Freitag, 21.09.2018
 
Seit 15:35 Uhr @mediasres
StartseiteEuropa heuteMit Gastfreundschaft der Krise trotzen06.09.2018

Sehnsucht nach Bosnien (4/5)Mit Gastfreundschaft der Krise trotzen

Mehr als 320.000 Menschen sind während des Bosnienkrieges nach Deutschland geflüchtet. Ein Großteil von ihnen ist schon bald wieder zurückgekehrt. In ein zerstörtes Land, das noch heute wenig Perspektiven bietet. Kein Grund aufzugeben, findet Rentnerin Deniza und trotzt der Krisenstimmung mit Tatkraft.

Von Elin Hinrichsen

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die pannonischen Seen in Tuzla locken Touristen aus dem Ausland nach Bosnien (Deutschlandradio/ Elin Hinrichsen)
Die pannonischen Seen in Tuzla locken Touristen aus dem Ausland nach Bosnien (Deutschlandradio/ Elin Hinrichsen)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Zuwanderung aus Südosteuropa "Die berühmte soziale Hängematte ist nicht nachweisbar"

Naturschutz auf dem Balkan Wasserkraftausbau bedroht Europas letzte Wildflüsse

Kurze Pause unter der Pergola im Garten. Dabei hatte Deniza Tućić gerade anfangen wollen zu putzen. Sie vermietet seit Kurzem Ferienwohnungen. Aber jetzt gibt es erstmal Kaffee. Emma ist vorbeigekommen, die Enkelin:

"Ich habe die achte Klasse fertig. Ein Jahr hab ich noch und dann vier Jahre Medizinschule."

Emma ist ein wenig schüchtern, obwohl ihr Schuldeutsch eigentlich ganz gut ist. Sie wohnt in Tuzla, nicht weit von ihren Großeltern entfernt. Gerade noch genießt sie ihre Sommerferien.

"Wenn sie mit der Schule fertig ist, will sie nach Österreich."

Vermieterin Deniza und ihr Mann unter der Pergola ihres Hauses in Tuzla (Deutschlandradio/ Elin Hinrichsen)Vermieterin Deniza und ihr Mann unter der Pergola ihres Hauses in Tuzla (Deutschlandradio/ Elin Hinrichsen)

Ganz Bosnien scheint auf dem Absprung zu sein

Die Zukunft ist allgegenwärtig, auch in Momenten wie diesen. 

"Ihre Mutti ist auch Arzt, sie arbeitet in der blauen Klinik, aber viele bosnische Ärzte sind auch weggegangen. Das ist bei uns das Problem: Wer Hilfe braucht, findet keinen Arzt."

Keine Ärzte, keine Krankenschwestern, keine Therapeuten. Keine Fliesenleger, keine Elektriker. Ganz Bosnien, so scheint es, ist ausgewandert oder auf dem Absprung. Auch Denizas Kinder sind weg, der Sohn in Afghanistan, die Tochter in Kroatien. Sie selbst hat sich für den umgekehrten Weg entschieden. Sie versucht, mit der Vermietung der Ferienwohnungen über die Runden zu kommen. Deshalb ist jetzt auch Schluss mit Pause.

Deniza kämpft mit einem Kissen. Es will nicht recht in den Bezug passen. Die 65-Jährige nutzt die Gelegenheit und guckt noch einmal genau hin. Dass ja keine Flecken darauf sind.

"Ich kontrolliere immer. Wenn ich im Hotel bin, kontrolliere ich immer die Kissen."

Dieser Beitrag gehört zu der fünfteiligen Reportagereihe "Sehnsucht nach Banovići - Ein Leben zwischen Deutschland und Bosnien" in der Sendung "Gesichter Europas".

Flucht nach Deutschland, Arbeit war da

Jung geblieben ist sie, trotz der grauen Strähnen im blonden Haar und der Lachfalten um die Augen. Es ist alles in Ordnung mit diesem Kopfkissen. Bis heute Morgen ruhte noch ein Gast in diesem Bett in der Erdgeschosswohnung ihres Hauses. Sei selbst war schon lange nicht mehr im Hotel, nicht mehr seit April 1992, als der Bosnienkrieg ausbrach. Ihr Haus mit den drei Wohnungen war schon vor dem Krieg fertig, selbst gebaut und rot gestrichen, drei Stockwerke für die ganze Familie, mit Gewächshaus, Garten und der schönen, weinberankten Pergola.

