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StartseiteAus Religion und Gesellschaft"Ich trage einen Schmerz in mir, der nicht meiner ist"04.08.2021

Seelische Kriegsfolgen"Ich trage einen Schmerz in mir, der nicht meiner ist"

Was Eltern und Großeltern im Zweiten Weltkrieg erlebt und getan haben, kann noch Kinder und Enkel prägen. Denn die Traumata wurden oft nicht aufgearbeitet, sondern weitervererbt. Für die nachfolgenden Generationen kann das eine große seelische Last sein.

Von Andrea Lieblang

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Flüchtlingstreck 1945 auf dem Weg nach Westen. (picture alliance / akg-images)
1945: Ein Flüchtlingstreck auf dem Weg nach Westen (picture alliance / akg-images)
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Recklinghausen 1973: Der kleine Hans-Peter, der sich später Hape nennt, wächst mit einer kranken Mutter auf. Er ist neun, als seine Mutter ihre Depressionen nicht mehr erträgt und Tabletten nimmt. Hans-Peter, der sie mit immer neuen Späßen versucht hat, aufzuheitern, fühlt sich schuldig an ihrem Tod: weil er einfach nicht lustig genug war.

(Caroline Seidel/dpa )Entertainer Hape Kerkeling (l) und Schauspieler Julius Weckauf (r) zur Premiere des Filmes "Der Junge muss an die frische Luft" (Caroline Seidel/dpa )

Die Hintergründe für Margrets Schwermut bleiben im Dunkeln. Wie so vieles andere auch, über das im Nachkriegsdeutschland und auch in der Bundesrepublik lieber nicht offen gesprochen wurde.

"Hinter jedem Menschen steht eine Geschichte. Wir haben als Individuen eine Geschichte, als Familie, als Generation, als Nation, die unser Denken, unser Fühlen, unser Handeln prägt", so die psychologische Psychotherapeutin Bettina Alberti aus Lübeck:

"Deutschland grüßt Euch" steht auf einem Schild über dem geöffneten Schlagbaum des Entlassungslagers Gronenfelde bei Frankfurt an der Oder. Die aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassenen Heimkehrer treten von hier aus die Reise in ihre Heimatorte an. Aufgenommen am 12. April 1949. (dpa) (dpa)Viele Heimkehrer kamen traumatisiert zurück
Die meisten deutschen Soldaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, kamen im Heimkehrerlager Gronenfelde an. Die Folgen der Kriegsgefangenschaft sind bis heute spürbart.

"Vergangene Erfahrungen, die wir in uns tragen, bilden den psychischen Hintergrund, vor dem wir die Gegenwart dann erleben und auch gestalten. Und das ist wie ein Bühnenbild in einem Theater, das auf das Schauspiel wirkt und auch eine Färbung gibt: Ein Boden für Depressionen, wie wir sie im Nachkriegsdeutschland oft vorgefunden haben, oder auch am anderen Pol: aggressive Aufladungen den Kindern gegenüber."

"Mein Opa war schwer beschädigt vom Krieg"

Die Frau, die gern und viel lacht, möchte Miriam genannt werden. Sie hat kurze, graue Haare, ist Jahrgang 1959 und arbeitet in der Nähe von Hamburg als Erzieherin. Vom Holocaust erfuhr Miriam erst in der Schule. Aber ihr Großvater erzählte ihr oft Geschichten von Kälte und Flucht:

"Also, wenn ich von draußen kam im Winter und gesagt habe: 'Es ist so kalt draußen.' Dann hat er angefangen zu erzählen: 'Ja, das ist überhaupt nichts. Das war früher viel kälter!' Und mein Opa war schwer beschädigt vom Krieg, auf zwei Krücken ist er gelaufen, und dann wurden sie vom Fuhrwerk angehalten, unterwegs ausgeraubt. Auf jeden Fall musste er seine Schuhe hergeben. Und dann sind sie halt wieder zu Fuß, barfuß mein Opa, meine Oma. Und für mich als Kind - ich hab meinen Opa sehr geliebt, ich hab da mitgelitten. Ich fand das ganz schrecklich, was er mir erzählt hat so."

Deutsche Kriegsgefangene im Lager auf dem Chodynskoje Feld bei Moskau. Undatiert. (picture-alliance / dpa | Tass) (picture-alliance / dpa | Tass)Historiker: "Auf die Freude folgte Enttäuschung"
Vor 75 Jahren kehrten die ersten deutschen Kriegsgefangenen aus der ehemaligen Sowjetunion zurück. Obwohl die Familien sich darüber freuten, folgte darauf häufig die Enttäuschung, sagte Historiker Harald Jähner im Dlf. 

Schon als Kind spürte Miriam die Kriegsfolgen in ihrer Familie: Bei ihrer Geburt war die Mutter 35, der Vater 45. Ein Jahr später starb er. Miriam war ein spätes Kind. Ihre Mutter erklärte ihr, dass alle ihre Freunde im Krieg geblieben seien. Sie habe Zeit gebraucht, um sich neu binden zu können. Vom Krieg erzählte die Mutter nur, dass sie im Winter 1945, auf der Flucht von der polnischen Grenze Richtung Westen, von ihren Eltern getrennt wurde. Sie war allein und voller Angst, die Eltern nicht mehr zu finden. Und voller Angst, vergewaltigt zu werden. Ihre Mutter habe ihr früh vermittelt, dass Männer gefährlich sind, erinnert sich Miriam.

"Im Schatten des Kriegstraumas"

"Gewalt, Verlust wichtiger Bindungen, Verlust von Heimat. Das sind Themen, die in der Zeit des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs, vorherrschend waren", so Bettina Alberti, Jahrgang 1960.

Sie beschäftigt sich seit Jahren mit der "transgenerationalen Weitergabe von Traumata". Gemeint ist damit ein unbewusster Vorgang, bei dem verstörende Grenzerfahrungen an die nächsten Generationen weitergegeben werden: Die Seele weiß nicht, ob Bedrohung und Angst vor siebzig Jahren stattfanden oder vor sieben Tagen. Und ob es eigene oder von Eltern, Großeltern erlittene Traumata sind.

Alberti hält Vorträge und schreibt Bücher. 2019 erschien eine Neuauflage ihres Buches "Seelische Trümmer. Geboren in den 50er und 60er Jahren. Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas". Viele ihrer Patientinnen und Patienten gehören zu den sogenannten "geburtenstarken Jahrgängen".

Ältere Frauen räumen 1948 in der Innenstadt von Westberlin den Kriegsschutt beiseite. (picture alliance / dpa / Wolfgang Etzold)Die materiellen Trümmer wurden schnell beseitigt, die "seelischen Trümmer" blieben oft deutlich länger: "Trümmerfrauen" in Berlin 1948 (picture alliance / dpa / Wolfgang Etzold)

Miriam erzählt, dass auch die Nachkriegszeit für ihre Mutter schwierig war: "Da hat sie bis zu ihrem Tod auch noch von gesprochen, dass sie mal zu Beginn, als wir eine Doppelhaushälfte bewohnten, das Fenster war geöffnet, und sie stand und hörte, wie die Nachbarin zu einer Nachbarin sagte: 'Es ist alles Pack aus dem Osten!' Das konnte sie nie vergessen."

"Da ist ein Schmerz in mir"

Miriam wuchs mit Mutter und Großeltern auf. Ihren Großvater liebte sie sehr, aber er war kein Vater-Ersatz. Dafür war er "zu sehr" Opa, sagt Miriam. Auch zwischen der Mutter und ihr gab es eine große Nähe, die aber in der Pubertät abkühlte:

"Sie war nicht egozentrisch oder so. Sie war sehr in sich gekehrt. Sie hat viel mit sich alleine abgemacht. Sie war auch nicht so spontan, also eher zurückhaltend. Und ja, z.B. mein Opa, der war so ganz anders. Er stand dann trotz allem im Leben. Der zeigte Gefühle, war auch mal wütend. Meine Mutter war immer sehr kontrolliert. Ich war sehr, sehr wichtig für sie. Und das war für mich in der Pubertät dann kein gutes Gefühl. Ich wollte eigentlich möglichst schnell weg."

Miriam ist zufrieden mit ihrem Leben - sie ist nicht depressiv. Und dennoch sagt sie: "Da ist ein Schmerz in mir. Also, nicht Traurigkeit, sondern ein Schmerz in mir, der nicht meiner ist, weil ich so deutlich sagen kann: Ich habe Glück gehabt, mir ist nie was Schlimmes passiert! Und ich glaube schon, dass das auch die Erlebnisse sind meiner Mutter, meiner Großeltern, meines Vaters."

"Seelische Trümmer"

Wir kennen nicht nur die Geschichten unserer Eltern, unserer Großeltern - wir fühlen sie auch, erklärt Bettina Alberti: "Es ist die Allegorie der Trümmer. Man kann die Trümmer auf die Häuser beziehen, die real weggeschafft werden mussten. Es gibt den Begriff der Trümmerfrauen, der diese Frauen, ihre spezifische Leistung, ja benennen des Wiederaufbaus. Und es gibt die seelischen Trümmer. Es gab keinen Raum für seelische Unterstützung. Das war in dieser Zeit nicht vorgesehen, war nicht üblich, war im Bewusstsein nicht vorhanden. Alle mussten funktionieren. Und die nächste Generation hat noch zu tun mit diesen seelischen Trümmern."

Eltern sollen ihren Kindern emotionale Sicherheit geben. Doch weitergeben lässt sich nur das, was man auch selbst erfahren hat. So dreht sich das Verhältnis um: Nicht die Eltern schenken ihren Kindern Geborgenheit, sondern die Kinder ihren Eltern.

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Alberti: "Das ist die sogenannte Parentifizierung. Das heißt, es gab für diese 50er, 60er Jahre-Generation gar nicht so selten diesen Auftrag, dann zur Heilung von kriegsbedingten elterlichen seelischen Wunden beizutragen: nämlich emotionale Fürsorge, dem elterlichen Leid zuzuhören. Und eigene Nöte, eigene Sorgen sind ganz oft zurückgestellt worden dann. Die Eltern haben oft das eigene Kriegsleid dann dem kindlichen Leid gegenübergestellt. Das waren vielleicht Sätze wie: 'Erleb´ du erst mal einen Krieg!' Oder: 'Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast!' Oder: 'Du musst aufessen! Wir haben mit Kartoffelschalen gelebt 45, 46'."

Wirtschaftswunder statt Traumabewältigung

Die fehlende Wärme der Eltern war kein Zeichen von Herzlosigkeit. Sie war ein wichtiger Überlebensmechanismus: Schweigen – Distanz – Verdrängen schützen davor, nicht an den eigenen traumatischen Erinnerungen zu zerbrechen. Hinzu kommt: Die Kraft, sich den Nöten der eigenen Kinder zuzuwenden, war schlicht aufgebraucht.

Und die Kinder? Sie wurden schnell, zu schnell erwachsen. Sie kopierten die Welt der Erwachsenen, ohne ihre eigene Welt je richtig gelebt zu haben. Sie waren zur gleichen Zeit Seelentröster und Empfänger von Ohrfeigen.

Das, was die Kriegsgeneration an Kraft noch hatte, wurde in den Wiederaufbau investiert. Gutes Geld verdienen: für den ersten Schwarzweiß-Fernseher, den VW-Käfer, das erste Mal "Bella Italia". Sich endlich wieder etwas gönnen! Ohne Maß zu essen und noch mehr zu trinken. Der Konsumrausch wurde die neue Art, Fürsorge und Liebe zu zeigen.

Am Samstag fährt der ordentliche Mann zur Autowäsche mit seinem Wagen an das nächstgelegene Gewässer, wie hier im Jahr 1960. Nicht jeder Autobesitzer ist gewillt oder in der Lage, Geld für eine Reinigung des "liebsten Kindes" zu bezahlen. Foto: Willi Gutberlet +++(c) dpa - Report+++ (dpa / Willi Gutberlet)Konsum als Fürsorge? Die wöchentliche Käfer-Wäsche im Jahr 1960 (dpa / Willi Gutberlet)

"Mein Vater hat viel getrunken in der Zeit, in der dann so die Konflikte entstanden mit meiner Mutter. Und wenn er dann eben so gelockert war durch den Alkohol, dann kam so dieses: 'Ich liebe dich!' Und: 'Meine Tochter!' Und das war mir total unangenehm. Die liebevollen Gefühle kamen immer in so einem alkoholisierten Zustand. Ich war sehr froh, als er ausgezogen ist", erzählt Carola von Seckendorff, Jahrgang 65, unter ihrem richtigen Namen.

"Ich hatte große Ängste vor ihm"

Sie hat langes, henna-rotes Haar und große, lebendige braune Augen. Ihre Mutter, erzählt sie, stammt aus einem sozialdemokratischen Haushalt, der Vater aus einer äußerst autoritären Familie:

"Seine Emotionalität findet er in der Kunst, und das finde ich toll. Daher habe ich diesen musischen Anteil, den meine Kinder wiederum auch haben, und da fühle ich mich ihm sehr nahe. Ich hatte große Ängste vor ihm, vor Bestrafung, also nicht vor körperlicher Gewalt, nicht vor Schlägen. Das hab ich nicht bekommen. Aber vor den Restriktionen und den Regeln und der Wut meines Vaters. Und bei meiner Mutter ist es eher dieses antiautoritäre Modell: Du darfst alles machen, aber du verletzt mich damit – also so doppelte Botschaften!"

Ihr Vater, 1937 geboren, ist Maler. Und Carola von Seckendorff ist Schauspielerin am Theater Münster. Ihre Oma, die Mutter ihrer Mutter, war Schöffin im Auschwitzprozess. Eine Frau, die ihr politisches Engagement an Tochter und Enkelin weitergegeben hat. Carolas Mutter gab viele Jahre in der Erwachsenenbildung Seminare zum Thema, reiste mit Gruppen regelmäßig nach Auschwitz. Und Carola schreibt und inszeniert unter ihrem Label "FreiFrau" politische Theaterstücke: Oft geht es dabei um die seelischen Folgen des Zweiten Weltkriegs.

Im Stück "Der Ordner" kämpft sich die Enkelin lesend durch die Prozessakte ihres verstorbenen Großvaters, eines Nazis. In einem posthumen Dialog stehen sich die beiden gegenüber:

Enkelin: "Ich traue keinem über den Weg, nicht mal meiner Familie!"
Opa: "Menschen kann man nicht trauen."
Enkelin: "Meine Familie traut sich und allen anderen Menschen auch nicht über den Weg! Wie geht man damit um, wenn man so einen Opa hat? Was hat seine Geschichte mit mir zu tun?"
Opa: "Ich wollte mich doch nicht vor euch zu einem Monster machen! Du kannst doch gar nicht mitreden, weil du damals nicht gelebt hast!"
Enkelin: "Mein Opa ist schuldig! Es ist kein Familiengeheimnis! Wir sprechen nur nie darüber!"
(Aus "Der Ordner")

"Heftigste Panikattacken"

Als junge Frau bekam Carola zum ersten Mal eine Panikattacke. Sie machte Therapien und lernte, dass die Angst, die sie so quält, ein von ihrer Mutter übernommenes Gefühl ist:

"Sie ist geboren 43. Also, dass eben so eine unfassbare Angst im Körper so Platz nimmt und dann aufbricht, so nen grundsätzliches Gefühl von Unsicherheit, von Existenzangst. Und genau das, mit 21 Jahren ging´s bei mir los, mit Herzrasen, Schweißausbrüche und so nem Lebensgefühl: Ich kann jetzt jeden Moment sterben, also heftigste Panikattacken. Bis meine Mutter mir dann sagte: 'Ach, das kenne ich!' Kein Grundvertrauen darin, dass alles schon gut wird und dass ich sicher bin, weder bei meinen Eltern noch überhaupt in der Welt."

So, wie Miriam immer wieder den tiefen Schmerz ihrer Mutter spürt, so hat auch Carola ihre Angst nicht verloren: "Ich muss damit leben, dass ich einfach mehr Angst habe als andere", stellt sie nüchtern fest.

Wie Miriam zog auch Carola früh von zuhause aus. Bei ihr war es ein regelrechtes Ausbrechen aus bürgerlichen Strukturen: "Ich brauch´ keine Moral! In meinen Liebesbeziehungen habe ich immer so in Dreiecken gelebt, also mich nicht auf eine Person eingelassen, sondern bin so in Ehen eingebrochen, wo es Kinder gab. Und ich hab´ mir das zugute gehalten: Ich bin so frei! Und mir ist das scheißegal! Und wenn, dann wird was in der Ehe nicht stimmen. Das war auch ein langer Weg, meine eigenen Werte mir zu schaffen, weil, sonst könnte ich auch nicht so lieben, wie ich jetzt lieben kann, wie ich jetzt seit 18 Jahren in einer wirklichen Beziehung bin und sage: Da fühl ich mich wohl, und ich kann meinen Kindern Werte weitergeben!"

"Ich kann mich schlecht entspannen"

Die Elterngeneration durchlitt zwei Phasen der Gefühlszerrüttung: Die Traumata des Krieges. Und zuvor: den seelenfeindlichen Drill der Nationalsozialisten.

