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StartseiteForschung aktuellDer Niedergang begann mit Guano12.12.2014

Schwund der Artenvielfalt Der Niedergang begann mit Guano

Die Intensivierung der Landwirtschaft gilt als eine der Ursachen für den Rückgang der Artenvielfalt in Europa. Eine Studie im Fachmagazin "Science" zeigt jetzt aber, dass zumindest in Großbritannien viele blütenbestäubenden Bienen- und Wespenarten schon früher ausstarben.

Von Lucian Haas

Weiterführende Information

Wenn der Hase sich vom Acker macht
(Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 05.10.2014)

Bedrohte Artenvielfalt - Streit um Spargelfelder unter Folie
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 02.10.2014)

The Bees, Wasps and Ants Recording Society in Großbritannien, kurz: BWARS, ist ein kleiner, aber sehr reger Verband von Naturfreunden. Die rund 500 Mitglieder sammeln aktuelle und historische Informationen über die Verbreitung von Bienen, Wespen und Ameisen auf den britischen Inseln. Und das machen sie so akribisch, dass die Daten mittlerweile als weltweit einmalig und für die Wissenschaft besonders wertvoll gelten. Jeff Ollerton, Biologe an der Universität von Northampton.

"Die frühesten Einträge in der Datenbank von BWARS reichen zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die BWARS-Mitglieder haben alte Aufzeichnungen, aber auch die Sammlungen aufgespießter Insekten in Museen gesichtet. Jedes gesammelte Exemplar aus dem 19. Jahrhundert steht jetzt in der Datenbank mit den Informationen, wann und wo es gefunden wurde."

Aus den BWARS-Daten geht hervor, dass es auf den britischen Inseln 534 Bienen- und blütenbestäubende Wespenarten gibt beziehungsweise gab. Denn in den vergangenen 150 Jahren sind 23 davon ausgestorben. Jeff Ollerton wollte es aber genauer wissen. Er interessierte sich für den Zeitpunkt, wann die einzelnen Arten verschwanden. Denn er fragte sich, welche Veränderungen in der Umwelt jeweils für die Verluste verantwortlich waren. Sein Hauptverdacht richtete sich auf die Intensivierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Einschätzung musste er aber revidieren.

"Das Aussterben von Bestäuberinsekten hängt mit dem Wandel in der Landwirtschaft zusammen, aber deutlich früher als bisher gedacht. Das geht zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Das ist also kein neues Phänomen. Die Hauptperiode der Artenverluste beginnt in den späten 1920er-Jahren und hält bis Ende der 50er-Jahre an."

Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die britischen Bauern, importierten Guano als Dünger auf Wiesen und Felder auszubringen. Zudem verzichteten sie bei der Fruchtfolge auf die Brache. Das reduzierte die Vielfalt der Wildblumen in der Landschaft. Nach dem Ersten und verstärkt noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Intensivierung der Landwirtschaft auch politisch stark gefördert. Der Einsatz von Kunstdünger schnellte in die Höhe. Das ging einher mit einem verstärkten Artensterben bis Ende der 50er-Jahre. Nach 1960 gingen aber nur noch fünf Arten verloren. Jeff Ollerton fällt es schwer, das zu erklären. Denn die Landwirtschaft wurde seitdem eher noch intensiver betrieben.

"Eine Möglichkeit ist, dass die Arten, die vor 1980 ausstarben, einfach besonders empfindlich auf die Veränderungen in der Landwirtschaft reagierten. Wir haben also die wirklich sensiblen Arten verloren."

Eine zweite Möglichkeit wäre: Seit den 1960er-Jahren wurden in Großbritannien neue Naturschutzgebiete ausgewiesen. Das könnte einen schützenden Effekt für die Artenvielfalt der blütenbestäubenden Insekten gehabt haben. Jeff Ollerton vermutet eine Kombination beider Entwicklungen. Anlass für Entwarnung sieht er aber nicht. Durch den Klimawandel und Veränderungen in der Agrarpolitik könnte der Artenschwund der Bestäuberinsekten in Zukunft weitergehen.

"Agrarpolitische Entscheidungen haben große Auswirkungen auf die Natur und jene Arten, die auch den Bauern einen direkten Nutzen bringen. Viele landwirtschaftliche Nutzpflanzen werden von Insekten bestäubt. Das führt zu einer großen Paradoxie: Veränderungen wie ein verstärkter Düngereinsatz können einerseits die Erträge steigern, andererseits können sie die Ernten aber auch reduzieren."

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