Sie streicht die Laken glatt, fein säuberlich. Als der Krieg ausbricht, erzählt sie weiter, und jeden Tag die Bomben und Granaten auf Tuzla fallen, nimmt sie die Kinder und bringt sie in Sicherheit, wie 700.000 andere Landsleute auch. Ihr Mann bleibt in Bosnien.

"Ich hatte eine Duldung, vier Jahre. Ich habe in Deutschland gearbeitet, ohne Sozialhilfe. Arbeit war da, ja."

Sie nickt resolut und geht ins Bad, klettert in Badelatschen und Sommerkleid in die Duschkabine und greift sich ein Reinigungsmittel. Sie ist stolz, dass sie ihr Leben in Deutschland damals selbst meistern kann. Sie arbeitet unter der Woche in einem Reinigungsservice und samstags und sonntags in einem Restaurant.

Rente mit 56, aber wenig

"Ich habe jeden Tag gearbeitet, dann ein bisschen gespart, und bin dann zurück nach Bosnien. Ich wollte hier arbeiten, aber das ging nicht."

Die Fabriken geschlossen, vieles in Schutt und Asche. Deniza ist über 50, als sie mit den Kindern zurückkommt.

Jetzt die Toilette. Sie hat sich Handschuhe übergezogen. Rente bekommt man in Bosnien zwar schon mit 56, aber wenig. Ihr Mann beziehe 200 Euro im Monat, erzählt Deniza, für 40 Jahre Arbeit als Elektriker, in einer Firma. 

"Egal wie alt man ist, man muss arbeiten. Viele Leute in Bosnien sitzen den ganzen Tag rum, sagen: Ich hab kein Geld, brauche Hilfe. Aber ich arbeite, mein Mann arbeitet, dann brauchst Du keine Hilfe. Geht, geht schon."

Künstliche Seen locken Touristen an

Einmal hat sie noch versucht, in Deutschland zu arbeiten. Sie hat auf eine alte Dame aufgepasst, erzählt sie. Die Dame wollte sie gar nicht wieder weglassen. Aber nach drei Monaten kam Deniza zurück: Die Sehnsucht war zu groß. In Deutschland zu leben, wie Senija es tut - für sie ist das keine Alternative. Auch nicht für ihren Mann. 

Der sitzt noch oben unter der Pergola. Ihr Mann kennt Deutschland nur als Tourist, erzählt er mit Händen und Füßen. Er zieht Tomaten, Gurken und Paprika im Gewächshaus und hilft seiner Frau bei der Vermietung. Vor ihm liegt das dunkelblaue Buchungsbuch mit einigen Geldscheinen dazwischen. Euros. Viele der Gäste sind Deutsche und manche kommen wegen der Seen, circa drei Kilometer vom Haus entfernt. 

Eine künstliche Seenlandschaft mitten in Tuzla. Mit einem Strand aus Kieselsteinen, mit hunderten Sonnenschirmen und Liegestühlen, mit Musikbeschallung und vor allem mit glasklarem, reinem Wasser. Versetzt mit dem Salz aus der örtlichen Raffinerie.

Stadtvertreter haben die drei Seen vor ein paar Jahren anlegen lassen. Und jetzt nutzen Einheimische und zunehmend auch Touristen die Heilkraft des Wassers. Deniza kommt oft hierher und profitiert von diesem kleinen Boom. Denn wer im Internet einen Flug nach Tuzla bucht, der wird unweigerlich auf Übernachtungsangebote hingewiesen. Rund 200 Privatleute bieten ihre Häuser an, so wie Deniza.

Hoffnung auf Veränderung

"Hotel Irac, Zimmer mit Kochgelegenheit für 19 Euro". Im Flur hängt ein Lobschreiben ihres Buchungspartners. Mit fünf goldgelben Sternen.

"Alle Leute, meine Gäste sind zufrieden. 9,6 Punkte, ja. Vielleicht ist es dieses Jahr noch besser."

Deniza lacht. Es ist ihre zweite Saison mit diesem Anbieter und vor allem sie wird von den Gästen gelobt: für ihre Gastfreundschaft und herzliche Art. Oben im mittleren Geschoss liegt ihre eigene Wohnung mit Balkon, noch ein bisschen schöner eingerichtet als unten. Auch die vermietet sie über den Sommer, solange Gäste kommen. 

"Ich will in Bosnien leben. Es ist ein schönes Land, um hier zu leben. Aber vielleicht geht es uns nachher besser."

Im Oktober sind Wahlen. Vielleicht kommen jetzt mal junge, frische Politiker ans Ruder, andere, die mehr tun für die Bevölkerung. Deniza hofft es und geht in den Keller. Wäsche waschen.
 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk