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StartseiteForschung aktuellSelbstkritik als Schlüssel27.08.2010

Selbstkritik als Schlüssel

Wann gemeinsame Entscheidungen besser sind als einsame

Psychologie. - Vier Augen sehen mehr als zwei. So lautet der Grundsatz der Kooperation, doch offenbar stimmt er nur unter gewissen Voraussetzungen. In der aktuellen "Science" berichten Forscher aus Großbritannien und Dänemark über Experimente, mit denen sie die gemeinsam Entscheidungsfindung näher untersucht haben. Dr. Marc Ernst vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen hat die Arbeit seiner Fachkollegen in "Science" kommentiert und erläutert sie im Gespräch mit Ralf Krauter.

Kooperation führt unter bestimmten Bedingungen weiter als Einzelentscheidungen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Kooperation führt unter bestimmten Bedingungen weiter als Einzelentscheidungen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
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Krauter: Herr Ernst, vier Augen sehen mehr als zwei, das stimmt offenbar nicht immer?

Ernst: Das ist vollkommen richtig. Also, in der Regel der Fälle stimmt es. Wenn zwei Leute eine Entscheidung gemeinsam treffen, können in der Regel die eine richtige Entscheidung treffen, aber nicht immer. Es kommt darauf an, und Entscheidungen sind allgemein unsicher, wenn man das Beispiel nimmt, dass ein Ball hinter der Linie aufkommt, bei einem Fußballspiel und da hat möglicherweise ein Schiedsrichter den Ball hinter der Linie gesehen, der andere davor. Aber keiner ist sich hundertprozentig sicher. Und wenn die Schiedsrichter es schaffen, diese Unsicherheit zu kommunizieren, und der, der im Moment gerade sicherer ist, wenn der die Entscheidung trifft, dann schaffen sie es tatsächlich die bessere Entscheidungen zu treffen, gemeinsam. Also allerdings trifft das nicht immer zu, manchmal überschätz sich ein Schiedsrichter auch in diesem Unsicherheitsmaß, und dann kann es dazu kommen, dass ein Schiedsrichter eine Entscheidung dominiert, die er eigentlich nicht hätte dominieren sollen.

Krauter: Die Forscher aus Großbritannien und Dänemark, die heute im Forschungsmagazins "Science" publizieren, die waren nicht im Fußballstadion. Sie haben im Labor getestet, wann immer zwei Beobachter bessere Entscheidungen treffen als einer alleine. Wie genau sind die vorgegangen?

Ernst: Die Forscher, sie haben auf Bildschirmen Gitter gezeigt, die aber auch sehr, sehr schwierig zu sehen waren, und man muss die Orientierung dieser Gitterlinien einschätzen, da haben ein paar Leute genau das gleiche gesehen, und auch wieder, weil die Wahrnehmung mit Unsicherheit behaftet ist, sieht der eine das nach links geneigt, der andere das möglicherweise mal nach rechts geneigt. Und dann war es genau die spannende Frage: Was passiert in solchen strittigen Fällen? Was machen die Leute? Und was die Forscher zeigen konnten, dass die Leute sich tatsächlich unterhalten darüber, wie sie es denn gesehen haben, und auch wie sicher sie sind über ihre Entscheidung. Das ist genau der Knackpunkt: Die Leute müssen sich der Unsicherheit über ihre Entscheidung bewusst sein und sie kommunizieren, und dann kann man die beste Entscheidung treffen. Nämlich der, der sich im Moment am sichersten ist, der sollte die Entscheidung treffen. Und dann kann man tatsächlich auch besser werden.

Krauter: Das heißt, das Kriterium ist eine gesunde Selbsteinschätzung beide Beteiligten und die gute Kommunikation, dann kann die Summe der Erkenntnis größer sein als das was der Einzelne weiß?

Ernst: Exakt, sobald sie sich gut einschätzen, wie sicher sie sich über das waren, und das auch richtig kommunizieren zu dem andern. Und hier ist genau der Punkt. Die Frage ist, was für ein Maß an Unsicherheit nimmt man denn? Der Mensch, natürlicherweise, sagt so etwas, ich war mir zu 50 Prozent sicher oder zu 90 Prozent sicher. Das ist schon mal ein sehr gutes Maß für die Sicherheit, aber es ist nicht das optimale. Im Prinzip gibt es noch ein besseres Maß für Unsicherheit, nämlich das metrische Maß. Wenn man sagen würde, ich habe den bei zehn Zentimeter hinter der Linie gesehen und ich bin mir plus/minus 20 Zentimeter sicher darüber, wo ich ihn gesehen habe, damit könnte man im Prinzip noch bessere Entscheidungen treffen. Allerdings sind wir Menschen sehr, sehr schlecht in den metrischen Abschätzungen. Von dem her, natürlicherweise geht man auf dieses Prozentmaß zurück, auch wenn das nicht das optimale Maß ist, aber das lässt sich besser kommunizieren.

Krauter: Gefährlich wird es ja, wenn ich recht verstehe, wenn einer gar nicht weiß, wie wenig er eigentlich weiß. Kann man das so zusammenfassen?

Ernst: Ja, das kann man machen. Wenn einer relativ schlecht ist, weil er zum Beispiel, das Fußball-Beispiel jetzt genommen, sehr weit weg stand und damit den Ball sehr, sehr unsicher gesehen hat, und der sich zu sicher wird über seine Entscheidung, also wenn der übermotiviert ist und sagt, aha, ich war ganz sicher, dann kann er Entscheidungen dominieren, die er eigentlich nicht dominieren sollte. Und dann kann es zu Fehlentscheidungen kommen. Wenn sich beide gut kennen und beide ihre Sicherheit gut einschätzen können, dann klappt das Ganze sehr gut und die Leute sind eigentlich immer im Team besser als dann einzeln.

Krauter: In dem Versuch jetzt geht es um die visuelle Wahrnehmung. Welche praktischen Folgerungen lassen sich auf anderen Bereich ziehen, also für das Berufs- oder Privatleben, wo man ja ständig solche Entscheidungs-, Abwägungsprozesse in Kooperation mit anderen treffen muss?

Ernst: Also im Prinzip gilt dieses Abschätzen von Unsicherheiten allgemein: die Wahrnehmung ist nicht nur der visuelle Sinn, sondern auch der Tastsinn ist unsicher und der Hörsinn ist genauso unsicher. Von dem her ist das ein allgemeines Prinzip. Sicherlich sollte man, und ich denke wir machen das auch, bei gemeinsamen Entscheidungen, wenn wir strittige Fragen haben, dass wir das auch natürlich so kommunizieren: aha also ich bin mir nicht ganz sicher, ich würde sagen, naja, 50 Prozent habe ich so und so gehört oder gesehen, sprich, dass ist etwas ganz Natürliches, was der Mensch so macht, und das haben die Forscher jetzt halt gezeigt, dass tatsächlich so etwas zum optimalen Entscheidungsprozess führt, der besser ist, wenn man es gemeinsam macht, als wenn man es alleine macht.

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