Sonntag, 31.05.2020
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteMikrokosmos - Die Kulturreportage"Die hübscheste Irrenanstalt Deutschlands"17.01.2020

Selbsthilfe für psychisch Kranke"Die hübscheste Irrenanstalt Deutschlands"

Wer schwerwiegende psychische Probleme hat, der muss in die Psychiatrie. Das ist eine weit verbreitete Meinung. Der Verein "Durchblick" in Leipzig will Möglichkeiten aufzeigen, wie es auch anders weitergehen kann und schafft gleichzeitig einen besonderen Raum für Kunst und Kultur.

Von Pia Rauschenberger

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Kunstwerk in Form eines aufgeschlagenen Buches, beide Seiten mit einem Loch in der Mitte, links die Aufschrift "Sauwetter heute", rechts "Pozor" (Pia Rauschenberger)
Im "Durchblick" verarbeiten viele Menschen ihre psychischen Probleme in Kunstwerken (Pia Rauschenberger)
Mehr zum Thema

Digitale Psychiatrie Die App, dein Seelenwächter

Krise der Psychiatrie Diagnosendämmerung

Kunst von Psychiatrie-Insassen Als "unruhige Frauen" Seegras zupfen mussten

In einer alten Bauhaus-Villa mit großem Garten und eigener Bootsanlegestelle sind Menschen Zuhause, die es in der Gesellschaft sonst nicht immer leicht haben, sich heimisch zu fühlen: Menschen, die von psychischen Krankheiten betroffen sind oder waren und Dinge erlebt haben, die die Rückkehr in die Gesellschaft schwer machen. Im "Durchblick" gibt es eine Art Komplettpaket: täglich gemeinsames, frisch gekochtes Essen, Kunst- und Gesangsgruppen und Platz im Garten um eine zu rauchen ohne schief angeschaut zu werden.  "Das ist die schönste Irrenanstalt Deutschlands", sagt Piotr.

Piotr ist ein regelmäßiger Besucher des "Durchblick": zottelige graue Haare, Schieberkappe, Bänder an den Brillenbügeln. Er erzählt, dass er sich hier von seiner psychischen Krise frei malen konnte. Damals hat er in einer kleinen Wohnung im ersten Stock gewohnt, um dort wieder auf die Beine zu kommen: "Also diese Kombination hier in so einem geschützten Raum zu sein, auf so einem wunderschönen Grundstück, die hat mich dann dazu gebracht, quasi wieder normal zu werden."

Piotr - ein regelmäßiger Besucher im "Durchblick" (Pia Rauschenberger)Piotr - ein regelmäßiger Besucher im "Durchblick" (Pia Rauschenberger)

Eine Insel der Glückseligkeit?

Piotr erzählt von der Zeit als es ihm sehr schlecht ging. Er habe nächtelang gemalt, bis er morgens die erste Straßenbahn quietschen hörte. Doch als es ihm langsam besser ging, habe er einen entscheidenden Fehler gemacht: "Es gibt so eine Art Hospitalismus. Und ich sehe mich hier auch so ein bisschen. Wenn man schwerst betroffen ist, ist das Haus hier ideal." Aber, wenn man wieder halbwegs fit sei, solle man gucken, dass man draußen wieder ins richtige Leben finde. Das fiel ihm schwer, denn "das ist hier so ein goldener Käfig. Das ist hier die Insel der Glückseligkeit."

Das Psychiatriemuseum im "Durchblick" (Pia Rauschenberger)Das Psychiatriemuseum im "Durchblick" (Pia Rauschenberger)

Ein anderes Bild von "Verrücktheit"

Die Wände der Villa sind gepflastert mit Bildern, die Geschichten erzählen vom Anderssein, das Anerkennung einfordert. Und die kommt auch von Menschen außerhalb des Vereins, die die Ausstellungen, aber auch das kleine Psychiatrie-Museum besuchen und so eine andere Perspektive auf "Verrücktheit" kennenlernen. Kunst ist ein wesentlicher Bestandteil des Vereins "Durchblick".

Die Ausstellungen sind aber eher Nebensache, erzählt Kunstgruppenleiter Jens-Otto Didier mit einem Schmunzeln:

"Wir haben auch keine Galerie im professionellen Sinne. Wäre ja gut, wenn wir sowas hätten, wenn sich jemand finden würde, der die Outsider-Art in Leipzig vertritt, aber da braucht man auch Geschäftssinn und der geht uns ein bisschen ab."

Außerdem soll das Haus auch einen besonderen Schutzraum bieten. Er wolle niemanden durch die Öffentlichkeit peitschen, sagt der Kunstgruppenleiter Didier:

"Da entsteht auch - sage ich mal - die beste Kunst, wenn man nicht so unter Druck der Öffentlichkeit arbeitet, sondern im Verborgenen."

Der Verein "Durchblick" ist in einer alten Villa im Leipziger Westen untergebracht (Deutschlandradio/ Pia Rauschenberger)Der Verein Durchblick ist in einer alten Villa im Leipziger Westen untergebracht (Deutschlandradio/ Pia Rauschenberger)

Der alte Topos von Genie und Wahnsinn

Der Kunsthistoriker Thomas Röske beschäftigt sich beruflich mit der sogenannten Outsider-Art: "Diese Idee gibt es seit der Renaissance, dass Künstler durch eine besondere psychische Ausstattung gleich weit von der psychischen Erkrankung wie von dem Genie entfernt seien."

Outsider-Art ist für den Leiter der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg aber nicht nur die Arbeit von psychisch kranken oder behinderten Menschen. Der Begriff bezeichne eigentlich Kunst mit einem besonderen Blickwinkel: "Eine Form von Originalität, die sich nicht nach zeitgenössischen Strömungen oder traditionellen Auffassungen von Kunst richtet."

Die Gefahr zu Exotisieren

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es große Begeisterung für das scheinbar besonders Unmittelbare dieser Werke. "Sie schienen authentischer als andere Kunst", erzählt Röske. Damit einher geht immer wieder der Mythos des wahnsinnigen Genies.

Im Jahr 2010 hat die Frankfurter Schirn mit ihrer Überblicksschau "Weltenwandler" sogar eine ganze Ausstellung der Outsider-Art gewidmet. "Man erfuhr dort kaum etwas über die Werke, man erfuhr nur etwas über das extreme Leben der Männer und Frauen", kritisiert Röske. Es sei ein Problem, wenn Besucher solcher Ausstellungen dann denken, wer so ein verrücktes Leben hatte, könne nur verrückte Kunst machen. Aber es ändert sich etwas:

"Wir stellen allerdings fest, dass Kuratoren mehr und mehr Interesse haben, Werke aus diesem Bereich in größere Ausstellungen zu integrieren und nicht nur unter dem Label Outsider-Art auszustellen." Für Röske ist vor allem wichtig, dass die Werke genauso ernst genommen werden wie andere Kunst auch.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk