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StartseiteTag für TagDie Bändigung der Angst24.08.2020

Selbstbestimmt bis zum Lebensende: BuddhismusDie Bändigung der Angst

Im Buddhismus ist Selbsttötung sowie die Beihilfe zum Suizid ein schweres Vergehen. Der Mensch soll sich dem Leiden hingeben. Aber ist diese Regel im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß? Die Debatte darüber hat unter deutschen Buddhistinnen und Buddhisten gerade erst begonnen.

Von Mechthild Klein

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Buddhafigur ( Unsplash / Igor Ovsyannykov )
Das gute Sterben war schon zu Buddhas Zeiten ein Thema ( Unsplash / Igor Ovsyannykov )
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Wie man stirbt – das war schon zu Zeiten des Buddha ein Streitthema für Asketen und Wahrheitssucher im alten Indien, fünf Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung. In der buddhistischen Tradition ist überliefert, dass der sterbende Buddha sich noch einmal in die Meditation versenkte, um dann ins endgültige Nirwana einzugehen. Im Jainismus, einer konkurrierenden asketischen Religion, gab es das Ideal des Fastens bis zum Tod. Dagegen hatte sich der Buddha schon zu Lebzeiten versucht abzugrenzen.

"Im frühen Buddhismus gibt es eine Vinaya-Regel, eine Ordensregel zur Selbsttötung, die unter die ganz schweren Vergehen fällt. Das ist die Regel Nummer drei, in der es heißt, dass ein Mönch oder eine Nonne, die einem anderen eine Waffe verschafft oder eben den Vorteil des Todes preist, dass das untersagt ist, strikt untersagt ist. Man darf niemanden zum Tod anstacheln und niemandem dazu verhelfen, sich selbst zu töten."

Der Schweizer Religionswissenschaftler Jens Schlieter ist sich sicher: Suizid oder Suizidbeihilfe wurden verurteilt. Denn der Erwachte, der Buddha, predigte eine Ethik und einen Übungsweg, in dem das Prinzip des Nicht-Verletzens einen hohen Stellenwert einnimmt. Die Anhänger sollten möglichst gewaltfrei leben, kein empfindendes Wesen töten oder absichtlich verletzten. Suizid oder Suizidbeihilfe waren keine akzeptierten Wege. Die Begründung: Man würde als Folge schlechtes Karma anhäufen, das sich im nächsten Leben auswirke, sagt der Religionswissenschaftler.

"Im Buddhismus wird sehr großer Wert darauf gelegt, dass die Intention, die Tötungsabsicht durch den Handelnden selbst evaluiert wird. Also in der Hinsicht: Warum ist in mir der Wunsch, mich zu töten? Und eben buddhistische Philosophen haben immer behauptet, dass sich zu töten darauf beruht, dass jemand eben den Wunsch aus Gier oder aus Hass - eher noch den Hass auf sich selbst - pflegt. Das heißt also, eigentlich müsste sich der Handelnde selbst fragen: Warum will ich mich eigentlich töten? Ist das nicht eigentlich etwas, was nur einen Moment lang eine Lösung zu sein scheint - eigentlich keine ist?"

Unnötiges Leid darf vermieden werden

So gibt es zwar eigentlich kein Recht auf Selbsttötung, aber es gibt Abstufungen in der Beurteilung. Und zwar in der Kommentar-Literatur zu den Ordensregeln. Da heißt es:

"Inwiefern müssen denn Nonnen und Mönche, wenn einer unter ihnen schwer erkrankt ist, alles tun, dass er am Leben bleibt? Und in diesen Passagen heißt es dann, wenn man sieht, dass ein anderer so erkrankt ist, dass er bald sterben wird, dass er sich unendlich quält und Schmerzen hat, dann wird also eingeräumt, dass man in diesen Fällen nicht mehr helfen braucht, keine Medizin und keine Nahrung mehr bereitstellt. Aber im Grunde genommen ist das ja noch etwas ganz anderes, als jemandem einen Becher mit Gift hinzuschieben."

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In der buddhistischen Praxis geht es darum, eigenes Verhalten zu durchschauen und eine Haltung des Mitgefühls einzuüben. Wer lebensmüde ist und sich selbst töten will, muss sich fragen, ob er sich aus einer Situation entfernt, die eigentlich ausgehalten werden kann.

"Ich meine, die Buddhisten bieten ja eben in ihrer Übungspraxis beispielsweise Meditationspraktiken, in denen man lernt, mit unangenehmen negativen Gefühlen, auch mit Schmerzen sogar umzugehen. Wenn sie also zugestehen würden, dass jemand quasi das Recht hat, sich selbst zu töten, würden sie gleichzeitig damit behaupten, dass diese Übungspraktiken nicht erfolgversprechend sind."

"Ich habe Angst vor Schmerzen"

Es gibt unterschiedliche Auffassungen unter buddhistischen Gelehrten, inwiefern ein Buddhist Suizidbeihilfe leisten darf. In den letzten Jahrzehnten hat die moderne Medizin viele Möglichkeiten geschaffen, die letzte Lebensphase zu verlängern. Auch Buddhisten wollen selbstbestimmt sterben. Viele bereiten sich auch hierzulande in Meditationen darauf vor. Klares Bewusstsein bis zuletzt – das erhoffen sich viele, um den Übergang bewältigen zu können.

"Ich kann nur meine Erfahrungen schildern, denn es gibt unendlich viele buddhistische Gruppen. Es wird darüber gesprochen, unter einzelnen und zwar immer entlang dem Thema Angst: 'Ich habe Angst, dass Übergriffe passieren, bevor ich sterbe. Ich habe Angst vor Schmerzen, vor einer nicht vorhandenen Symptom-Kontrolle oder vor dem Ausgeliefertsein an die moderne Medizin oder an irgendwelche Behandlungen.'"

Sagt die buddhistische Sterbebegleiterin Lisa Freund, die seit 30 Jahren in der Hospizbewegung aktiv ist. Viele machen Patientenverfügungen und hoffen auf eine gute Symptombekämpfung der Schmerzen durch die Palliativmedizin. Die gelernten buddhistischen Übungen verblassen jedoch im Angesicht des Todes häufig. In den Mittelpunkt rückt für den Sterbenden dann etwas anderes:

"Wie bewältige ich den heutigen Tag, die jetzige Stunde, die nächsten Minuten mit dieser Krankheit, die mich psychisch, physisch und auch mental vollkommen erfasst hat?"

"Der Kontrollverlust gehört zum Sterben dazu"

In der letzten Lebensphase, beziehungsweise im Sterbeprozess, tritt hervor, was im Leben für diesen Mensch prägend war. Lisa Freund hat Sterbende begleitet und erlebt, dass sich bei ihnen christliche Prägungen mit buddhistischen mischen. Gebete aus der Kindheit steigen auf. Viele hatten zuvor eine christliche Sozialisation. Das passiere einfach. Die Selbstbestimmung im Sterbeprozess sei eine Illusion, sagt Lisa Freund.

"Ich kann nur günstige Umstände schaffen für mich in der entsprechenden Situation, in der ich mich befinde. Und mir den Raum geben, alles zuzulassen. Und dann entscheiden von Moment zu Moment in der Situation, in der ich gerade bin, auf was ich zurückgreife. Das wäre in diesem Zusammenhang Selbstbestimmung."

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Selbstbestimmtes Sterben gilt im 21. Jahrhundert in Deutschland als erstrebenswertes Lebensziel. Um die Angst vor dem Kontrollverlust in den Griff zu bekommen, wenn körperliche und geistige Funktionen nach und nach ausfallen und Luftnot entsteht.

"Und der Kontrollverlust wird aber einsetzen. Der gehört zum Sterben dazu. Und deswegen ist es ein Gespenst mit dieser Selbstbestimmung zur Bändigung von Angst, die aber die Angst im Endeffekt nicht lösen kann. Sondern gelöst wird das Ganze durch Hingabe. Und Hingabe ist etwas, was mit Selbstbestimmung insofern wenig zu tun hat. Hingabe ist: Ich gebe mich in diesem Prozess des Übergangs und des Sterbens hinein, sorge aber dafür, dass, so gut es geht, die Umstände mir entsprechen."

"Es gibt keinen buddhistischen Würdebegriff"

Selbstbestimmung heißt aus der Sicht der Sterbebegleiterin, zu bestimmen, wo und in welcher Einrichtung man sterben möchte, wo es liebevolle Zuwendung gebe. Oder in einer Patientenverfügung festzuhalten, welche lebensverlängernden Eingriffe man ablehne, wenn man nicht mehr selbst entscheiden könne. Und da könne man auch letzte Möglichkeiten sich vorbehalten:

"Wenn alles nicht mehr geht und es unerträglich wird, erlaube ich den assistierten Suizid. Das wäre durchaus eine buddhistische Grundhaltung."

Man kann darüber streiten, ob Sterbehilfe mit dem buddhistischen Glauben vereinbar ist. Buddhisten in Deutschland bestehen aus diversen Gruppen. Deutsche Buddhisten mögen da noch andere Haltungen einnehmen als Buddhisten mit Wurzeln in Asien.

Sterbehilfe unter Buddhisten in Deutschland bisher kaum Thema

Es gibt buddhistische Hospize und zahlreiche Anleitungen mit buddhistischen Übungen zur Vorbereitung auf den Tod. Aber eine große Diskussion über das Für und Wider von Sterbehilfe und Suizid gibt es bislang noch nicht in Deutschland. Und es gibt einen großen Unterschied zu anderen Religionen, sagt Jens Schlieter:

"Es gibt natürlich kein dem christlichen oder jüdischen Würdebegriff Entsprechendes in der buddhistischen Tradition. Ein Mensch ist nicht dadurch würdig, dass ihm von sich aus, eben weil er Geschöpf Gottes ist, Würde zukommt und deswegen Selbsttötung immer auch unter diesem Kontext betrachtet wird.

Das gibt es ja nicht. Es gibt aber doch ein Äquivalent in den Argumenten zum Würdebegriff, weil nämlich in buddhistischen Texten steht: Es ist extrem selten, dass ein empfindendes Wesen Mensch wird."

Man kann auch als Tier, Höllengeist oder göttliches Wesen geboren werden. Aber nach buddhistischer Vorstellung kann man nur in der Existenzform als Mensch Buddhas Lehre hören und den Weg zur Befreiung gehen.

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