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StartseiteSonntagsspaziergangBaden ausnahmsweise nicht verboten26.08.2018

Schwimm-Wettkampf bei LübeckBaden ausnahmsweise nicht verboten

Schwimm-Wettkämpfe gibt es nur selten in Flüssen oder Seen. Einer der längsten findet auf der Wakenitz bei Lübeck statt - mitten im Naturschutzgebiet, wo baden normalerweise verboten ist.

Von Dieter Wulf

Am Ziel: Sebastian Barsch hat wieder den "Wakenitz Man" gewonnen (Deutschlandradio / Dieter Wulf)
Naturschützer haben den Schwimmwettkampf "Wakenitz Man" ins Leben gerufen - mitten im Naturschutzgebiet (Deutschlandradio / Dieter Wulf)
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Familien, kleine Ausflugsgruppen und Großeltern mit ihren Enkeln strömen auf das Schiff, um sich die besten Plätze zu sichern. Es ist ein sonniger Samstagmittag. Pünktlich um 12.00 Uhr legt die MS Melanie in Lübeck ab, Richtung Rothenhusen. Während Raimund Quandt sein großes Steuerrad einschlägt und der Ausflugsdampfer langsam in Fahrt kommt, erzählt er gleich seine ersten Geschichten.

"Die Wakenitz, die wir jetzt bereisen, ist ein sehr geschichtsträchtiger Fluss für die Hansestadt Lübeck. Nicht nur während des Mittelalters, sondern auch jetzt in der Jugendzeit durch die ehemalige innerdeutsche Grenze. Sie lief direkt entlang der Wakenitz und dieses und jenes möchte ich dann auch etwas erwähnen."

Raimund Quandt, Kapitän der MS Melanie, am Steuer (Deutschlandradio / Dieter Wulf)Raimund Quandt, Kapitän der MS Melanie (Deutschlandradio / Dieter Wulf)

Die Wakenitz, auf der wir unterwegs sind, verbindet den südlich gelegenen Ratzeburger See mit Lübeck. Obwohl nur etwas mehr als 20 Kilometer lang, hatte das kleine Flüsschen für die Hansestadt schon immer eine große Bedeutung, erklärt Kapitän Quandt.

"Schon seit 1053 fuhren urkundlich erwähnt hier auf der Wakenitz Lastboote mit Handelsgüter beladen. Noch weit bevor auf dem Stecknetzkanal dem ältesten Kanal Nordeuropas, dem heutigen Elbe-Lübeck-Kanal das weiße Gold des Nordens gefahren wurde."

Die Mangroven des Amazonas - nur in Lübeck

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs bekam die Wakenitz aber noch eine ganz andere Bedeutung, denn sie war plötzlich Grenzfluss zwischen West- und Ostdeutschland. Der Fluss war Westdeutsch, das östliche Ufer bereits DDR-Gebiet. Die eigentlichen Grenzanlagen aber, Zäune und Wachtürme, verliefen einige hundert Meter vom Wasser entfernt. Am Ufer pflanzte die Volkspolizei dann systematisch Schwarzerlen, eine Baumart, die eigentlich aus Südeuropa stammt.

"Sie wurden deshalb gepflanzt, damit die Westdeutschen nicht in die Grenzanlagen reinschauen konnten, die man damals ja ab '64 aktiv aufbaute. Und die Stadt Lübeck hatte dann ebenfalls begonnen sogenannte Erlentaschen und Weidentaschen in das Uferbild einzubauen, das Uferbild auch anzugleichen, und das ergab dann durch die Wurzeln, die dann am Ufer oft freigespült werden, als wenn das die Mangroven des Amazonas sind.

Am Uferrand sieht man die dicken Wurzeln der Schwarzerlen, die tatsächlich den Eindruck südamerikanischer Mangrovenwälder vermitteln, findet auch Jörg Klement, der Naturschutzbeauftragte der Stadt Lübeck, mit dem ich mich am Flussufer verabredet habe.

"Die Bäume hängen soweit runter, dass man die richtige Uferkante gar nicht richtig erkennen kann und das ist im Amazonas ja auch sehr ähnlich."

Außergewöhnliches Wasserbiotop und große Artenvielfalt

Als Jacques Cousteau, der legendäre Meeresforscher, in den 70er-Jahren mal Lübeck besuchte und dann auch die Wakenitz befuhr, soll auch er vom Amazonas des Nordens gesprochen haben. Aber nicht nur diese Uferlandschaft sei so besonders, meint Jörg Clement, sondern auch die ungewöhnlich große Artenvielfalt.

"Wir haben hier so zum Beispiel auch die Eisvögel in den Uferbereichen noch brüten. Dann haben wir hier an der Wakenitz häufiger zu Gast den Seeadler, der hier auch jagt, und wir haben hier auch Fischadler."

Durch die Zonengrenze war hier ein ganz außergewöhnliches Wasserbiotop entstanden, das sich ganz in der Nähe von Lübeck so hatte entwickeln können. Als die Mauer dann fiel, befürchteten viele, dass diese einzigartige Naturlandschaft jetzt wieder bedroht sein könnte.

"Wakenitz Man" statt "Ironman"

"Und da hat sich eine Bürgerinitiative damals gegründet, die hieß 'Rettet die Wakenitz', die übrigens auch mit dazu beigetragen hat, da waren einige aus dieser Bürgerinitiative, die haben diese Veranstaltung, die hier jetzt morgen läuft, nämlich den 'Wakenitz-Man', also diese Schwimmstaffel, die hier jetzt durchgeführt wird, sie ist von der Bürgerinitiative damals mit angestoßen worden."

