Mittwoch, 22.05.2019
 
Seit 01:10 Uhr Hintergrund
StartseiteKommentare und Themen der WocheSchnappschuss einer Pforte zur Ewigkeit10.04.2019

Schwarzes Loch Schnappschuss einer Pforte zur Ewigkeit

In einer weltweiten Aktion konnten Forscher erstmals Aufnahmen von einem Schwarzen Loch präsentieren. Ein grandioser Erfolg und ein Meilenstein für die Weltraumforschung, kommentiert Wissenschaftsredakteur Ralf Krauter. Die Astronomen hätten damit auch technologisch Neuland betreten.

Von Ralf Krauter

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der erste direkte visuelle Nachweis eines Schwarzen Lochs  (Event Horizon Telescope (EHT) / dpa)
Masse in extremer Form: Das jetzt fotografierte Schwarze Loch (Event Horizon Telescope (EHT) / dpa)

Wenn Forscher ankündigen, auf sechs Pressekonferenzen rund um den Globus zeitgleich ein bahnbrechendes Ergebnis zu präsentieren, dann ist ihnen Aufmerksamkeit sicher. Zumal wenn sich in Brüssel trotz aller Brexit-Wirren der EU-Forschungskommissar persönlich die Ehre gibt. Inzwischen ist klar: Der Trubel war gerechtfertigt, die mediale Inszenierung der Tragweite der Entdeckung angemessen.

Nach jahrzehntelangen Bemühungen haben Astronomen zum ersten Mal direkte Beweise dafür, dass Schwarze Löcher existieren. Die kosmischen Schwergewichte, die so massiv sind, dass ihrer Anziehungskraft nichts mehr entkommt, was ihnen zu nahe kommt - noch nicht einmal Lichtstrahlen - sind also kein Phantasieprodukt von Science-Fiction-Autoren. Sie sind messbare Realität.

Endlich der sichtbare Beweis

Unter Forschern hat daran zwar niemand ernsthaft gezweifelt. Die Theorie war plausibel, die indirekten Beweise schlüssig. Doch ein Bild sagt eben auch in der Wissenschaft mehr als tausend Worte oder Formeln. Die heute präsentierten Aufnahmen sind deshalb ein grandioser Erfolg.

Möglich wurde der Durchbruch, weil ein internationaler Forscherverbund die Grenzen des Machbaren immer weiter verschoben hat. Die perfekte Choreographie synchronisierter Radioteleskope auf mehreren Kontinenten liefert heute Weltraumbilder mit einer Auflösung, die vor 20 Jahren noch undenkbar war. Ihr Wunsch zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammen hält, hat die Astronomen gezwungen, auch technologisch Neuland zu betreten.

Jenseits der Welt unserer Vorstellungen

Vielleicht profitieren wir künftig alle einmal davon. Aber selbst wenn es keine greifbaren Anwendungen ihrer Grundlagenforschung geben sollte: Die faszinierenden Einblicke in die Natur des Kosmos sind alle Mühe wert. Zu wissen, dass es da draußen im All Leichen ausgebrannter Sterne gibt, die millionenmal schwerer als unsere Sonne sind und alles in ihrer Umgebung verschlingen, erweitert unseren Horizont. Zu wissen, dass Uhren still stehen würden, wenn sie einem Schwarzen Loch zu nahe kämen, relativiert unsere Vorstellung vom Strom der Zeit.

Wenn man so will, haben die Radioastronomen der Welt heute also den Schnappschuss einer Pforte zur Ewigkeit gezeigt. Stephen Hawking, dem berühmten Physiker, der sich Zeit seines Lebens mit Schwarzen Löchern befasst hat, hätte das sicher gefallen. Wie schreibt er so schön, in seinem posthum veröffentlichten letzten Appell an die nachfolgende Generation: „Denkt daran, zu den Sternen zu schauen – und nicht auf eure Füße.“ Wir sollten uns das öfter zu Herzen nehmen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk