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StartseiteKultur heuteSehnsucht nach Religion21.09.2012

Sehnsucht nach Religion

Re-Islamisierung und Scharia nach der "Arabellion"

Vor allem in Ägypten, Tunesien und Marokko gewinnen Scharia und Islamisten nach der "Arabellion" immer mehr Macht. Auf einem Kolloquium in Bonn debattierten Wissenschaftler und Schriftsteller aus Syrien, Tunesien und Deutschland über die Folgen, dieser Entwicklung.

Von Kersten Knipp

Auf die Revolution folgt die Sehnsucht nach Religion. (picture alliance / dpa / Mohamed Omar)
Auf die Revolution folgt die Sehnsucht nach Religion. (picture alliance / dpa / Mohamed Omar)

Die Scharia ist unter Druck geraten. Nicht erst seit gestern muss sie ihr Rechtsmonopol verteidigen, oder besser, das, was von diesem Monopol übriggeblieben ist. Denn außer im Iran und in Saudi Arabien ist sie überwiegend Zierde, ein Zitat, um die Eiferer zu beruhigen. Denn geurteilt wird in den meisten Staaten der arabischen Welt längst nach in Gesetzbüchern formulierten weltlichen Prinzipien. Doch die Wahlergebnisse in Ägypten, Tunesien und Marokko haben gezeigt: Viele Wähler verspüren eine Sehnsucht nach religiösen Weltbildern. Doch ist Sehsucht ein Grund, Religion als Grundlage des Rechts zu nehmen? Der Soziologe und Jurist Werner Gephart, Veranstalter des Kolloquiums, verweist auf die Schwierigkeiten, die sich aus der Verknüpfung der Sphären Religion und Recht ergeben. Das führe dazu, …

"... dass wir es mit einem komplexen normativen System zu tun haben, dessen Begründungsstrukturen aber immer wieder auf etwas Transzendentes verweisen. Und das ist auf den tatsächlichen Willen Allahs oder so, wie er vom Propheten geäußert wurde ... . Das heißt, es gibt immer wieder auch einen spirituellen Bezug. So würde man es formulieren, wenn man diese spezifische, den Alltag überschreitende Dimension benennen will. Wenn man es juristisch lesen will, ist es ein unterstellter Wille einfach, nach dem sich eine gesamte Gesellschaftsordnung totalitär sozusagen zu richten hätte. "

Was es heißt, unter einem solchengleich zweifach begründeten Rechtssystem zu leben, erklärte der syrische Philosoph Sadik al Azm, seit Jahrzehnten einer der bekanntesten Kritiker nicht nur des islamischen, sondern auch des arabischen Denkens. Er habe mit der Scharia vor allem ein Problem.

"Ich bezeichne die Scharia als Marschallgesetz der Islamisten. Und manchmal muss man im Nahen Osten wählen, ob man unter dem Gesetz der Militärs oder dem Gesetz der Islamisten leben will. Für mich ist die Sache klar: Ich will unter dem Gesetz der Militärs leben. Dort kann ich wenigstens Petitionen unterzeichnen, dass dieses Gesetz aufgehoben wird. Aber wer würde es unter den Islamisten wagen, eine Petition zu unterzeichnen, die die Aufhebung des göttlichen Gesetzes fordern würde? "

Längst gibt es Versuche, den göttlichen Geltungsanspruch wieder auszubauen. In Tunesien etwa. Dort, berichtet die Juristin Raja Sakrani, würde dem religiösen Denken systematisch der Boden bereitet.

"Im Mai dieses Jahres traf sich der Imam der Zeituna-Universität mit Rashid Ranushi, dem Führer der islamistischen Nahda-Bewegung. Sie haben sich auf neue Grundzüge des Religionsunterrichts verständigt. Dieser wird jeder Kontrolle enthoben sein. Die Frage ist also: Welche Art der Scharia werden sie unterrichten? Sie versuchen, diesen Unterricht auf die Schulen auszudehnen. Ein Dialog darüber mit den laizistischen, progressiven Teilen der Gesellschaft findet nicht statt. Das ist nicht sonderlich beruhigend."

Das Problem der Scharia ist im Kern dieses: Sie ist latent totalitär. Sie verbindet das Transzendente mit dem Irdischen und kann darüber hinaus auch beanspruchen, nicht nur das Rechtssystem zu regulieren. Werner Gephart.

"In den Rechtsschulen gibt es immer wieder eine Verknüpfung von religiösen und juristischen Experten. Das wirft eigene Probleme auf. Das führt das, was für das okzidentale Recht eigentlich typisch ist, die Differenzierung von Recht und Religion, findet sich nun in der islamischen Tradition insofern amalgamiert, als in dem, was man ganz vage unter "Scharia" versteht, nicht nur religiöse Normen, nicht nur rechtliche Normen, sondern auch solche des Alltagslebens ... findet. "

Im Käte Hamburger Kolleg "Recht als Kultur" wurde ebenso klug wie einfühlsam debattiert. Manch bewegende emotionale Szene zeigte, wie stark die Sorge der Säkularen um den Rechtsstaat ist. Für die deutsche Diskussion kann man die Einsicht mitnehmen, dass man religiösen Hardlinern nicht allzu viel mit Verweisen auf deren Herkunft und Kultur begründetes Verständnis entgegenzubringen. In der arabischen Welt ebenso wie, Stichwort Koranverteilungen, gibt es einen Kulturkampf. Zwei Prinzipien stehen sich gegenüber: Toleranz gegen Intoleranz. Man hat die Wahl.

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