. Juli an der Ahr im Norden von Rheinland-Pfalz eine Flutwelle ausgelöst und weite Teile des Tals unter Wasser gesetzt. (dpa / David Young) (dpa / David Young)Klimawandel, Flut an Ahr und Erft - und die Frage nach dem Verschulden
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Gefahrenkarten für Starkregen 

Markus Moser ist im Regierungspräsidium Stuttgart für den Hochwasserschutz zuständig. Er hat den Eindruck, dass viele ein zu großes Vertrauen haben in technischen Schutz, also in Dämme und andere Bauwerke. Der technische Schutz biete keine absolute Sicherheit, betont Moser immer wieder, der reiche nur bis zu einem gewissen Wasserstand. "Davon auszugehen, wir werden es irgendwie schaffen, dass wir Gebiete trocken halten. Das werden wir insbesondere bei Starkregen nicht schaffen. Weil, wenn es an irgendeinem Ort hundert Liter in einer Stunde regnet, dann steht das Wasser egal, was man da drum herum an Schutzmauern oder sonst was baut."

Und deshalb muss man für diese Situationen vorsorgen, fordert Markus Moser. Das Problem: Vielfach ist nicht klar, was wo passieren wird. Antworten können Karten liefern. Für die Flüsse in Deutschland gibt es flächendeckende "Hochwasser-Gefahren-Karten". Das schreibt die EU so vor. Ein Hochwasser infolge von Starkregen kann aber auch an einem kleinen Bach auftreten, wie unlängst geschehen. Kartenmaterial hierzu gibt es bislang nur unzureichend. 

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Ein Hochwasser infolge von Starkregen kann vielerorts stattfinden. 2016 war das auch in Braunsbach in Baden-Würtemberg der Fall, für das Markus Moser zuständig ist. Seit Jahren versucht er daher, mit den Gemeinden in seinem Bezirk "Starkregen-Gefahrenkarten" zu erarbeiten – mit drei konkret durchgespielten Szenarien: seltene Regenmengen, außergewöhnliche Wassermassen, extreme Wassermassen. So sollen die Verantwortlichen schon vorher wissen, was im Katastrophenfall passiert. 

"Auf der Karte ist nachher zu sehen - für die drei Szenarien: Wo fließt das Wasser für die drei Szenarien, und für jedes Szenario kann man die Wassertiefe bekommen. Man kann die Fließgeschwindigkeiten bekommen, die ja extrem wichtig sind, um zu überlegen, wenn mehr wie zwei Meter Fließgeschwindigkeit sind, da darf einfach niemand mehr laufen. Da darf auch kein Rettungsmann mehr laufen. Da ist die Gefahr viel zu groß, dass man mitgerissen wird. Also die Fließgeschwindigkeit sieht man. Und wir haben auch vereinbart, dass immer wieder Zeit-Schritte abgelegt werden, sodass man am Schluss so einen Film machen kann. Wo fließt denn zuerst Wasser und wie in welchen Wegen? Also nicht nur einfach maximaler Wasserstand, sondern wirklich auch: Wie entwickelt sich das Ereignis im Ort, sodass man auch dort sich besser vorbereiten kann, wenn man weiß, erst hier an der Seite, dann an einer anderen."

Damit kann die Kommune dann arbeiten, weiß zum Beispiel, welche kritische Infrastruktur wie Schulen, Kindergärten oder Krankenhäuser vom Wasser betroffen wäre. Sie kann diese Gebäude zum einen besser schützen, zum anderen im Ernstfall schnell und gezielt evakuieren. Auch bei Bauanträgen kann die Kommune Schutzvorkehrungen verlangen. Etwa 20 Prozent der Gemeinden in Mosers Region arbeiten derzeit an Starkregen-Gefahrenkarten, sechs bis acht Prozent, so schätzt er, seien mit ihrer Arbeit fertig. Wieder andere sperrten sich.

"Es gibt Kommunen, da merke ich, dass die Verantwortlichen sich schwertun, weil sie Angst haben: Was bedeutet das für mich oder für uns in unserer Verantwortlichkeit, wenn wir die Gefahr kennen, weil es doch sehr oft einen Reflex bei den Bürgern gibt: Aha, ihr habt jetzt die Gefahr aufgezeigt. Jetzt müsst ihr was dagegen tun. Also, was ich schon erlebe in dem Bereich ist so, der Umgang mit dem Risiko Hochwasser Überflutung ist ein anderer wie in anderen Bereichen in der Gesellschaft." Jeder ist selbst im Rahmen seiner Möglichkeiten zur Vorsorge verpflichtet, so ist es gesetzlich festgeschrieben.

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Die Rolle der Meteorologen

Dass viele lieber die Augen vor den Gefahren durch extreme Wetterereignisse verschließen, das erlebt auch Özdem Terli. Er ist Meteorologe und präsentiert beim ZDF das Wetter. "Meteorologie ist ja ein Teil der Wissenschaft. Also müssen wir auch die Hintergründe der Wissenschaftler da mit reinnehmen."

Schon Anfang Juni hatte der Meteorologe in einem Artikel vor einem extremen Ereignis im Sommer gewarnt. Der Jetstream, der ein starkes Windband in der Atmosphäre darstellt, war wegen Erwärmung abgeschwächt. Bereits zu diesem Zeitpunkt waren daher die Hochs und Tiefs über Deutschland und Europa zu wenig in Bewegung. Eines dieser Tiefs hatte sich abgekoppelt und war über Westdeutschland stehengeblieben: Eben das verheerende Tief "Bernd". Özdem Terli hatte vor diesem Phänomen gewarnt. Die Bildzeitung greift Terlis Warnung auf - fragt, ob es dem Meteorologen dabei tatsächlich um "sachliche Aufklärung" gehe oder um "heimlichen Klima-Wahlkampf".  

"Also, es gibt doch gar keine Alternative zu Klartext. Also wollen wir die Leute belügen? Also es ist ja genau umgekehrt. Es wird ja einem unterstellt, wenn man wissenschaftliche Fakten kommuniziert, dass man irgendetwas vorhat. Nein, ich habe nichts vor. Es geht darum, das, was da draußen passiert, und die Wissenschaft und genauso wie der Weltklimarat, das ganz, ganz deutlich sagen: Wenn wir diesen Pfad nicht ändern, auf dem wir sind, geht es in eine Katastrophe."

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Markus Moser im Regierungspräsidium Stuttgart sieht eine Diskrepanz zwischen der Vermittlung von Daten einerseits - und der Aufnahme von Daten andererseits.   

"Woran es uns mangelt im Moment noch, ist, ich nenne es immer diese, die Transferleistung zwischen: Was kommt vom Himmel? Oder was ist im Fluss? Zu: Was passiert dann auf der Erde? Was passiert in der Kommune, also diese Vorstellung zu haben. Okay, wenn der Deutsche Wetterdienst sagt 60 Liter in einer Stunde, ist das für mich gefährlich? Ist es für mich nicht gefährlich?"

Ein entscheidendes Mittel sind die bereits erwähnten Gefahrenkarten. Um sie zu erstellen, sind sehr präzise Informationen über den Untergrund nötig: Gibt es ein Gefälle? Ist der Boden bebaut? Wird er landwirtschaftlich genutzt, und wenn ja, wie? Steht dort Wald? Ist der Boden trocken oder feucht, ist er, wie in diesem Sommer, vollgesogen mit Wasser und kann nichts mehr aufnehmen? All das ist entscheidend, um zu beurteilen: Wie viel Wasser fließt ab, wohin fließt es, und wie stark ist die Strömung. 

Gefahren-Modelle für ganz Deutschland

Sabine Attinger arbeitet an einem ähnlichen Ansatz wie Markus Moser – allerdings erfasst ihr Modell ganz Deutschland. Es soll den Flickenteppich, der bislang im Kartenmaterial existiert, beseitigen - mit Hilfe von Hochleistungscomputern, die die Daten nach bestimmten Parametern rechnen. Auch Sabine Attinger ist Professorin am "Helmholzzentrum für Umweltforschung" in Leipzig. Mit ihrer Methode können die Daten des Deutschen Wetterdienstes für ganz Deutschland umgerechnet werden und auch für kleine Gebiete Hochwasser und Sturzfluten vorhersagen – damit also das bestehende Manko füllen:

"Dieses war jetzt eine Sturzflut in einem kleinen Einzugsgebiet. Deshalb brauchen wir die hohe Auflösung der hydrologischen Modelle. Und wenn wir sie nur in einem Gebiet haben, nutzt es uns ja nichts, wenn wir das jetzt eben für die Betroffenen an der Ahr machen. Dann ist es halt nächstes Mal woanders, wo genau diese Komponenten passend zusammenkommen können. Also wir müssen es gleichzeitig überall in Deutschland haben. Und das ist erst jetzt möglich, in hoher Auflösung überall in Deutschland operationell kleine Einzugsgebiete rechnen zu können."

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Diese Modelle können dann auch künftige Gefahren simulieren und Szenarien für bestimmte Regenereignisse in ganz Deutschland berechnen. "Und jetzt eben unter Klimawandel gibt es dann verschiedene Szenarien, wo dann eben auch die Statistik von Extremereignissen eben neu gerechnet wird. Also erst meteorologisch und dann eben auf das hydrologische Modell gegeben wird und dann geschaut wird, wo die neuen Schwellwerte liegen. Und dann müsste man schauen, ob die Infrastruktur überhaupt dafür ausgelegt ist."

Das könnte einschneidende Konsequenzen haben: Mehr Flächen als bisher könnten als "Hochwasser gefährdet" ausgewiesen werden. Das würde unter anderem bedeuten, dass es weniger potentielles Bauland gibt als bisher. Szenarien, die jetzt auch für die Hochwassergebiete in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen drohen. Mit 30 Milliarden Euro sollen die Betroffenen dort beim Wiederaufbau unterstützt werden. Christian Kuhlicke vom "Helmholtzzentrum" in Leipzig fordert, diese Hilfen mit Auflagen für die Eigenvorsorge zu verknüpfen - so, wie es in anderen Ländern, in den USA beispielsweise, üblich ist.

"Wir haben jetzt schon mit einer Frequenz von fünf bis zehn Jahren diese starken Ereignisse und der Umfang der öffentlichen Zuwendungen wird immer größer. Also 1997, war die Zuwendung von öffentlicher Hand noch sehr gering. Mittlerweile sind wir bei einem Topf von 30 Milliarden Euro, der verbaut wird. Es wäre ja fatal, wenn man sich nicht irgendwann Gedanken darüber macht, wie man dieses Geld langfristig sinnvoll verwendet, so dass diese Schäden geringer werden. Weil man ja jedes Mal wieder die Exposition und die Verwundbarkeit neu aufbaut, die dann wieder zerstört werden kann bei einem zukünftigen Ereignis."

Wiederaufbau mit modernem Hochwasserschutz

Zudem fordert er eine verpflichtende Elementarschadens-Versicherung, damit der Staat nicht immer wieder einspringen muss. Denn: Diese Versicherungen bieten auch Anreize zur Hochwasservorsorge. Je besser die eigenen Schutzvorkehrungen, desto niedriger die Prämien. Beim Wiederaufbau könnte künftig eine Mauer das Haus schützen und das Wasser zu einem gezielten Durchfluss neben dem Haus leiten, so dass es abfließen kann, ohne zu zerstören. Solche Maßnahmen sind, wenn ohnehin gebaut wird, oft nicht sehr viel teurer, verhindern aber bei einer Überflutung enorme Schäden und hohe Folgekosten. 

Während bundesweit fast alle Wohngebäude (94 Prozent) gegen Sturm und Hagel abgesichert sind - in den Bundesländern Baden-Württemberg, Hamburg und Schleswig-Holstein liegt der Anteil sogar bei 100 Prozent -, liegt die Versicherungsdichte für Elementarschäden wie beispielsweise Starkregen, Hochwasser oder Überschwemmungen lediglich bei 45 Prozent.  (Statista / GDV) (Statista / GDV)

Man müsse in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen beim Wiederaufbau nach der Flut lernen, fordert Christian Kuhlicke. "Man könnte suggerieren: Das war ein einmaliges Ereignis. Pech gehabt! Also zu viel Wasser am falschen Ort, zur falschen Zeit. Das wird die nächsten 100 oder 200 Jahren oder 300 Jahren nicht mehr vorkommen. Also können wir mit ruhigem Gewissen wiederaufbauen. Das Signal wäre fatal und relativ klar, die Klimasimulationen sind diesbezüglich relativ klar, dass diese Art von Ereignissen in der Wahrscheinlichkeit zunehmen werden, auch gerade in dieser Region - also kleine Fluss-Einzugsgebiete, Starkregenereignisse und mit diesen möglicherweise fatalen Hochwasserwellen.

Sprich auch diese Täler können wieder betroffen sein in der Perspektive der nächsten fünf, zehn, 50 Jahren. Also wir müssen, wenn wir wiederaufbauen, so wiederaufbauen, dass beim nächsten Mal erstens die Wahrscheinlichkeit von Schäden geringer wird. Also einfach die Schadenssummen geringer werden. Und dort, wo es zu diesen richtig fatalen Schäden gekommen ist, dass man sich dort überlegt, ob man da wirklich wieder aufbauen sollte oder ob man Ausgleichsflächen innerhalb der Gemeinde oder der unmittelbaren Nähe der Gemeinden finden kann." 

In einigen Gebieten ist bereits wieder so etwas wie Normalität eingekehrt, viele Menschen sind aber noch in psychologischer Betreuung. In den stark betroffenen Regionen wird nach wie vor Zerstörtes abgerissen und aufgeräumt. Gerade hier stellt sich die Frage, was und wo wiederaufgebaut werden darf. Auch in Sachsen hat es nach den beiden Jahrhunderthochwassern ähnliche Fragen gegeben. Und heftige Diskussionen. 

Damals, so Axel Bobbe, und er blickt dabei wieder auf den ruhig daliegenden Stausee, habe sich gezeigt, dass der bestehende Hochwasserschutz mitverantwortlich gewesen war für die enormen Schäden. Er und seine Kollegen hätten sich daher im Anschluss an eine Bestandsaufnahme gemacht und einen modernen Hochwasserschutz konzipiert. Der Widerstand sei jedoch enorm gewesen. Gerade weil viele erst einmal ohne alles dastanden, wie jetzt auch in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.

"Es kam natürlich sofort auch der Druck, schnell wiederaufzubauen. Das ist das Damoklesschwert, was man hat. Die Menschen wollen ja schnell wieder auch beginnen, wieder starten. Und schnell geht es nur, wenn Sie sagen, ich mache alles wieder so wie früher."

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Es habe sich aber gezeigt, dass das nicht immer gut war, dass man manches überdenken musste. Zum Beispiel hatte man zu DDR-Zeiten manche Dämme direkt an die Flüsse gebaut. Das Wasser hatte keinen Platz, um sich bei Hochwasser auszudehnen. Deshalb wurden Dämme zurückversetzt, Äcker wurden zu Überschwemmungsgebieten. Aber auch in manchen bewohnten Gebieten hatte er dem Wasser mehr Platz geben wollen, erinnert sich Axel Bobbe.

"Man hat mutig an einigen Stellen in Sachsen, wirklich mutig gehandelt und hat gesagt: Die Häuser, die jetzt stark zerstört sind, bauen wir an der Stelle nicht wieder auf. Da gibt es ein ganz kurzes Zeitfenster. Ich glaube, die Menschen und auch die Verwaltung akzeptieren so eine Diskussion noch ein halbes, dreiviertel Jahr nach dem Ereignis. Wenn das dann längere Zeit weg ist, dann wünscht man sich wieder all die alten Strukturen zurück." 

Für die Menschen, die dort gewohnt haben, braucht man schnell neue Häuser. Neues Bauland aber ist nur schwer auszuweisen, es dauert Jahre bis Jahrzehnte. Nur mit starker politischer Unterstützung war das in Einzelfällen in Sachsen möglich. Auch die Schutzanlagen mussten neu errichtet werden. Hierfür waren fast immer Mittel des Bundes oder der EU nötig. Und die sind an Bedingungen geknüpft.

In einer Kosten-Nutzen-Analyse musste Bobbe berechnen, ob sich das lohnte - ob also der Wert des Gebäudes höher war als der Preis für das Errichten von Dämmen und Schutzmauern. Denn wenn dem nicht so ist, darf nicht gebaut werden, gibt es auch keinen Hochwasserschutz. Das musste Axel Bobbe den Betroffenen dann in Bürgerversammlungen erklären – in aufgeheizter Atmosphäre.

"Wir haben gerade 2013 Ortschaften, die dann noch mehrfach betroffen waren, Bürgerdiskussion gehabt unter Polizeischutz. In geweihten Kirchen, hat der Pfarrer dann gesagt: Ich nehme den Druck raus, wir machen das in der Kirche. Sie können sich nicht vorstellen: Vorm Altar ein Podium aufgebaut und die ganze Kirche voller Leute, aufgebrachter Leute. Der ganze Friedhof mit Biertischgarnituren und Beschallung. Also, die Emotionen sind dort sehr hoch. Und da spielen manchmal so rationale Dinge nicht eine große Rolle."

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Er habe dort immer Klartext geredet, erinnert er sich. Er habe den Menschen, von denen viele traumatisiert waren, nichts versprochen, was er nicht halten konnte. Das sei schwer gewesen. "Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, ich werde dann, wenn ich so klare Sätze in Einwohnerversammlungen sage, natürlich erst mal mächtig mit Schmutz beschmissen. Es ist aber dann so, wenn sich das gesetzt hat, kriege ich oft so nach zwei, drei Wochen Anrufe oder E-Mails, dass sie sich für die klaren Aussagen bedanken."

Nicht alles ist machbar. Das musste Axel Bobbe den Betroffenen vermitteln. Er und seine Kollegen haben nach zwei Jahrhunderthochwassern gelernt. Den Schwesterbehörden in den jetzt betroffenen Gebieten im Westen haben sie ihre Hilfe angeboten. Die wurde dankend angenommen. "Also die Herausforderungen jetzt in dem Hochwasser-Gebiet sind erheblich und auf die Menschen, vor allen Dingen auch auf die Verwaltung, kommt jetzt einiges zu!"

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