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StartseiteUmwelt und VerbraucherStreit um Kastration ohne Betäubung11.09.2018

SchweinehaltungStreit um Kastration ohne Betäubung

Der Deutsche Bauernverband möchte das für 2019 geplante Verbot für betäubungslose Kastration hinausschieben. Ein Grund dafür sei, dass die Behörden eine Lokalanästhesie durch die Landwirte nicht genehmigen wollten, sagte Bernhard Krüsken vom Bauernverband im Dlf.

Bernhard Krüsken im Gespräch mit Georg Ehring

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Ein Hausschwein (imago / blickwinkel)
Wenn Eber Geschlechthormone entwickeln, bekommt das Fleisch einen unangenehmen Geschmack. (imago / blickwinkel)
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Georg Ehring: Wenn immer mehr Menschen sich vegetarisch oder gar vegan ernähren möchten, dann hat das nicht nur mit dem Wunsch nach einer gesunden Ernährung zu tun. Protest gegen den Umgang der Landwirtschaft mit Nutztieren ist ein wichtiges Motiv: Sauen in engen Kastenständen, Eber, die als Ferkel ohne Betäubung kastriert werden. Außerhalb der Landwirtschaft gilt so etwas als wenig tiergerecht. Heute wollen Bauern in Deutschland die Landwirtschaft mit einem Aktionstag im städtischen Umfeld ins Gespräch bringen, und ich habe Bernhard Krüsken, den Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes gefragt, warum seine Organisation das für Anfang 2019 geplante Verbot der betäubungslosen Kastration von Ferkeln herausschieben will.

Bernhard Krüsken: Guten Morgen, Herr Ehring. – Ich will gleich was richtigstellen, um vielleicht auch den Eindruck nach draußen zu korrigieren. Uns geht es in erster Linie darum, dass wir ein Verfahren in die Hand bekommen, mit dem wir diesen Ausstieg gestalten können. Das als Vorab-Bemerkung.

Wir wollen natürlich den Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration vollziehen und damit auch ein Stück weit Deutschland in die Position bringen, Vorreiter in Europa zu sein. Aber wenn man aus etwas aussteigen will, braucht man gute Alternative, und wir haben Alternativen, aber wir brauchen noch eine weitere, um das wirklich sektorverträglich und auch in der Fläche umsetzen zu können. Das ist das Verfahren der Lokal-Anästhesie, das jeder kennt, der vielleicht mal einen kleinen chirurgischen Eingriff hatte, oder mal beim Zahnarzt war, dass wir die Schmerzreduktion, die Schmerzausschaltung auf diesem Wege machen können.

"Lokal-Anästhesie in der Hand des Landwirts"

Ehring: Aber es gibt doch schon Verfahren, die zugelassen sind. Warum greifen Sie darauf nicht zurück?

Krüsken: Weil diese Verfahren neben ihren Vorteilen auch eine Reihe von Nachteilen haben und weil sie für einen erheblichen Teil der Betriebe nicht anwendbar sind. Natürlich ist das klassische Verfahren, das einem als erstes einfällt, die Ebermast, das heißt der Verzicht auf die Kastration. Das erfordert allerdings auch eine gewisse Akzeptanz beim Verbraucher. Wir haben Vermarktungskanäle und Vermarktungswege, insbesondere die regionalen und die kleinen Vermarktungswege, die ganz klar darauf bestehen, dass sie Fleisch von kastrierten Tieren bekommen. Dann gibt es das Verfahren der Vollnarkose mit Isofluran und das ist im Moment auch noch nicht zugelassen. Wir rechnen damit, dass das passiert. Aber da gibt es natürlich den Vorteil, dass wir hier eine sehr gute Schmerzreduktion haben, wenn es richtig gemacht wird, aber dass wir auch Verluste bei den Tieren haben. Und das ist wie in der Medizin: Eine lokale Anästhesie ist immer besser, schonender und auch mit weniger Ausfällen und Verlusten verbunden als eine Vollnarkose. Isofluran – da gibt es auch ein Arbeitssicherheitsthema, weil die Substanz ist nicht ganz einfach. Dann haben wir als weiteres Verfahren die sogenannte Immunokastration. Das heißt, da werden die Tiere geimpft, so dass Antikörper entstehen, die die Bildung von Geschlechtshormonen blockieren. Das ist natürlich etwas, was man in der Akzeptanz dem Verbraucher auch erklären muss, und es wirft eine ganze Reihe von technischen Fragen auf. Wir haben ja nur einen Anbieter; das sind Kosten, die da beim Ferkelerzeugern bleiben.

Aber der eigentliche Punkt – und den will ich hier auch noch mal sagen – ist der, dass wir einen europäischen Markt haben. Und wenn Deutschland in die Vorreiterrolle geht, dann wollen wir natürlich mit solchen Methoden arbeiten, die verhindern, dass uns einfach die Ferkelproduktion auswandert und die Schweinemäster in Deutschland auf Importferkel zurückgreifen, die ganz normal ohne Betäubung kastriert worden sind. Das kann es nicht. Das wäre auch nicht im Sinne des Tierschutzes. Deshalb sagen wir, wir brauchen diese Methode der Lokal-Anästhesie in der Hand des Landwirts.

"Blockadehaltung bei den Behörden"

Ehring: Wann meinen Sie, dass die zur Verfügung steht?

Krüsken: Na ja, das ist der Pferdefuß an der Geschichte, und dann sind wir auch bei der Fristverzögerung. Wir diskutieren im Grunde seit über drei Jahren mit den zuständigen Behörden und auch mit dem Verordnungsgeber darum, diese Methode gangbar zu machen. Wir stoßen dort auf eine, ich sage es ganz offen, Blockadehaltung. Wir sehen, dass hier mit unterschiedlichem Maß gemessen wird, dass zum Beispiel eine Methode Vollnarkose trotz ihrer Methode nach anderen Maßstäben beurteilt wird. Unser Beispiel sind die dänischen Kollegen. Die haben es zugelassen. Die haben mit einer sehr pragmatischen und schnellen Zulassung dieses Verfahrens dafür gesorgt, dass den dänischen Landwirten das zur Verfügung steht. Aus welchen Gründen das in Deutschland nicht möglich ist, erschließt sich uns nicht. Aber wenn wir diese Methode nicht in die Hand bekommen, dann muss man notfalls auch den Aufschub machen. Der darf aber nur so lange dauern, bis die Methode verfügbar ist.

Ehring: Vielleicht noch kurz zum Schluss gefragt. Warum müssen männliche Ferkel kastriert werden?

Krüsken: Das ist natürlich die wichtigste aller Fragen. Wenn die Tiere geschlechtsreif werden – das ist ab einem Lebendgewicht von 80, 85, 90 Kilo -, dann entwickelt das Fleisch einen sehr unangenehmen Geschlechtsgeruch. Jeder, der dafür empfindlich ist und der das mal erlebt hat, der wird längere Zeit nicht mehr zum Schweinefleisch greifen. Das ist eine ziemlich massive Beeinträchtigung des Fleischgenusses und das kann man umgehen, indem man die Tiere, wenn sie denn nicht kastriert sind, sehr früh schlachtet, oder indem man kastriert. Das ist in den zurückliegenden Jahrzehnten der Standard in Europa gewesen und das wollen wir jetzt ändern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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