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StartseiteInterview"Konflikt droht religiöse Dimension zu bekommen"07.04.2015

Schwere Kämpfe im Jemen"Konflikt droht religiöse Dimension zu bekommen"

Der Politikwissenschaftler Guido Steinberg befürchtet, dass die Kämpfe im Jemen in einem religiösen Konflikt münden. Noch seien die Auseinandersetzungen ein reiner Machtkampf, sagte Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik im DLF. Mit dem Vorrücken der Rebellen im Süden könne sich das ändern.

Guido Steinberg im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Guido Steinberg, Terrorismus- und IS-Experte, von der Stiftung Wissenschaft und Politik in einer Talkrunde (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)
Guido Steinberg, Terrorismus- und IS-Experte, von der Stiftung Wissenschaft und Politik (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)
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Die Huthi-Rebellen sind wie der frühere Präsident, Ali Abdallah Salih, schiitische Saiditen. Sie stellten 30 Prozent der Landesbevölkerung und lebten ausschließlich im Norden, sagte Steinberg. Die Bewohner im Süden dagegen seien sämtlich den Sunniten zuzuordnen. Da die Rebellen nun immer weiter Richtung Süden vormarschierten, gewinne der Konflikt eine immer stärkere religiöse Dimension. Einige der Bewohner im Süden würden den Konflikt bereits unter religiösen Gesichtspunkten annehmen.

Nach Ansicht von Steinberg kann die Auseinandersetzung nicht militärisch gelöst werden. "Die Luftangriffe können nicht bewirken, dass die Huthi-Rebellen gestoppt werden", sagte er. Außerdem könnten diese nicht erreichen, dass der geflohene Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi wieder eingesetzt werde. "Es kann nur darum gehen, die Parteien an den Verhandlungstisch zu bringen."


Das Interview in voller Länge:

Dirk-Oliver Heckmann: Wir haben Anlass, uns mit der Lage im Jemen zu befassen, denn seit Tagen fliegt Saudi-Arabien mit seinen Verbündeten Luftangriffe auf Stellungen der Huthi-Milizen. Die hatten zuvor die Hauptstadt Sanaa erobert, den amtierenden Präsidenten vertrieben und schicken sich jetzt an, auch die Hafenstadt Aden einzunehmen. Hunderte kamen bereits ums Leben.

Gestern ist es Mitarbeitern des Internationalen Roten Kreuzes erstmals gelungen, dorthin, nämlich nach Aden, vorzudringen, um Verletzte zu bergen und die Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln und mit Medikamenten zu versorgen. Die Stadt gleiche einer Geisterstadt, berichtet der Missionschef des Internationalen Roten Kreuzes via Twitter, und das Ausmaß der Zerstörungen würde jetzt erst sichtbar. Am Telefon dazu Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Herr Steinberg, wer kämpft da eigentlich gegen wen?

Guido Steinberg: Nun, auf der einen Seite kämpfen die Huthi-Rebellen aus dem Norden des Landes zusammen mit Einheiten des ehemaligen jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Salih, der 2012 zum Rücktritt gedrängt wurde. Die Huthi-Rebellen werden von Iran unterstützt. Auf der anderen Seite haben wir den immer noch amtierenden jemenitischen Präsidenten Hadi, der sich zunächst nach Aden zurückgezogen hatte, mittlerweile sich aber in Saudi-Arabien aufhält, ihm loyale Einheiten, Regierungstruppen, und Freiwillige aus dem Süden, und dieser Präsident Hadi wird von Saudi-Arabien und seinen Verbündeten jetzt massiv unterstützt.

Machtkampf mit religiöser Dimension

Menschen im Jemen betrachten die Trümmer zerstörter Häuser im Dorf Bani Matar, 70 Kilometer westlich der Hauptstadt Sanaa. (afp / Mohammed Huwais)Im Jemen wurden bei den Angriffen nach UNO-Angaben auch viele Zivilisten getötet. (afp / Mohammed Huwais)Heckmann: Ist es ein reiner Machtkampf, der da stattfindet, oder spielen die Konfessionen, die Religionen da eine stärkere Rolle?