"Immer arbeiten, arbeiten, arbeiten, immer im Dienst sein von der Gemeinschaft. Und so wurde ich erzogen. Ich kann mich schlecht entspannen. Das mache ich dann auf meine Art. Wenn ich koche oder wenn ich Gäste habe, dann kann ich mich entspannen und dann mich fallen lassen in Gesprächen. Oder jetzt haben wir Katzen, die holen mich runter", sagt ein 58-jähriger Therapeut und Musiker aus Hamburg, der "Sebastian" genannt werden möchte.

Ein ernster Mann, der trotz seines verwuschelten grau-schwarzen Haares jünger wirkt. Sebastian überlegt: Neben dem "Bloß nie ausruhen!" gibt es in seiner Familie ein, wie er es nennt, zweites "no go": die Körperfeindlichkeit. Alles Sinnliche kann seine bald neunzigjährige Mutter bis heute nicht ertragen:

"Und da war sie einmal mit in Südfrankreich und sah sich halt diese Körper an und sagte: 'Mein Gott, haben die kein Empfinden für Ästhetik?' Die Menschen also. Ich hab gemerkt, dass es diese natürliche Sexualität und dieses natürliche Nacktsein in der Natur - das war für sie schon sexualisiert. Und es hat mich sehr stark geprägt."

Die Taten des Großvaters

Seine Mutter war dreizehn, als ihr Vater, Sebastians Opa, in die Fänge der Nazis geriet und von dort in ein russisches Lager. Die Familie lebte in ständiger Angst: Der Großvater, in Köln geboren, war Kommunist. 1933 flüchtete er mit der Familie nach Südfrankreich in die Pyrenäen. Die Großeltern waren Lehrer und gründeten dort eine Schule für Kinder von spanischen Bürgerkriegsteilnehmern. 1943 wurde der Großvater von einem katholischen Priester verraten.

Schwarzweißaufnahme in dramatischer Perspektive: Ein britischer Soldat stürmt einen Panzer, auf dem sich ein nur als Silhouette erkennbarer Soldat mit erhobenen Händen ergibt (imago / United Archives)Was der Großvater im Krieg erlebt oder getan hat, kann noch die Enkelgeneration belasten. Hier die Schlacht um Almein im Jahr 1942: Ein deutscher Wehrmachtssoldat ergibt sich dem britischen Militär. (imago / United Archives)

Sein anderer Großvater lebte in Deutschland: "Beide Großväter kannten sich vor dem Krieg. Das ist interessant. Der französische Großvater, ich nenne ihn jetzt mal 'französischer' Großvater, war Patient des deutschen Großvaters, der Arzt in Potsdam war. Den deutschen Großvater habe ich persönlich nie kennengelernt, aber sein Foto mit Nazi-Dekoration war immer am Klavier - ungefragt, unkritisch. Sie lebten in Potsdam und dekorierten auch Haus und Hausboot mit Hakenkreuzen, davon gibt es Bilder!"

Der deutsche Opa, Vater von Sebastians Vater, war ein großer Musikliebhaber: "Sie hatten Kontakt mit führenden Nazi-Größen und vom Regime gefeierten Musikern wie Wilhelm Kempf und Furtwängler. Und mein Vater - das Einzige, was er mir erzählt hatte, dass der deutsche Großvater im Heer die Aufgabe hatte, für das Erschießungskommando zum Tode verurteilten Menschen ein Kreuz auf ihre Kleidung zu zeichnen. Darauf sollte dann gezielt werden."

Hakenkreuze im Keller

Sebastians Vater, Sohn des Potsdamer Arztes, wurde Landarzt im Taunus. Er galt als zuverlässig und hilfsbereit. Die französischen und die deutschen Großeltern pflegten nach dem Krieg ein, wie Sebastian sagt:

"Respektvolles Hin und Her in Form von Briefen und Besuchen. Natürlich war die französische Seite viel besser zu erzählen. Das wurde immer wieder aufgetischt und wieder nacherzählt und nochmal nacherzählt. Und das andere kam gar nicht vor in meiner Jugend. Und auch die Bilder, die ich gefunden habe, die waren von der Rest-Familie gar nicht angenommen worden. Die haben gesagt: 'Das stimmt gar nicht alles.'"

Sebastian besuchte ein Internat in Genf. Manchmal hört man noch seinen leichten französischen Akzent. In seinem Elternhaus gab es viele Bücher. Er lernte Klavier und Viola da Gamba, ein historisches Streichinstrument. Seine klassischen Einspielungen stellt er auf YouTube ein: 

"Als ich so aufwachte mit meinen 30ern und Psychotherapie-Anfängen und Analyse, da hatte ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zu meinem Großvater, dem deutschen Großvater, und hatte diese ganzen Beweise sozusagen, die habe ich heute noch in einer Kiste."

