Montag, 23.07.2018
 
StartseiteEuropa heuteWeckruf für die Bevölkerung11.07.2018

Schweden und der Ernstfall (3/5)Weckruf für die Bevölkerung

Batterien für das Radio, Wassertanks für den Keller, das Einmaleins der Sirenenklänge: Die Bevölkerung Schwedens wurde kürzlich mit einer Broschüre auf Kriegsszenarien eingestimmt. Die Sicherheitslage hat sich verändert, nicht erst seit Russland Raketen in Kaliningrad stationiert.

Von Gunnar Köhne

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Die schwedische Regierung hat eine Broschüre an alle Haushalte in Schweden verschickt, um die Bevölkerung auf den Fall eines Kriegs oder einer Krise vorzubereiten (AFP / Pontus Lundahl / Swedish Civil Contingencies Agency / Arvid Steen)
Die schwedische Regierung hat eine Broschüre an alle Haushalte in Schweden verschickt, um die Bevölkerung auf den Fall eines Kriegs oder einer Krise vorzubereiten (AFP / Pontus Lundahl / Swedish Civil Contingencies Agency / Arvid Steen)
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"Ein paar Tage würden wir mit unseren Vorräten wohl überleben können. Wir haben drei Dosen Fischbulletten, Tomaten und Champignons in der Dose, Bohnen. Und da hinten sehe ich noch Gulasch. Das sollte reichen. Aber wir könnten uns noch ein paar Trinkwasserkanister anschaffen. Die könnte man dann im Krisenfall auffüllen." 

Und so ein Krisenfall könnte schneller eintreten, als sich Christina Falck lange vorstellen konnte. Die Stockholmer Rentnerin geht von ihrer Küche auf den Balkon ihrer Drei-Zimmer-Neubauwohnung und zeigt auf eine Broschüre, die sie in ihrem Briefkasten fand: "Wichtige Information an alle schwedischen Haushalte: "Für den Fall eines Krieges oder Krise" steht auf dem Umschlag zu lesen. Dazu zwei Zeichnungen. Die eine zeigt Soldaten im Gefechtseinsatz, die andere eine Familie vor Transistorradio und gestapelten Lebensmittelvorräten. An alle 4,8 Millionen Haushalte des Landes ging das 20-seitige Heft. Nachdenklich blättert Falck darin: 

"Das war an der Zeit. Schweden hat allzulange geglaubt, sich auf einen Krieg oder andere Krisen nicht vorbereiten zu müssen. Klar, vor einem Jahr hat sich das noch niemand vorstellen können. Aber seitdem ist doch soviel passiert auf der Welt! Man redet jetzt viel mehr über die Bedrohungen, wenn auch eher in Form von Terror als Krieg."

Bevölkerung in Bereitschaft

Sie rückt ihre Brille zurecht und blättert weiter. Ihr Balkon zeigt auf einen Golfplatz. Ein paar Spieler ziehen mit ihren schweren Taschen über das satte Grün. In der Ferne blitzt das Wasser um die Schäreninseln auf. Ein friedliches Bild. 210 Jahre sind seit Schwedens letztem Krieg vergangen. Damals verlor das Königreich seine Provinz Finnland an die Russen. Doch auf einmal liegt sie schwarz auf weiß auf Christina Falcks Balkontisch: die Kriegsgefahr.

"Das hier ist ein guter Tipp: Dass man sich ein batteriebetriebenes Radio anschaffen sollte, für den Fall, dass die Stromversorgung zusammenbricht. Und auf dieser Seite werden die Sirenentöne des Katastrophenschutzes erklärt."

