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StartseiteHintergrundSeelenschrei10.07.2010

Seelenschrei

Posttraumatische Belastungsstörungen bei Bundeswehrsoldaten werden häufiger

Im Jahr 2003 saß der Bundeswehrsoldat Mario Knaak in dem Bus, der in Kabul gesprengt wurde. Zwar hat er den Anschlag überlebt, doch danach war alles anders.

Von Albrecht Kieser

Bewaffnete deutsche ISAF-Soldaten stehen in der deutschen Basis in Masar-e-Sharif, nördlich von Kabul. (AP)
Bewaffnete deutsche ISAF-Soldaten stehen in der deutschen Basis in Masar-e-Sharif, nördlich von Kabul. (AP)

Mario Knaak liegt in einem Bundeswehrkrankenhaus und versucht, gesund zu werden. Warum, erzählt er in einem 20-minütigen Dokumentarfilm - gedreht von der Bundeswehr. Der Titel "Wenn die Seele schreit":

"2003 saß ich in dem Bus, der in Kabul weggesprengt wurde. Ja, es war unser letzter Tag und es sollte nach Hause gehen. Am Anfang dachte ich, es geht immer noch, man kann irgendwann wieder schlafen und so. Aber es wurde von Mal zu Mal immer schlimmer mit der Zeit."

Die Zahl ziviler Opfer deutscher Kriegseinsätze im Ausland wächst. Aber auch die Zahl deutscher Soldaten, die von Auslandseinsätzen traumatisiert nach Hause zurückkehren, nimmt stetig zu. Nach Angaben der Bundeswehr erkrankten seit 1992 1500 Soldaten an PTBS, der posttraumatischen Belastungsstörung. Seit dem Jahr 2001, seit der Bundestag deutsche Soldaten nach Afghanistan schickt, ist die Zahl der Erkrankten sprunghaft angestiegen: Im vergangenen Jahr mussten sich 477, im ersten Quartal 2010 sogar schon 147 Soldaten deshalb in Behandlung begeben.

An PTBS erkrankt ist auch Mario Knaak. Im Dokumentarfilm der Bundeswehr, der im Internet zu sehen ist, tritt der junge Mann auch als Zeuge dafür auf, dass sich die Truppe um ihre kranken Soldaten kümmert.

"Mein Ziel ist es, wieder ein normales Leben zu führen, wie ich es vor dem Einsatz geführt habe. Und darauf hin arbeite ich jetzt."

Soldaten, bei denen eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, diagnostiziert wurde, haben eine tiefe seelische Verwundung erlitten. Angstzustände, Depressionen, Desorientierung, Verfolgungswahn und Aggressionsschübe gehören zum Krankheitsbild. Auch Selbstmordversuche sind nicht auszuschließen. Verläuft der Heilprozess optimal, kann der Betroffene wieder seinem normalen Alltag nachgehen. Es bleibt allerdings das Risiko einer Retraumatisierung.

An PTBS können Menschen leiden, die mit Tod und Sterben außergewöhnlichen Ausmaßes konfrontiert waren. Selbst wenn sie nur Zeuge oder Helfer waren, als andere zu Schaden gekommen sind. Sogar Täter, die anderen Menschen Leid und Tod zugefügt haben, können an PTBS erkranken. Sanitätshauptmann Heinz Sonnenstrahl, der im vergangenen Jahr aus Altersgründen aus dem aktiven Dienst bei der Bundeswehr ausgeschieden ist, vermutet, dass weitaus mehr Soldaten an PTBS erkrankt sind als die offizielle Bundeswehrstatistik es vermuten lässt.

"Wir haben seit 1996 mindestens 10.000 höchst traumatisierte, ehemalige Soldaten."

Sonnenstrahl hat im Jahr 2003 die Selbsthilfeorganisation Skarabäus mitgegründet und ist bis heute deren Sprecher. An seinen Verein wenden sich ehemalige Soldaten, die seelisch erkrankt sind und nicht weiter wissen. Die Deutsche Kriegsopferfürsorge, eine weitere Selbsthilfegruppe, spricht sogar von 20.000 traumatisierten Veteranen. Andreas Timmermann-Levanas, ausgebildeter Infanterist und einstiger Presseoffizier, ist bei Auslandseinsätzen mehrfach verwundet worden. Aus der Bundeswehr wurde er schließlich dienstunfähig entlassen.

"Ich hab die Organisation auch deswegen gegründet, weil ich wusste, dass die Soldaten selber nicht die Kraft haben oder aber ihre Rechte einzuklagen oder aber bei Ämtern, Behörden, Verwaltungen ihre Entschädigungen einzufordern."

Beide Selbsthilfegruppen berufen sich bei ihren Schätzungen auf Daten unter anderem aus den USA. Dort haben Langzeituntersuchungen unter Vietnamveteranen, Irak- und Afghanistanrückkehrern gezeigt, dass zwischen fünf und 40 Prozent der im Krieg eingesetzten Soldaten erkennbar seelisch erkranken. Ihr Krankheitsgrad steigt - je nachdem, wie brutal die Szenerien waren, die sie erlebt haben, wie nahe sie den Opfern und wie verstörend die eigenen Taten waren.

Legt man die Erkenntnisse aus den USA zugrunde, können – so behaupten es die Selbsthilfeorganisationen - die offiziellen Zahlen in Deutschland nicht stimmen: Über 150.000 Soldaten wurden in den letzten 18 Jahren auf Auslandseinsätze abkommandiert, rund 5000 seit 2001 nach Afghanistan. Für den Fall, dass nur jeder zehnte deutsche Soldat infolge eines solchen Einsatzes unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, müssten in der offiziellen Bundeswehrstatistik 15.000 Erkrankte erfasst sein. Zehn Mal so viele also wie die Armee zugibt.

Warum die amtliche Statistik nur von 1500 Betroffenen spricht, versucht Oberfeldarzt Niels von Rosenstiel zu erklären, er ist stellvertretender Leiter im zuständigen Referat des Verteidigungsministeriums.

"Es ist ja so, dass die Soldaten, die außerhalb der Bundeswehr erkranken, nach ihrer Wehrdienstzeit, sich natürlich dann im zivilen Bereich behandeln lassen werden. Deswegen gehen diese Soldaten im zivilen Bereich nicht in die Bundeswehrstatistik ein."

Im Klartext: Erkrankt jemand nach Ablauf seiner Dienstzeit, kommt er im Zahlenwerk der Bundeswehr nicht mehr vor. Timmermann-Levanas von der Deutschen Kriegsopferfürsorge nennt das zynisch. Der Ex-Offizier vermutet einen politischen Grund dahinter:

"Das liegt daran, dass sowohl die politische als auch die militärische Führung darauf bedacht ist, den Einsatz als Erfolg darzustellen. Auch im internationalen Vergleich. Und da ist es natürlich ganz praktisch, dass viele der betroffenen Soldaten bereits Zivilist sind, in unserer Statistik nicht erwähnt werden müssen und so kann man – und das ist auch in vielen Reden nachzulesen – sagen: seht her, liebe Bevölkerung, wir sind im Internationalen Vergleich mit allen anderen Streitkräften, was zum Beispiel die Ausfallquote von Soldaten betrifft, die Besten. Wir haben weniger Ausfälle auch im psychischen Bereich als die Amerikaner, als die Niederländer, als die Franzosen und so weiter, und so weiter. Eine bewusste Lüge? Ja. Zumindest ein bewusstes Nicht-Kommunizieren der ganzen Wahrheit."

In Afghanistan war auch Matthias J. Er hat sich im Jahr 2003 im Rahmen einer Reserveübung freiwillig nach Afghanistan gemeldet. Er ist Busfahrer und lenkte einen Bus in einem Konvoi, auf den ein Sprengstoffanschlag verübt wurde. Vier Bundeswehrsoldaten starben. Matthias J. möchte über seine Erlebnisse nicht sprechen. Er hat sie aufgeschrieben:

"Es war sehr grausam, denn keiner wusste so ziemlich, was denn jetzt passiert ist. Das Heckteil meine Busses hob sich kurz an, ich wurde aus dem Sitz gerissen und durch den Bus geschleudert. Ich blickte nach links und sah in Sekundenbruchteilen den anderen Bus an mir vorbeifliegen. Danach wurde alles dunkel. Ich hörte nur noch Schreie und Hilferufe und rannte rüber zum anderen Bus, der in einem Feld lag. Es roch stark nach verbranntem Fleisch. Ich begann mit der Bergung von den leicht verletzten Soldaten aus dem Bus. Nachdem es nichts mehr zu tun gab, bin ich zusammengebrochen. H. G., leitende Sanitäterin vor Ort, besorgte mir einen Fahrer, der mich ins Camp zurück brachte. Ich ging ins Stabsgebäude und wusch mir das ganze Blut vom Kopf und den Händen. Irgendwann kam Hauptmann B. zu mir und sagte bloß noch, mein Gott, hast Du ein Schwein gehabt."

Matthias J. kehrte nach Deutschland zurück, für ihn war seine Wehrübung vorzeitig zu Ende. Er freute sich auf sein normales Leben, auf seine Arbeit. Doch die für ihn zuständige städtische Amtsärztin untersuchte den Busfahrer und schrieb ihn krank – in seinem Fall fahrdienstunfähig. Ihre Diagnose: PTBS.

"Ich dachte, das wäre ein Fußpilz und informierte sogleich den Truppenarzt. Ja, sagte der, das kommt vor und schickte mich zu einem anderen Arzt. Der fragte nicht viel, sondern gab mir Kopfschmerztabletten. Ich fing an zu saufen, zog mich jeden Abend zurück, lebte nur noch im Keller, verweigerte mich jeglichem sozialen Kontakt."

Matthias J. fiel aus allen Wolken, als er schließlich entlassen wurde. Daraufhin verlängerte die Bundeswehr seine Dienstzeit als sogenanntes "Wehrdienstverhältnis besonderer Art". Als Berufssoldat wollte die Armee ihn allerdings nicht übernehmen. Die Begründung: Das sei nur möglich, wenn er wieder gesund ist.

"Meine Frau reichte im Oktober 2004 die Scheidung ein. Ich wurde gewalttätig gegenüber meinen Mitmenschen, habe nur noch Alkohol getrunken und suchte eine Flucht, indem ich mir Schmerzen zufügte. Nach und nach ging es immer tiefer, ich selber merkte dieses nicht. Irgendwann stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür und rüttelte mich in die Wirklichkeit zurück."

Bundeswehrärzte stellten damals bei Matthias J. eine 60-prozentige Minderung der Erwerbsfähigkeit fest. Ihre Behandlung: Medikamente und Appelle an sein Durchhaltevermögen. Erst Ende des vergangenen Jahres, also sechs Jahre nach seinen schrecklichen Erlebnissen in Afghanistan, entschied er sich für eine Therapie bei einem niedergelassenen Psychologen.

"Hier bin ich nun richtig zerbrochen, denn es kamen alle Bilder, Gerüche und so weiter wieder hervor. Dies ist jetzt wieder ständig da, ich habe eben alles verdrängt, weil ich meinte, der Supersoldat zu sein."

Mittlerweile ist Matthias J. aus dem Bundeswehrdienst ausgeschieden. Er bekommt für seine Kriegsverletzung eine Rente von monatlich 120 Euro. Seine Erwerbsfähigkeit sei um 30 Prozent gemindert, hat das Versorgungsamt festgestellt und damit die noch von Bundeswehrärzten diagnostizierte 60-prozentige Erwerbsminderung zurückgestuft. Für Matthias J. eine Verhöhnung seiner Erlebnisse in Afghanistan.

"Mein größter Wunsch ist es, ein neues Leben zu beginnen. Nur möchte ich, dass es dann auch gerecht zugeht. Ich bin sehr arbeitswillig, nur nicht mehr als Soldat."

Der Fall Matthias J. ist für die Vertreter der Selbsthilfeorganisationen "Skarabäus" und "Deutsche Kriegsopferfürsorge" symptomatisch. Er stehe für viele Schicksale von Männern oder Frauen, die als Zeitsoldaten oder Reservisten eine Traumatisierung erleben mussten oder als PTBS-Opfer dienstunfähig aus der Bundeswehr entlassen wurden. Für sie ist nicht mehr das Verteidigungsministerium zuständig, sondern es sind die Kranken- und Rentenkassen sowie die Versorgungsämter der Bundesländer. Diese Behörden entscheiden über Frühverrentungen, über Erwerbsminderungen, über Schwerbehindertengrade. Andreas Timmermann-Levanas schildert die Klagen von Betroffenen, die ihn um Hilfe baten.

