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StartseiteEuropa heute"Mit einem Händeklatschen kam der Krieg"05.09.2018

Sehnsucht nach Bosnien (3/5)"Mit einem Händeklatschen kam der Krieg"

Ohne den Krieg hätte sie heute weniger Sorgen, glaubt Senija Lübke. Dann wäre sie nicht nach Deutschland gegangen und könnte ganz für ihre Mutter und den kranken Bruder in Bosnien da sein, nicht nur im Sommer. Bis heute versteht sie den Krieg nicht. Doch der Nationalismus in ihrer Heimat wächst wieder.

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Bosnische Kämpfer in Sarajevo zu Beginn des Bosnienkrieges 1992 (AFP/ Christophe Simon)
Bosnische Kämpfer in Sarajevo zu Beginn des Bosnienkrieges 1992 (AFP/ Christophe Simon)
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Es ist heiß und staubig im Zentrum, die vielen Autos machen es nicht besser. Senija Lübke hat ihrs gerade geparkt. Sie kneift die Augen zusammen, auf der Stirn eine Sorgenfalte. Ja nicht zu lange wegbleiben, schnell alles erledigen und wieder zurück zur alten Mutter. 

Sie hastet die Straße entlang, an den Plattenbauten vorbei, an den frisch gestrichenen, rosafarbenen und an den renovierungsbedürftigen. Die Einschusslöcher aus dem Krieg sieht sie gar nicht mehr. Trostlos alles, aber Heimat für sie. Sie kennt fast jeden hier, ihre Schwester arbeitet in dem winzigen Supermarkt am Ende der Straße und hier, in dem Kiosk, eine Cousine. Für einen Augenblick entspannt sich ihre Stirn. Dann geht sie weiter, entschlossen, ernst. Dieser Sommer lässt wenig Raum für Freude. Ohne den Krieg damals, sagt sie, hätte sie jetzt weniger Sorgen. Dann hätte sie ihre Familie nie verlassen, dann wäre sie jetzt ganz für ihre Mutter, ihren kranken Bruder da. 

Dieser Beitrag gehört zu der fünfteiligen Reportagereihe "Sehnsucht nach Banovići - Ein Leben zwischen Deutschland und Bosnien" in der Sendung "Gesichter Europas".

"Keiner versteht, welchen Grund der Krieg hatte"

An einer langgestreckten, hellen Granitplatte bleibt sie stehen. "Für die Gefallenen der Brigade 119 aus Banovići" steht dort, lange Reihen von Namen darunter, alphabetisch geordnet, in Goldlettern. Ohne den Krieg gäbe es diese Menschen vielleicht noch.

"Diesen Krieg versteht keiner, glaub’ mir, keiner, nach so vielen Jahren. Es hat auf einmal angefangen, überall. Und es versteht immer noch keiner, nach 20 Jahren, welchen Grund dieser Krieg hatte. Das ist wie im Traum passiert."

Sie schüttelt den Kopf. Es sind auch aus ihrer Familie viele gefallen. Dabei leben hier doch alle zusammen: In ihrer Nachbarschaft leben Serben, Kroaten und Bosniaken wie sie. Und auch in ihrer Familie sind alle drei vertreten.

"Ich bin Muslimin, meine Kinder sind halb muslimisch, halb katholisch. 80 Prozent schauen wir nicht auf diese Religion. Alle lebten zusammen, heiraten, kriegen Kinder und dann kam auf einmal wie mit einem Händeklatschen Krieg, und mit dem nächsten Händeklatschen war alles vorbei." 

Wachsende Trennlinien zwischen den Ethnien

Sie eilt weiter, am zentralen Platz mit den vielen Bars und Cafés vorbei, schnurstracks in die Apotheke. Medikamente kaufen, für ihren Bruder und die Mutter. Senija ist 49. Sie erinnert sich noch gut an den einstigen Vielvölkerstaat Jugoslawien, an das multi-ethnische Zusammenleben. 

In Sarajevo, in Mostar, in Banja Luka und vor allem in den vielen kleinen Dörfern rundum aber gibt es jetzt wieder wachsende Trennlinien zwischen den Ethnien. Von Versöhnung keine Rede. Die Politiker vergrößern diese Gräben noch. Gerade jetzt: Denn in wenigen Wochen wird gewählt. Auch in Tuzla, rund 30 Kilometer von Banovići entfernt. 

Das Gewitter kann sich nicht recht entscheiden. Es ist immer noch trocken in der Innenstadt. Die Cafés sind gut besucht, reger Verkehr in der Fußgängerzone. Ein hoffnungsfroher Tag für die Bettler. Zwei von ihnen haben ihren Stammplatz in der Kapija, der Altstadt: ein ergrauter Mann dort, leicht untersetzt, Ende 50. Sein linkes Bein endet am Knie. Weiter rechts ein schmaler, in sich zusammengesunkener in einem uralten Holzrollstuhl. Der Krieg hat nicht nur viele getötet, er hat auch viele versehrt. 

Die Krankenversicherung ist rudimentär

Ein Pappschild hält der Mann im Rollstuhl in die Luft, darauf zwei Sätze auf Bosnisch, handgekritzelt. Geld für eine Operation sammelt er; eine Passantin in elegantem Hosenanzug hilft beim Übersetzen. Eine Operation an der Wirbelsäule. 60.000 Bosnische Mark, also 30.000 Euro braucht er. In Sarajevo muss er operiert werden, in einer Spezialklinik. Die Krankenversicherung in Bosnien ist rudimentär und deckt gerade mal Arztbesuche für kleinere Dinge ab. Alle Medikamente und alle großen Operationen aber müssen die Bürger selbst bezahlen. 

Die Frau macht eine ausladende Handbewegung zur Erklärung: Von diesen Menschen hier bekomme er Hilfe. Sie legt fünf Mark in seinen Sammeltopf, er bedankt sich und sackt wieder in sich zusammen. Das Gespräch hat ihn sichtlich angestrengt. 

Dass ein Land sein eigenes Versicherungssystem hat, ist das eine. Aber dass die wenigen Menschen, die hier Arbeit haben, so wenig verdienen, dass sie kaum etwas zur Vorsorge zurücklegen können, etwas anderes. Die Politik aber unternimmt nichts, klagen viele hier vor der anstehenden Wahl. Stattdessen regierten stets die Gleichen, es herrschten Vetternwirtschaft und Korruption, noch immer. Der Mann im Rollstuhl umklammert sein Pappschild. Er hofft, in einem halben Jahr das Geld zusammen zu haben. 
 

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