Steinberg: Zunächst einmal ist das ein reiner Machtkampf, aber der droht doch, eine religiöse Dimension zu bekommen insofern, als die Huthi-Rebellen Zaiditen sind und auch der ehemalige jemenitische Präsident Salih ist ein Zaidit. Die stellen so etwa 30, vielleicht 35 Prozent der Bevölkerung des Landes und die leben fast ausschließlich im Norden. Und jetzt, da die Rebellen auf den Süden zumarschieren, jetzt, da sie drohen, auch die Hafenstadt Aden einzunehmen, gewinnt der Konflikt eine immer stärkere religiöse Dimension, weil die Bewohner des Südens sämtlich Sunniten sind, der schafiitischen Rechtsschule angehören, und zumindest einige von denen diesen Konflikt jetzt auch in religiösen Dimensionen annehmen, befeuert von den Saudis, die da tatsächlich Schiiten am Werk sehen und die Iraner am Werk sehen.

Heckmann: Dass es jetzt zum offenen Krieg kommt, wie überraschend ist das aus Ihrer Sicht? Hat sich das abgezeichnet vorher?

Steinberg: Nein, ich denke nicht, dass sich das abgezeichnet hat. In gewisser Weise war seit einigen Jahren klar, dass der Jemen zerfällt. Aber es gab doch einige Hoffnung im Jahr 2012, weil es eine von den Golfstaaten und auch den Europäern vermittelte Lösung gab. Der damalige Präsident Salih ist zurückgetreten, Hadi, sein ehemaliger Stellvertreter, galt als wesentlich weniger kontrovers, auch als ein effektiverer Administrator. Aber die Konflikte im Land waren wohl zu tiefschürfend, als dass diese Lösung hätte dauerhaft sein können. Das große Problem ist tatsächlich auch, dass die Nachbarstaaten in diesen Konflikt etwas hereinlesen, was meines Erachtens nicht so stark ausgeprägt ist. Saudi-Arabien sieht, wie gesagt, den Iran am Werk, während ich doch eher der Auffassung bin, dass die Huthis ein lokaler Akteur sind, durchaus einige iranische Unterstützung bekommen, aber nicht deren Stellvertreter im Land, sondern vor allem für ihre lokalen Belange kämpfen und nicht für irgendeine schiitische Agenda, die ihnen von den Saudis unterstellt wird.

"Dschihadistische Gruppen sind die Erzfeinde der Huthi"

Heckmann: Ich habe es erwähnt: Saudi-Arabien fliegt ja jetzt seit 12, 13 Tagen Luftangriffe auf Stellungen der Huthi-Milizen, will damit den amtierenden, eigentlich gewählten Präsidenten Hadi wieder ins Amt bringen. Hat dieses Vorhaben Aussicht auf Erfolg, oder anders gefragt, wie gut sind die Aussichten vonseiten der Huthi-Rebellen das Land komplett einzunehmen?

Steinberg: Nun, die Aussichten der Huthi-Rebellen sind im Moment ganz gut. Sie kämpfen schon in Aden. Allerdings ist es nicht zu sehen, wie sie in der Lage sein wollen, das gesamte Land zu kontrollieren. Der Widerstand ist doch im Moment schon sehr stark. Und es gibt ja auch noch einen dritten Akteur, nämlich dschihadistische Gruppen wie vor allem Al Kaida, die auch im Süden etwas weiter östlich operieren und die einigen Berichten zufolge auch die große, sehr, sehr wichtige Hafenstadt Mukalla eingenommen haben sollen. Und das sind die Todfeinde der Huthis. Es wird denen nicht gelingen, dieses Gebiet im Süden einzunehmen. Und das zeigt eigentlich, dass es dort wahrscheinlich zu einem längeren Bürgerkrieg kommen wird, wenn es denn nicht zu einer Verhandlungslösung kommt. Gleichzeitig ist nämlich auch klar, dass diese Luftangriffe tatsächlich nicht bewirken können, dass die Huthis gestoppt werden. Wenn die Saudis tatsächlich ihre Agenda im Jemen durchsetzen wollen, dann werden sie Bodentruppen schicken müssen. Die haben sie selbst nicht, und es ist nicht zu sehen, wer die sonst schicken soll.

