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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein Zeichen der Hoffnung07.12.2018

Seenotretter kapitulierenKein Zeichen der Hoffnung

"Ärzte ohne Grenzen" und "SOS Méditerranée" stellen die Seenotrettung von Flüchtlingen mit dem Schiff "Aquarius" ein. Dadurch werde sich die Zahl der Toten im Mittelmeer wieder erhöhen, meint Jan-Christoph Kitzler. Vergessen werde: Die "Aquarius" war im Einsatz, weil Europa sich zu wenig kümmert.

Von Jan-Christoph Kitzler

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Flüchtlinge blicken von einem Boot vor Malta aus zum Seenotrettungsschiff Aquarius 2 der Hilfsorganisation SOS Méditerranée. (SOS Mediterranee/Maud Veith)
Kein Zeichen der Hoffnung mehr: Die "Aquarius" läuft nicht mehr zur Seenotrettung aus (SOS Mediterranee/Maud Veith)
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Die "Aquarius" war für die einen ein Zeichen der Hoffnung, der Menschlichkeit, für andere stand das 77 Meter lange Schiff für ein perverses System: Für die große Verzweiflung unzähliger Schutzbedürftiger, dafür, dass Menschen, die vor Krieg, Terror, Folter, auch Armut und dem Klimawandel fliehen, an den Grenzen Europas noch einmal ihr Leben aufs Spiel setzen müssen. Für andere wiederum, auch das soll gesagt sein, war die "Aquarius" ein rotes Tuch: Sie sahen ihre Besatzung als Teil eines Schlepperkartells, das illegale Flucht nach Europa organisiert - und somit erst viele Migranten anlockt.

Sprach man mit den freiwilligen Helfern an Bord, dann sagten viele, sie würden den Einsatz lieber nicht machen. Ihnen wäre es lieber, wenn Migranten nicht ihr Leben aufs Spiel setzen müssten, wenn es nicht die vielen Menschen in Seenot, die vielen Toten gäbe. Aber weil die Wirklichkeit nun mal anders ist, gab es für Sie keine Alternative – als Menschen zu retten.

Europa hat sich nicht um die Menschen gekümmert

Die "Aquarius" war im Einsatz, das wird oft vergessen, weil sich Europa an seinen Grenzen zu wenig um die Rettung von Menschen gekümmert hat. Als das Schiff im Februar 2016 in den Einsatz ging, hatte Italien seine Rettungsmission "Mare Nostrum" längst beendet. Und Europa begann, auf Libyen zu setzen, die Küstenwache dort aufzurüsten, auszubilden. Dabei ist Libyen ein zerfallener Staat. Wie soll eine Regierung, die nicht einmal die Hauptstadt Tripolis dauerhaft kontrolliert, die Seenotrettung an den Küsten organisieren?

Überhaupt die Zustände in den libyschen Lagern: Migranten, die es nach Europa geschafft haben, berichten von Folter, massenhaften Vergewaltigungen, Hinrichtungen und regelrechten Sklavenmärkten. Das Geschäft mit den Migranten machen andere, sicher nicht die Crew der "Aquarius".

Die Zahl der Toten wird weiter steigen

Zuletzt hatte man versucht, den Rettern von "SOS Méditerranée" und "Ärzte ohne Grenzen" so viele Steine wie möglich in den Weg zu legen. Italien blockierte seine Häfen, zweimal wurde die Schiffslizenz entzogen. Nun sehen die Retter keinen Weg mehr, weiterzumachen.

Die "Aquarius" und die vielen Helfer an Bord haben seit Februar 2016 fast 30.000 Menschen aus Seenot gerettet und in sichere Häfen gebracht, oft haben sie auch die Toten geborgen. Auch dieses Jahr sind schon wieder mehr als 2.100 Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer ertrunken. Ohne die "Aquarius" wird sich diese Zahl weiter erhöhen – wenn Europa so weiter macht.

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