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StartseiteEuropa heuteJede Mark zählt04.09.2018

Sehnsucht nach Bosnien (2/5)Jede Mark zählt

Von den Folgen des Krieges hat sich die bosnische Wirtschaft auch mehr als 20 Jahre später noch nicht erholt. Viele Bosnierinnen und Bosnier sind auf die Hilfe ihrer Verwandten aus dem Ausland angewiesen – oder selbst längst auf dem Absprung.

Von Elin Hinrichsen

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Im Revier von Taxifahrer Edin in Tuzla: Für umgerechnet 75 Eurocent fährt Edin die Kundschaft auf den zwei Talstraßen im Zentrum bis zu acht Kilometer weit. (Deutschlandradio/ Elin Hinrichsen)
Im Revier von Taxifahrer Edin in Tuzla: Für umgerechnet 75 Eurocent fährt Edin die Kundschaft auf den zwei Talstraßen im Zentrum bis zu acht Kilometer weit. (Deutschlandradio/ Elin Hinrichsen)
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Edin ist angespannt. Seine Augen sind überall. Nach vorne rausschauen, dann den Rückspiegel überprüfen und wieder zu den Seiten rausblicken. Der Taxifahrer wartet auf Kundschaft. Mit laufendem Motor mitten in Tuzla, der viertgrößten Stadt Bosniens, rund 30 Kilometer von Banovići entfernt. In zweiter Reihe an einer Bushaltestelle. Das ist verboten. Wenn die Polizei ihn erwischt, wird´s teuer. 

Der nächste Bus fährt heran, spuckt Passanten aus und zieht neue an, die über die vielbefahrene Straße hasten. Der perfekte Ort, um Kunden abzugreifen. Edin buhlt jeden Tag um jeden Fahrgast. Er ist 34 und sieht erschöpft aus. Er hat Ränder unter den Augen, eine fahle Gesichtsfarbe und einen Drei-Tage Bart. Eine beleibte, ältere Frau steigt ein, gut gekleidet, mit vielen Tüten beladen. Der rote Seat neigt sich zur Seite.

Dieser Beitrag gehört zu der fünfteiligen Reportagereihe "Sehnsucht nach Banovići - Ein Leben zwischen Deutschland und Bosnien" in der Sendung "Gesichter Europas".

Dank an Deutschland

Ins Krankenhaus möchte die Frau, erklärt Edin. Tuzla hat viele Kliniken über die ganze Stadt verteilt. Einige privat geführte, andere, die zum Unibetrieb gehören. Die Dame gerät ins Plaudern, ihr Sohn arbeite in Stuttgart, verdiene dort richtig gutes Geld, übersetzt Edin; 5.000 Euro im Monat, Elektrotechnik. Dank an Deutschland, Dank an Angela Merkel. Die Frau sammelt ihre Tüten und Taschen auf dem Rücksitz zusammen und steigt aus. Ihr Sohn schicke regelmäßig Geld nach Hause. Ihr geht es gut in Bosnien.

Zwei konvertible Mark hat sie bezahlt, umgerechnet einen Euro. Das ist etwas mehr als der Normalpreis und das nur, weil sie den Berg hoch wollte. Für umgerechnet 75 Eurocent fährt Edin die Kundschaft auf den zwei Talstraßen im Zentrum bis zu acht Kilometer weit. 110.000 Einwohner leben in Tuzla. Die Stadt liegt eingebettet zwischen Hügeln, unten riesige Plattenbauten, oben Ein- und Mehrfamilienhäuser, kleine Hütten und immer wieder auch Gärten. 

Die Innenstadt von Tuzla im Nordosten von Bosnien (AFP/ Elvis Barukcic)Die Innenstadt von Tuzla im Nordosten von Bosnien liegt eingebettet zwischen Hügeln, unten riesige Plattenbauten, oben Ein- und Mehrfamilienhäuser (AFP/ Elvis Barukcic)

Erst drei Fahrgäste gleichzeitig lohnen sich

Als Taxifahrer kommt Edin nur über die Runden, wenn er zwei oder drei Fahrgäste gleichzeitig befördert. So wie jetzt: drei neue Gäste auf einen Rutsch, es wird eng auf dem Rücksitz. Die Frau mit der Brille ganz außen lernt gerade Deutsch. Wegen "der Situation", erklärt sie auf Englisch.

Die Situation, das heißt: die Arbeitslosenquote von 25 Prozent, die unter jungen Leuten sogar mehr als doppelt so hoch ist. Dazu ein Durchschnittslohn von 430 Euro im Monat und die ständige Angst, die Arbeit gleich wieder zu verlieren. Hat Edin alles selbst erlebt. Klar, auch in Bosnien gebe es so etwas wie Arbeitnehmerrechte, aber wer kümmert sich schon drum, bei der Lage? Junge Frauen, erzählt er, trauten sich nicht, schwanger zu werden, aus Angst, ihre Arbeit zu verlieren. 

Seine Frau ist Lehrerin. Ob sie ihre Stelle behalten wird, weiß er nicht. In Bosnien werden die Lehrerstellen im September neu vergeben. Ein Konkurrenzverfahren. Man muss die anderen irgendwie übertrumpfen. Edin und seine Frau brauchen das zweite Gehalt. Dringend. Zwei Gehälter reichen gerade mal für die Steuern und einfaches, sehr einfaches Essen, erzählt er. Und den Kindergarten. Sein Sohn ist dreieinhalb, seine Tochter anderthalb und weil auch seine Frau arbeiten geht, sind sie auf den Kindergarten angewiesen. Es sei wie im Dschungel, erzählt er, sie hangelten sich vom ersten bis zum letzten Tag des Monats weiter voran. Könne man jeden hier fragen, sagt er, bei allen das Gleiche. 

Pro Amt ein Serbe, ein Kroate, ein Bosniake

Eine Frau steigt aus, eine neue ein. Und wie auf sein Kommando plaudert sie los: 30 Jahre habe sie für ihre Firma gearbeitet und was habe sie davon: nichts. Alle nicken. Bosnien kommt in vielen Bereichen nicht voran. Das Land hat einen riesigen Verwaltungsapparat, denn alle wichtigen politischen Ämter sind – vom Staatsoberhaupt bis in die 13 Kantone hinein - dreifach besetzt; paritätisch, nach Ethnien, also je von einem Serben, einem Kroaten und einem Bosniaken. Das ist seit dem Friedensvertrag von Dayton so, seit 23 Jahren. Und es regieren seit damals die gleichen Leute. Korruption und Vetternwirtschaft kommen hinzu.

Edin wirbelt. Schulterblick und Blinker setzen, Geld wechseln und die Gangschaltung bedienen, alles gleichzeitig. Er war noch klein, als der Krieg ausbrach und damit das wirtschaftliche Elend in Bosnien begann. Mit 20 ging er nach Frankreich, zum Arbeiten, dann einige Jahre nach Afghanistan, Militärbasis. Nach einem überlebten Anschlag kehrte er lieber zurück nach Europa. In Polen ist er LKW gefahren: Flugzeugteile von Kattowitz über Bulgarien nach Ungarn. 37.000 Kilometer in 90 Tagen. Für 1.000 Euro im Monat. Also doch wieder zurück nach Bosnien, zurück zu Frau und Kindern immerhin. Als selbstständiger Taxifahrer arbeitet er jetzt sieben Tage die Woche. Ohne Urlaub, ohne Hoffnung, dass sich hier viel ändert. Im Winter, in der ruhigen Zeit, will er wieder einen Deutschkurs machen. 

Der letzte Fahrgast steigt aus. Und auch Edin will weg, mit seiner Familie. Nach Deutschland oder woandershin. Egal. Am Himmel über Tuzla türmen sich die Wolken. Es donnert. Edin gibt Gas. Dahinten winkt ihm jemand zu. Jede Mark zählt.
 

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