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StartseiteDie neue PlatteMahlers Zehnte rekonstruiert03.07.2016

Seattle Symphony OrchestraMahlers Zehnte rekonstruiert

Als der Komponist Gustav Mahler im Jahr 1911 in Wien verstarb, hinterließ er eine unvollendete 10. Symphonie. Jahrzehnte verbrachte der Musikwissenschaftler Deryck Cooke damit, die Leerstellen aufzufüllen - mit Erfolg. Jetzt hat das Seattle Symphony Orchestra seine Fassung von Mahlers Zehnter eingespielt, unter Leitung von Thomas Dausgaard.

Von Georg Waßmuth

Undatierte Aufnahme des österreichischen Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler (1860-1911) (picture-alliance / dpa)
Die Zehnte, unvollendete Symphonie des österreichischen Komponisten Gustav Mahler schien lange eine Fata Morgana zu bleiben (picture-alliance / dpa)
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Es ist eine ziemlich einsame und karge Hochebene, die Gustav Mahler zu Beginn seiner 10. Sinfonie imaginiert. Ein kleiner Fußtrupp von Bratschern tastet sich zaghaft voran, so etwas wie ein Thema ist erst einmal weit und breit nicht in Sicht. Das Werk ist unvollendet geblieben, doch recht umfangreiche Skizzenbücher wurden nach dem Tod des Komponisten überliefert. Die rekonstruierte Fassung von Deryck Cooke spielte nun das amerikanische Orchester "Seattle Symphony" aus dem Bundesstaat Washington unter Thomas Dausgaard ein.

Nachdem das Vorauskommando die spröde Anfangsetappe überwunden hat, blüht im ersten Satz der gesamte Gustav-Mahler-Kosmos in all seiner prangenden Schönheit auf.

Der große Streicherapparat findet sein betörend herbes Thema, die Bläser werfen ihre große Windmaschine an und das Solo-Horn zeigt gleich einmal Flagge. Zur neuen Platte begrüßt Sie Georg Waßmuth.

Musik: Gustav Mahler 10. Sinfonie – 1. Satz

Das Orchester "Seattle Symphony" unter Thomas Dausgaard mit einem Ausschnitt aus dem 1. Satz der rekonstruierten Fassung der 10. Sinfonie von Gustav Mahler. Als der Komponist im Jahr 1911 in Wien verstarb, lag das Werk noch nicht als vollendete Partitur vor.

Ein Jahr vor seinem Tod hatte Gustav Mahler mit der Arbeit begonnen, sie aber nicht mehr zu Ende bringen können. Wie immer hatte er zuerst ein sogenanntes "Particell" angefertigt, eine Vorform der ausgearbeiteten Partitur mit reduziertem Notensystem und noch keineswegs endgültig ausgefeilter Instrumentierung. Es gab Lücken im Text, die Mahler wie immer erst bei der Reinschrift füllen wollte, von manchen Sätzen existierte nur eine wenige Takte umfassende Grundidee – mehr nicht.

Doch das Gerücht von einer letzten Sinfonie des Spätromantikers verbreitete sich schon unmittelbar nach dem Ableben Mahlers. Etwas mythologisch Verklärtes umschwebte das Werk. Geschaffen sei es von einem Titan mit dem Wissen um den nahenden Tod und der fragilen Aussicht auf das Jenseits.

Mahlers Zehnte: Lange Zeit wie eine Fata Morgana

Teile der Zehnten wurden auch immer wieder im Konzert gespielt, doch als Ganzes schien sie lange Zeit wie eine Fata Morgana zu bleiben. Hier tritt nun der Musikwissenschaftler Deryck Cooke auf.

Den Briten kann man sich durchaus vorstellen wie einen jener wunderlichen Schmetterlingssammler, die mit übergroßem Köcher jahrelang auf die Jagd nach einem seltenen Exemplar gehen. Cookes Objekt der Begierde war die 10. Sinfonie von Gustav Mahler, die ihn ab 1959 umtrieb. In einem Interview mit der BBC erläuterte er damals seine Beweggründe. Wie er die Skizzen einer fünfsätzigen Sinfonie in Fis-Dur vorfand, die von Anfang bis Ende durchkonstruiert war und sich an die mühevolle Arbeit machte, die Leerstellen auffüllte und eine Orchestrierung vornahm.

O-Ton Deryck Cooke

Soweit der Musikwissenschaftler Deryck Cooke, der bereits 1960 eine erste vollständige Fassung der 10. Sinfonie von Gustav Mahler vorstellte, diese Arbeit aber mit Akribie weitere 10 Jahre verfolgte und fleißig revidierte, denn nach anfänglichem Bedenken machten die Nachkommen des Komponisten weitere Skizzen zugänglich.

Der Musikwissenschaftler konnte letztendlich eine Fassung vorlegen, die bis heute überzeugt.

Gustav Mahler verwendete in seiner sinfonischen Arbeit neben dem genialischen Einfall immer auch Versatzstücke, die so etwas wie den Markenkern seiner Musik ausmachen. Da ist die Orchestrierung, die hohen Wiedererkennungswert hat, die Vorliebe für gewisse Instrumente, seine Wagnisbereitschaft in der Harmonik, die Verwendung rhythmisch-charakteristischer Elemente und vieles mehr, das man analysieren und adaptieren kann.

