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StartseiteCampus & KarriereSchwerkrank im Job08.09.2005

Schwerkrank im Job

Wie reagieren Arbeitgeber und Kollegen?

Sie trifft einen wie ein Faustschlag ins Gesicht: Die Diagnose, dass man einer schweren oder gar unheilbaren Krankheit leidet. Die optimale Behandlung ist jetzt das Wichtigste. Bald fragt man sich aber auch: Was wird jetzt aus meiner Arbeit?

Von Eike Petering

Zuerst die Sorge um die Gesundheit, dann um die Arbeit. (Stock.XCHNG / Carin Araujo)
Zuerst die Sorge um die Gesundheit, dann um die Arbeit. (Stock.XCHNG / Carin Araujo)
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Arbeitsunfähigkeit und Kündigung

" Ich hatte monatelang Muskelkater im linken Arm und bin dann zum Orthopäden gegangen, aber eben ziemlich spät als wirklich mir der linke Arm schon so wehgetan hat, dass ich gesagt hab: Jetzt geht’s nicht mehr. Ich kann nicht mehr ins Hotel gehen."

Angela Meier arbeitet als Hausdame in einem Hotel, als sie die furchtbare Diagnose erfährt: Krebs – in einem weit fortgeschrittenen Stadium. Für die alleinerziehende Mutter einer vierzehnjährigen Tochter bricht die Welt zusammen. Während ihr Tumor behandelt wird, muss sich Angela Meier im Hotel wochenweise krankmelden.

" Mein Chef hat gefragt: "Wie lang dauert’s denn noch?" und "Wir brauchen Sie" und "Wann können Sie denn wieder?" aber meine Interessen waren wirklich woanders zu diesem Zeitpunkt. Ich habe mit meinem baldigen Tod gerechnet."

Mehrere Operationen und Bestrahlungen retten ihr Leben. Doch die Behandlung ist langwierig. Nach einem Dreivierteljahr erhält Angela Meier, deren wirklichen Namen wir geändert haben, die Kündigung.

"Mein Chef hat mich angerufen und hat gesagt: Also es muss jetzt gekündigt werden, weil das innerbetrieblich wohl auch nicht mehr anders geht jetzt. Und ich hab mich schon erkundigt, ob ich noch irgendwelche Möglichkeiten habe, am Arbeitsgericht. Da hab ich dann eben erfahren, dass man nach 40 Tagen schon hätte gekündigt werden können."

Wenn das Krankengeld ausläuft, bleibt Angela Meier nur noch die Arbeitslosenhilfe. Deutlich besser ist es Ursula Meisinger ergangen. Als sie an Krebs erkrankt, halten ihr Chef und ihre Kollegen in der Marketingabteilung einer Software-Firma zu ihr. Und das, obwohl sie ein halbes Jahr lang ausfällt.

" Ich hatte sehr guten Kontakt. Ich wurde auch besucht im Krankenhaus, Zuhause und wurde mit Blumen überschüttet und mit Karten, also die waren wirklich alle sehr, sehr reizend und das hat mir sehr geholfen."

Elf Jahre später – Meisinger ist gerade zu einer Anwaltskanzlei gewechselt – entdecken die Ärzte einen neuen Tumor. Und wieder hat Meisinger Glück im Unglück. Die Antwort des Anwalts wird sie nie vergessen:

"Nein, Nein. Jetzt werden Sie erst mal gesund. Und es ist egal, wie lange es dauert, wir warten auf Sie." Und da war ich natürlich total überwältigt, weil ich fand das - in der heutigen Zeit - einfach toll."

Nach einem halben Jahr Behandlungspause kann Meisinger ihren neuen Job antreten. In Selbsthilfegruppen der Bayerischen Krebsgesellschaft hat sie auch anderen Mut gemacht, trotz Krankheit die Karriere voranzubringen.

Sehr viel Mut hat auch Sven Hanzelmann bewiesen. Vor einer Mandeloperation erfährt er, dass er HIV-positiv ist. Seine Ausbildung zum Krankenpfleger zieht er dennoch durch.

" Es sind schon die ersten Gerüchte gekommen, wie ich wieder auf Arbeit war, weil ich schon vier Wochen krank war, weil ich halt doch nen bisschen Zeit für mich gebraucht hab auch. Wie es dann wirklich konkret um HIV ging, da hab ich mich dem dann auch gestellt und hab dann gesagt: Ja, es stimmt, es ist so."

Seine Kursleiter reagieren souverän und raten Hanzelmann, seine Ausbildung unbedingt fortzusetzen. Anders ist es mit seinen Klassenkameraden: Einige sind geschockt. Andere übertreiben es mit dem Mitleid:

" Mitleid hat man am Anfang halt immer häufig gekriegt. Das ist auch ganz gut gewesen, aber dann irgendwie war das auch nicht mehr so toll. Es war auch ne gewisse Neugier dahinter."

Hanzelmann kann inzwischen gut mit seiner Infektion umgehen. Wegen hoher Hygienestandards im Pflegesektor ist seine Krankheit kein Problem für diesen Beruf, sagt er.

Was es bedeutet, wenn die Krankheit genau dazu wird, das hat die Schauspielerin Claudia Schmidt erfahren: Sie steckte gerade bis zum Hals in Arbeit, als bei ihr Brust- und Nierenkrebs diagnostiziert wurden.

" Bezeichnend für mich ist: Ich hab am 5. August die Krebsdiagnose gehabt und auch die Operation und am 6. August hab ich nen Angebot reinbekommen, ob ich am 8. August nen kleinen Drehtag machen könnte. Und da hatte ich ja noch alle Haare und alles und hab diesen Drehtag gemacht. Kein Mensch hat das mitbekommen."

Die folgende Chemo-Therapie und die Bestrahlungen hinterlassen Spuren. Schmidt ist ein anderer Typ geworden, muss sich als Schauspielerin neu vermarkten. Da sie als Freiberuflerin zudem kaum abgesichert ist, arbeitet sie, wo immer sie kann – etwa als Sprecherin. Mittlerweile hat sich Schmidt wieder im Markt etabliert – und kann ihrer Erkrankung sogar positive Seiten abgewinnen.

" Die andere Sache, die dazu kam, ist schon, dass ich das Gefühl hatte durch dieses wirklich grauenhafte Erlebnis auf ner anderen Seite schon an Kraft gewonnen zu haben, weil ich’s irgendwie durchgestanden habe. Und ich glaube, dass mich’s witzigerweise auch positiv verändert hat."

Hören Sie dazu auch das Interview "Krank, aber berufstätig". Welche Rechten, welche Pflichten hat ein schwerkranker Arbeitnehmer?
Der Arbeitsmediziner und leitenden Ford-Werks-Betriebsarzt, Dr. Erich Knülle
Audio in der linken Spalte

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