"Als ich die Deutsche Kriegsopferfürsorge gegründet hatte, kamen auf einmal ganz viele zu mir und haben gesagt: ich war 2002 in Kabul dabei und bin angesprengt worden und seitdem, das ist jetzt acht Jahre her, mach ich mit dieser Problematik rum. Ich bin nicht versorgt, ich muss klagen oder ich hab einen Arzt gehabt, der hat das in einem Gutachten zwar festgestellt, dann bin ich damit zur Verwaltung gegangen, dann wurde durch ein Gegengutachten widersprochen und ich muss jetzt gegen Deutschland klagen."

Wer an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt ist, steckt nach dem Ende der Dienstzeit in einem Dilemma. Obwohl seine seelische Verletzung amtlich bestätigt wurde, wird den Betroffenen in der Regel nur eine Erwerbsminderung von 30 Prozent zugestanden. Wer allerdings mit diesem Krankheitsstempel versehen ist, hat wenig Aussicht auf einen Arbeitsplatz. Andreas Timmermann-Levanas hat über diese Problematik bereits mehrfach mit Verteidigungspolitikern des Bundestages gesprochen. Er fordert:

"Dass der betroffene Soldat, gerade wenn er auf der Schwelle ist zum Ausscheiden aus der Bundeswehr, eine Art Fallmanager an die Seite gestellt bekommt. Dass wir also durch die Bundeswehr und durch die Politik gefördert den Kameraden, den es betrifft, einen Berater an die Hand geben, der durch alle Instanzen den Jungen auch beraten kann. Und nicht sagen: Du bist nur ein Zivilist, jetzt sieh zu, wie du damit zurecht kommst."

Der Oberstleutnant a.D. bestätigt der Bundeswehr im Übrigen, dass sie dazugelernt hat - was die Betreuung von PTBS-Opfern unter Berufssoldaten betrifft.

"Es wurden auch gute Ideen umgesetzt und man hat auch viel dafür getan, dass der Zustand der Soldaten sich verbessert. Nur, ich bezweifle, ob alles so schön ist, wie die Bundeswehr das darstellt. Ich nenn Ihnen Beispiele: Wir haben momentan einen hauptamtlichen Psychologen für etwa viereinhalbtausend Soldaten in Afghanistan. Natürlich kann man sagen, wir haben auch noch psychologische Helfer, also diese Ersthelfer, die wir Peers nennen. Man kann auch sagen, im Kameradenkreis funktioniert ein psychosoziales Netzwerk, wir haben Ärzte da, wir haben Militärpfarrer da, wir haben fürsorgevolle Vorgesetzte, also Chefs da."

Tatsächlich setzt sich die Bundeswehr seit einigen Jahren intensiv mit der PTBS-Problematik auseinander. Erkrankte Soldaten können sich anonymen Rat über E-Mail und Telefon holen, sie können auch Gesprächsangebote bei Militärseelsorgern und Militärärzten wahrnehmen. Oder sie wenden sich an sogenannte "Peers", das sind Soldaten, die in einer zweiwöchigen Fortbildung zu psychologischen Ersthelfern ausgebildet wurden. Wenn diese ambulante Betreuung durch Gespräche und Medikamente nicht mehr ausreichen sollte, können Erkrankte auch stationär in ein Bundeswehrkrankenhaus eingewiesen werden, wo die Medikamentierung intensiviert werden kann und verschiedenste verhaltens- und gesprächstherapeutische Methoden eingesetzt werden.

Allerdings ist nur die Hälfte der 42 bei der Bundeswehr für Psychologen vorgesehenen Arbeitsplätze besetzt; und nur fünf der Bundeswehrpsychologen beziehungsweise -psychiater sind für die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung ausgebildet. Der ehemalige Bundeswehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, hat deshalb den Inspekteur des Sanitätsdienstes öffentlich heftig kritisiert: der habe, Zitat: "den Sanitätsdienst regelrecht vor die Wand gefahren".

Daran hat auch die Eröffnung eines sogenannten Trauma-Zentrums der Bundeswehr in Berlin nichts geändert. Dahinter versteckt sich nämlich nicht etwa eine gut ausgestattete Einrichtung, in der qualifiziert behandelt oder die Hilfe für aktive und ehemalige Soldaten gebündelt wird, behauptet der einstige Sanitätshauptmann Heinz Sonnenstrahl.

"Hier handelt es sich lediglich um eine ganz kleine Forschungseinrichtung, die sich empirisch mit dem Phänomen PTBS auseinandersetzen soll. Hat also mit einer praktischen Unterstützung für Betroffene nichts zu tun."