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Im Keller aufbewahrt wurden Bücher über Rassenlehre, Fotos, Hakenkreuzfahnen. Sebastians Geschichte zeigt, wie tief transgenerationale Traumata über mehrere Generationen wirken:

"Ich habe gemerkt, dass ich eine ganz merkwürdige Faszination hatte zur Nazi-Uniform. Das hat mich gar nicht so erschreckt. Andererseits habe ich Bilder und Filme gesehen, die mich total traumatisiert haben, aber diese Insignien und diese Symbolkraft hat mich sehr stark fasziniert, und das wollte ich natürlich bearbeiten. Es war gegen meine Ethik sozusagen, einen Teil meiner Erziehung."

"Ein Bild verbrannt von meinem Großvater"

Sebastian spricht von seinen "überheblichen Gedanken". Er meint damit seinen Hang, sich über andere Meinungen, andere Menschen zu stellen.

"Und dann merke ich sofort: Stopp, stopp, stopp! Da fängst du an, zu spalten. Und das ist nicht meins. Ich will das nicht. Und wenn so eine Arroganz kommt, dann muss ich mich immer wieder daran erinnern, das tue ich auch ziemlich schnell, weil ich merke, mein Herz macht zu, und es kommen so alte Gedanken hoch. Und dann hab ich das so aufarbeiten müssen und hab dann auch ein Ritual gemacht, ein Bild verbrannt von meinem Großvater. Mich bedankt für die Musik und für diese geistige Kultur, die er auch meinem Vater mitgegeben hat und alles andere ihm gelassen. Und seitdem ist es eher integriert. Ich kann darüber sprechen. Es greift mich nicht mehr an."

Es war ein zwanzigjähriger Prozess, in dem Sebastian lernte, mehr Mitgefühl zu entwickeln – für andere und für sich selbst: für die eigenen dunklen Seiten.

Sebastian: "Wo ist die Spaltung in mir zum Beispiel? Wo ist der Hass in mir, wo ist die Liebe in mir? Wo ist der Mitläufer in mir? Wo ist der Rebell in mir? Und das sind alles Dinge, die mir helfen, auch im Außen mitfühlender zu sein. Das ist mir ganz wichtig zu sagen. Weil, ansonsten würde ich nur nach außen gucken: Wo ist die Schuld? Wo bin ich Opfer? Wie leicht es geht, sich zu verstricken. Und klar, das Wissen um die Zeitgeschichte und die Lebensgeschichte auch meiner Eltern und Großeltern, bis hin zu Vergebung."

"Man-made-desaster"

Warum sich die Verbrechen der Kriegsgeneration so tief in die Kinder- und Enkel-Generation einbrennen können, erklärt Bettina Alberti: "Man nennt das Man-made-desaster, also ein von Menschenhand inszeniertes Katastrophenszenario. Erdbeben, Hurrikans, Verkehrsunfälle werden ebenfalls Erschrecken und Bedrohung und Ohnmacht beim Menschen auslösen. Aber es gibt einen großen Unterschied: dass dann die Menschen wie in einer inneren Gemeinschaft zusammenbleiben können, was Trost gibt, was Halt gibt."

Symbolbild für Gehirn und Spiritualität - ein menschlicher Kopf in blauem Nebel, darüber zeichnen sich unter anderem die Symbole des Tierkreises ab (imago stock&people / agsandrew)Die Folge-Generation müsse "die Sprache der eigenen Seele" wiederfinden, sagt die Psychologin Bettina Alberti (imago stock&people / agsandrew)

Ein Man-made-desaster trennt dagegen die Menschen voneinander, so Alberti: "Es gibt dann Angegriffene und Angreifer, es gibt Verfolgte, es gibt Verfolger. Und was vielleicht ein ganz wichtiger Punkt ist, was anders ist als bei Naturkatastrophen: dass das Vertrauen in andere Menschen und das Vertrauen in die Welt und ins Leben dadurch tiefgreifend erschüttert werden durch die Erfahrungen, dass der andere Mensch zum Angreifer wird."

Die Folge-Generation müsse "die Sprache der eigenen Seele" wiederfinden, sagt die Psychologin - indem sie die tiefen Verstrickungen der Eltern und Großeltern biografisch einordnet. Ohne sie heilen zu wollen oder zu können.

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