Seattle Symphony zählt zu Spitzenensembles der amerikanischen Szene

Deryck Cooke trat als Tonschöpfer völlig hinter dem Originalfragment zurück. Er ergänzte und passte an, dehnte das Vorhandene auf die berühmten "himmlischen Längen" und scheute keineswegs den großen, endzeitlichen Hammerschlag wie hier zu Beginn des fünften Satzes.

Musik: Gustav Mahler 10. Sinfonie – 5. Satz

Das Orchester "Seattle Symphony" unter Thomas Dausgaard mit einem Ausschnitt aus dem Finale der 10. Sinfonie von Gustav Mahler in der Fassung von Deryck Cooke. Das Konzertorchester gehört zweifelsfrei zu den Spitzenensembles der amerikanischen Szene.

Jede Position ist hervorragend besetzt, das Zusammenspiel und die Klangbalance eine einzige Ohrenfreude. Das "Seattle Symphony" wurde im Jahr 1903 gegründet und hatte stets gute Verbindungen zur europäischen Musiktradition. Viele Emigranten fanden in ihm eine künstlerische Heimat, so stand etwa auch der in Wien geborene Erich Leinsdorf dort am Dirigentenpult. Das Orchester strebte immer an, sich unter den Top-Five in Amerika zu etablieren. Maßgeblich der Trompeter und Dirigent Gerard Schwarz trieb diese Entwicklung über fast ein viertel Jahrhundert tatkräftig voran.

Doch der Maestro schied im Unfrieden, Mobbing und ein gnadenloses Regime warf man ihm vor. In aller Öffentlichkeit wurde viel schmutzige Wäsche gewaschen, danach taumelte das Kollektiv angeschlagen vom Podium. In Amerika sind Orchester wie nirgendwo sonst von den Zuwendungen der Sponsoren abhängig. Nimmt das Image Schaden, kann es sein, dass der Geldstrom versiegt.

Dausgaard bevorzugt straffe Tempi und die klare Kante

Doch das Seattle Symphony hat sich mit viel Engagement von seiner Krise befreit. Es bietet heute in der Großregion zahlreiche Projekte an und residiert in einer außergewöhnlich schönen Konzerthalle. Dort ist auch die Aufnahme der 10. Sinfonie von Gustav Mahler in einem Livemitschnitt entstanden. Sie wird über das eigene Label "Seattle Symphony Media" vertrieben.

Musik: Gustav Mahler 10. Sinfonie – 2. Satz

Das Seattle Symphony unter Thomas Dausgaard mit einem Ausschnitt aus dem 2. Satz der 10. Sinfonie von Gustav Mahler in der rekonstruierten Fassung von Deryck Cooke. Dank der exzellenten Musikerinnen und Musiker kann der Dirigent hier frei gestalten. Dausgaard wirft keinen überromantischen Blick auf Mahler, sondern bevorzugt straffe Tempi und die klare Kante. Das tut dem Werk hörbar gut, denn ein sinfonisches Schwergewicht wie die Zehnte braucht nicht noch zusätzlichen Ballast, um Wirkung zu entfalten.

Thomas Dausgaard ist erster Gastdirigent des Orchesters, aber kein reisender Pultstar. Der Däne sucht immer den längeren Kontakt für kontinuierliche Zusammenarbeit. Nach Positionen beim schwedischen Kammer- und dänischen Nationalorchester ist er designierter Chef des BBC Scottish Symphony Orchestra, sein Spielbein in Seattle pflegt er seit Jahren. Dausgaard ist kein Opern- sondern ein Konzertdirigent, hier liegen unbedingt seine Stärken. Selbst bei einem Koloss wie der Zehnten von Mahler mit über 70 Minuten Spielzeit verliert der Däne vom ersten bis zum letzten Takt nie den strukturellen Überblick.

Cookes' Spielfassung hat sich im Konzertleben als tragfähig durchgesetzt

Beim Beginn des vierten Satzes nutzt er den Vorwärtsschwung und schiebt dunkle Klangwolken immer wieder schnell zur Seite.

Musik: Gustav Mahler 10. Sinfonie – 4. Satz

Das Orchester "Seattle Symphony" unter Thomas Dausgaard mit einem Ausschnitt aus dem 4. Satz der 10. Sinfonie von Gustav Mahler in der Rekonstruktion von Deryck Cooke. Immer wieder versuchten Wagemutige, das Werk zu vollenden, doch diese Spielfassung hat sich im Konzertleben heute als tragfähig durchgesetzt.

Die Aufnahme ist beim orchestereigenen Label "Seattle Symphony Media" erschienen.

Sie kann nicht nur als CD geordert werden, sondern steht auch auf spezialisierten Portalen in einer hochauflösenden Variante aus dem Mischpult der Tonregie zur Verfügung. Wer dann seinen Computer mit der Stereoanlage verbindet, hat schnell über 100 Musiker im Wohnzimmer zu Gast, die ihr bestes geben. Mit dem 3. Satz aus der 10. Sinfonie endet die Neue Platte, am Mikrofon war Georg Waßmuth.

Musik: Gustav Mahler 10. Sinfonie – 3. Satz

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