Wie prekär es um eine ausreichende fachliche Betreuung steht, zeigt ein Vorgang im Sommer 2009. Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung rief ihre Mitglieder nach einem Gespräch mit dem Verteidigungsministerium dringend dazu auf, Therapieplätze für erkrankte Soldaten zur Verfügung zu stellen. Allerdings, so hieß es im Schreiben des Verbandes, sollten die behandelnden Ärzte "den Auslandseinsätzen der Bundeswehr nicht ablehnend gegenüber stehen". Zahlreiche Psychologen und Psychotherapeuten protestierten gegen diese Auflage. Dazu Oberfeldarzt von Rosenstiel aus dem Bundesverteidigungsministerium:

"Es ist natürlich immer bei uns so, dass wir sagen, möglichst diejenigen zivilen Kollegen in Anspruch zu nehmen, die, sagen wir mal, der Bundeswehr nicht ablehnend gegenüberstehen. Weil natürlich das Verständnis des Psychotherapeuten für einen betroffenen Soldaten besser ist, wenn er der Bundeswehr nicht negativ gegenübersteht."

Auch die These der Bundeswehr, eine optimale Vorbereitung vor dem Auslandseinsatz könne das Risiko einer seelischen Erkrankung mindern, ist umstritten. Während die Weltgesundheitsorganisation davon ausgeht, dass Erlebnisse, die eine posttraumatische Belastungsstörung auslösen, Zitat, "fast bei jedem" die entsprechenden Krankheitssymptome herbeiführen – meint die Bundeswehr.

"Eine gelungene Vorbereitung ist eine sehr gute körperliche Fitness. Eine schlechte körperliche Verfassung bringt Menschen sofort in eine schlechte seelische Verfassung, wenn man mit Ängsten verbunden befürchten muss, dass man nicht gesund aus der Situation herauskommt."

So Oberstarzt Karl-Heinz Biesold in einer Rede vor Offizieren des Sanitätsdienstes. Biesold forderte dort, die Bundeswehr müsse im Einsatz ein "Wohlfühlklima" herstellen. Verwiesen wird von Seiten der Armee auch auf ein sogenanntes "medizinisch-psychologisches Stresskonzept", mit dem man einer PTBS-Erkrankung vorbeugen will. Darin ist zu lesen:

"In Übungen vor dem Einsatz werden immer wieder verschiedene Einsatzszenarien wie Checkpoint, Patrouillenfahrt oder Hinterhaltsituationen trainiert. Diese gehören zur realitätsnahen Ausbildung auf einen bevorstehenden Einsatz. Ergänzt wird die Vorbereitung mit der Einweisung in kulturelle und politische Gegebenheiten im Einsatzland."

Auch Oberfeldarzt Niels von Rosenstiel glaubt, dass eine gute Einsatzvorbereitung das Krankheitsrisiko verringert.

"Die Behandlung ist die eine Sache. Aber besser ist natürlich, die Prävention solcher Störung. Da legen wir sehr großen Wert drauf, indem wir die Ausbildung adäquat durchführen. Aber auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen so weit wie möglich verbessern für jeden einzelnen Soldaten. Da ist nicht nur der Arzt gefordert, sondern auch der Psychologe, der Militärseelsorger, der Soziale Dienst."

Die Bundeswehr hofft also, mit optimaler Vorbereitung das PTBS-Risiko zu minimieren; sie geht davon aus, dass PTBS erfolgreich behandelt werden kann und mehr noch: die Betroffenen könnten nach einer Therapie an die Front zurückkehren. Eine Einschätzung, die auch Oberfeldarzt von Rosenstiel vertritt, die aber von vielen Psychologen angezweifelt wird.

Die Behauptung, PTBS sei heilbar, ist beispielsweise für die Münchener Psychologin Michaela Müller Teil einer Strategie: Man wolle der Bevölkerung so den Krieg ohne "eigene" Opfer einreden. Seit dem Vietnamkrieg sei – so die Psychologin - bekannt, dass retraumatisierte Soldaten eigentlich nur zwei Alternativen hätten: entweder sie verbergen ihre seelischen Verletzungen hinter eskalierender Gewalt und Brutalität oder sie brechen zusammen.

Der Bundeswehrfilm "Wenn die Seele schreit" endet mit einer versöhnlichen Szene: Nach seiner erfolgreichen Behandlung geht ein zufriedener Soldat Arm in Arm mit seiner Frau aus dem Bild.

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