"Parteien müssen an den Verhandlungstisch"

Ein Mitglied der Huthi-Rebellen erhebt bei einer anti-saudischen Demonstration in Sanaa sein Gewehr. (picture alliance / dpa / EPA / YAHYA ARHAB)Eine anti-saudische Demonstration in Sanaa am 26. März 2015 (picture alliance / dpa / EPA / YAHYA ARHAB)Heckmann: Am Wochenende gab es eine Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrats. Russland hatte eine Resolution eingebracht, in der eine sofortige Waffenruhe gefordert wird. Der Sicherheitsrat hat sich aber vertagt. Weshalb dringt die Forderung nach Waffenruhe nicht durch?

Steinberg: Ja, das ist letzten Endes wohl so, dass die Saudis nicht bereit sind, solchen Wünschen nachzugeben, und sie haben im Moment mächtige Unterstützer. Das ist meines Erachtens das Erstaunliche an der gegenwärtigen Situation: Die Koalition der Saudis, der ja auch vier andere Golfstaaten angehören, Jordanien, Marokko und vor allem Ägypten, die hat die Unterstützung der Amerikaner, aber auch die Unterstützung der Europäer. Obwohl die nicht so zufrieden sind mit dieser Strategie, stützen sie sie doch diplomatisch ab. Ich halte das tatsächlich für einen schweren Fehler, weil diese Strategie nicht erfolgreich sein wird. Es wird mit Luftangriffen nicht gelingen, den Präsidenten Hadi wieder einzusetzen. Das schürt vielmehr den ohnehin weit verbreiteten Hass auf die Saudis und die anderen Golfstaaten im Land und wird diesen Konflikt weiter befeuern. Im Grunde kann es nur darum gehen, die Verhandlungsparteien, die Parteien an den Verhandlungstisch zu bringen, jegliche Unterstützung der Saudis ist, meine ich, eine Unterstützung dafür, dass dieser Konflikt noch sehr, sehr viel länger andauert und sehr viel mehr Opfer bringt, ohne dass irgendjemand davon einen Nutzen hat.

"Jemenitische Al Kaida steckte wahrscheinlich hinter Charlie-Hebdo-Anschlag"

Heckmann: Und die Folge haben könnte, dass der Staat, dass Jemen zerfällt, mit entsprechendem Bedrohungspotenzial auch für Europa?

Steinberg: Ja, das auf jeden Fall. Dieser Staatszerfall, wie gesagt, zeichnet sich schon lange ab. Der wird durch eine solche Intervention der Nachbarstaaten nur noch beschleunigt. Und das wirklich Unverständliche daran ist, dass die Saudis ja auch eine Gruppierung wie die jemenitische Al Kaida als ganz, ganz wichtige Bedrohung ansehen. Diese jemenitische Al Kaida erstarkt jetzt, und die hat in den letzten Jahren mehrfach gezeigt, dass sie in der Lage ist, auch in Europa, auch Richtung USA Anschläge zumindest zu planen. Nach meiner Interpretation war auch der Anschlag auf Charlie Hebdo im Januar 2014 von der jemenitischen Al Kaida in Auftrag gegeben. Dass die jetzt erstarkt, das ist ein Warnzeichen für uns, für die Saudis, aber auch für die Jemeniten selbst, das ist eine ganz schlechte Nachricht.

Heckmann: Halten Sie denn eine Verhandlungslösung, die Sie gerade eben schon angedeutet haben, noch für denkbar?

Steinberg: Ja, ich halte die für denkbar, vor allem deshalb, weil im Moment die meisten militärischen Aktivitäten ja von den Saudis ausgehen und ihren Verbündeten. Das sind wichtige Alliierte der Amerikaner und der Europäer, die deshalb auch beeinflussbar sind. Das Problem ist die Frage, wie man denn einen Akteur wie die Huthi-Rebellen und den ehemaligen Präsidenten an den Verhandlungstisch bringt, die ja im Moment in einer Position der Stärke sind, und bei denen gibt es fatalerweise eben nicht den auswärtigen Akteur, der sie stark beeinflussen kann. Die Iraner sind eben Unterstützer, aber nicht mehr. Sie können tatsächlich keinen maßgeblichen Einfluss auf die Aktivitäten ihrer Verbündeten im Jemen ausüben.

Heckmann: Guido Steinberg war das von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Lage im Jemen eskaliert immer mehr. Herr Steinberg, danke Ihnen für Ihre Zeit!

Steinberg: Ich danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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