Der "Wakenitz Man", frei benannt nach dem weltweit bekanntesten Triathlon Wettbewerb, dem "Ironman" auf Hawaii, ist seitdem der längste und bekannteste Flußschwimmwettbewerb in Deutschland, der Anfang der 90er-Jahre ganz klein und familiär begann, erinnert sich Frank Schröder, der Organisator des "Wakenitz Man".

"Ich glaube beim ersten Start waren weniger als zehn Leute dabei, die das gemacht haben. Sind auch alle angekommen, dann ist das immer größer geworden."

200 Schwimmer am Start 

Eine richtige Massenveranstaltung ist es bis heute nicht. Denn wer hier mitschwimmen will, der braucht wirklich Durchhaltevermögen. "Es ist ja so, dass das Schwimmen schon sehr lang ist, 14 Kilometer. Und wir haben nicht die Möglichkeit jederzeit ans Ufer zu gehen."

Schwimmer müssen beim "Wakenitz Man" 14 Kilometer absolvieren (Deutschlandradio / Dieter Wulf)Schwimmer müssen beim "Wakenitz Man" 14 Kilometer absolvieren (Deutschlandradio / Dieter Wulf)

Insgesamt sind es mittlerweile 200 Schwimmer, die jedes Jahr im Sommer beim "Wakenitz-Man" an den Start gehen. 50 Einzelschwimmer, und jeweils 25 Zweier- und Viererstaffeln. Da das Gelände ziemlich unübersichtlich ist, gibt es von den Veranstaltern die Vorgabe, dass jeder Schwimmer von einem eigenen Kanu begleitet wird, erklärt Frank Schröder.

"Allein für die Sicherheit hat jetzt jeder sein Paddelboot mit dabei, damit er dann zur Not sich dran festhalten kann, dass er einsteigen kann, wenn er nicht weiter kann."

Persönliche Verbundenheit

Am Abend vorher stärken sich die Schwimmer beim gemeinsamen Abendessen im Lübecker Naturbad Falkenwiese, wo am nächsten Tag auch das Ziel sein wird. Dabei auch Sebastian Barsch, der den "Wakenitz Man" in den letzten Jahren schon mehrfach gewinnen konnte. Er ist von diesem ganz besonderen Schwimmwettkampf begeistert.

"Also man sieht unter Wasser unglaublich viel. Es ist überraschenderweise auch sehr klar. Wenn man dann nach rechts und links atmet, dann ist es sehr sehr grün und dann kann man dann schon ein bisschen gucken." 

Sebastian Barsch war früher Leistungssportler, war bei deutschen Meisterschaften ziemlich vorne dabei. Heute, mit Mitte 30, geht es nicht mehr um Sekundenbruchteile. Und der "Wakenitz Man", das sei jetzt wirklich seine Strecke, erzählt er und lacht.

"Die Wakenitz also der Name kommt aus dem slawischen und heißt der "Barsch-Fluss" und das ist halt der Zusammenhang, weil halt mein Nachname Barsch ist."

Anfeuern am Wechselpunkt der Staffeln

Am nächsten Morgen treffe ich einen erleichterten Frank Schröder am Rand der Strecke. "Der Start war überraschend gut. Es gab wenig Paddler, die abgesagt haben, wenige Leute, die plötzlich Paddler gebracht haben, wenig Absagen von den Schwimmern. Logistisch war es anstrengend, aber nicht so chaotisch wie in den letzten Jahren."

Wir stehen beim Ausflugslokal Absalonshorst. Einer der wenigen Stellen, wo man mit dem Auto nahe an die Wakenitz rankommt. Hier ist der Wechselpunkt für die Zweier- und Viererstaffeln. Während die einen erschöpft aus dem Wasser kommen, geht es für andere erst los, angefeuert von Freunden und Vereinskameraden.

Und dann, etwa eine Stunde später, kurz vor elf, kommt der erste Schwimmer im Lübecker Naturbad Falkenwiese, angefeuert vom Moderator und den Zuschauern ins Ziel. Der Sieger heißt auch diesmal wieder Sebastian Barsch.

"Und jetzt hier der Barsch aus Ahrensburg, Barschalarm im Freibad Falkenwiese, … auf den letzten Metern beim 20. Wakenitz Man, Sebastian Barsch, … er lässt sich das nicht nehmen. Der Sieger beim 20. Wakenitz Man: Sebastian Barsch, du bist ein "Wakenitz Man". Da ist er 2:46,50 seine Zeit."

"Geschmacksrichtung froschig"

Nach und nach kommen dann auch die anderen Schwimmer mit ihren Begleitbooten ins Ziel. Die Zeit interessiert die meisten nur am Rande. Uwe Seeberger ist der letzte einer Viererstaffel eines Berliner Schwimmvereins. Er und seine Kameraden sind das erste mal dabei und begeistert.

"Es macht Spaß, muss man auch mögen. Die Geschmacksrichtung ist so ein bisschen froschig, das darf einen nicht stören, wenn man ein bisschen Wasser schluckt. Ansonsten ist das Wasser sehr klar, schöne Sicht und wenn man nach links und rechts guckt schaut man in grüne Landschaft vorbei an Kranichen, Enten, Schwänen, Kormoranen. Die Wasserwelt unten hab ich noch nicht so besichtigt, aber meine Schwimmkameraden berichteten von diversen Fischen, die da auch sind."

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