Zehn Kilometer weiter westlich sitzt Niklas Granholm und zieht die Augenbrauen zusammen zu einem Gesichtsausdruck zwischen Zufriedenheit und Sorge. Für den stellvertretenden Leiter des Stockholmer Forschungsinstituts für Verteidigungsfragen – so etwas wie dem Think-Tank der Regierung in Sachen Krieg und Frieden - ist die Lage ernst. Aber die Regierung habe die Zeichen der Zeit glücklicherweise erkannt:

"Wir haben das erste Mal seit langem unser Verteidigungsbudget erhöht, auch wenn es immer noch rund ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Wir haben eine neue Generation von U-Booten bestellt und neue Kampfjets der schwedischen Gripen-Serie. Und nicht zu vergessen: Wir haben die Wehrpflicht wieder eingeführt."

Ein Kampfjet des Typs Saab JAS 39 Gripen, kurz "Gripen" genannt, wird in der Saab-Fabrik in Linkoeping in Schweden montiert (AFP/ Jonathan Nackstrand)Die schwedische Luftwaffe bekommt neue Gripen-Kampfjets und neue U-Boote, berichtet Niklas Granholm vom Stockholmer Forschungsinstitut für Verteidigungsfragen (AFP/ Jonathan Nackstrand)

Russische Raketen in der Nachbarschaft 

Und die Liste, die Granholm an den Fingern seiner Hand abzählt, wird länger: Beistandsabkommen mit den Nachbarn Finnland und Dänemark, Gespräche mit Norwegen und Großbritannien über Abkommen gleicher Art, außerdem mehr gemeinsame Manöver mit der NATO. Während des Kalten Krieges galt in Schweden das strikte außenpolitische Credo: Blockfreiheit in Friedenszeiten und Neutralität in Kriegszeiten. Letzteres jedenfalls gilt nicht mehr: Schweden will sich nicht heraushalten, wenn es in seiner Nachbarschaft knallt. Granholm beugt sich nach vorne und schlägt mit seinem rechten Zeigefinger einen Kreis: 

 "Die nordische und baltische Regionen und ihr Meer müssen als ein strategisches Gebiet begriffen werden. Denn die Reichweiten der Waffensysteme, denen wir gegenüber stehen, betreffen uns alle gleichermaßen." 

Iskander-Rakete (picture alliance / Igor Zarembo/Sputnik/dpa)Eine Iskander-Rakete bei einer Militärparade in Kaliningrad: Russland stationiert die Flugkörper seit Anfang des Jahres in seiner Exklave an der Ostsee (picture alliance / Igor Zarembo/Sputnik/dpa)

Warum nicht gleich der NATO beitreten?

Gemeint sind die russischen Raketensysteme, unter anderem installiert in der Ostsee-Enklave Kaliningrad. Aber warum dann nicht gleich der NATO beitreten? Granholm hebt ratlos die Hände:

 "Dazu braucht es eine breite politische Zustimmung. Ohne die schwedischen Sozialdemokraten geht eine solche tiefgreifende Entscheidung nicht. Aber die Partei scheint noch immer nicht ihre Niederlage um die EU-Mitgliedschaft von 1995 überwunden zu haben, die viele von ihnen als Verrat an der Neutralität des Landes und ihren Idealen angesehen haben. Die Konservativen und die Zentrumsparteien dagegen haben sich in den vergangenen Jahren hin zu einer Pro-NATO-Haltung entwickelt. Klar ist: Im Falle eines offenen Konflikts in dieser Region würden wir ziemlich schnell die NATO-Mitgliedschaft beantragen." 

Aber so weit ist es noch nicht. Die Rentnerin Christina Falck, die auf ihrem Balkon vor der Bürgerbroschüre für den Ernstfall sitzt, würde eine NATO-Mitgliedschaft begrüßen. Wo doch selbst nach Ansicht der Regierung die Kriegsgefahr schon so groß ist, dass sie Informationsmaterial versenden muss. Die 65-Jährige klappt das Heft zu, setzt ihre Brille ab und schaut unschlüssig auf den Golfplatz hinaus:

"Man wird sehen, ob dieses Heft dazu führt, dass die Menschen nun Hamsterkäufe tätigen und Wasser im Keller bunkern. Das glaube ich ja nicht. Aber es ist in jedem Fall ein Weckruf."

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