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Startseite@mediasresMuss sich das Fernsehen neu erfinden?01.04.2020

Sendungen ohne PublikumMuss sich das Fernsehen neu erfinden?

Nach mitreißenden Statements, umwerfendem Gesang oder gelungenen Pointen höre man im Fernsehen aktuell: nichts. Die Folgen des Kontaktverbots in der Coronakrise verändere die TV-Unterhaltung, beobachtet unsere Kolumnistin Samira El Ouassil. Sie hofft deshalb auch auf Stefan Raab.

Von Samira El Ouassil

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Entertainer Stefan Raab 2017 bei einem Live-Event in München (picture alliance / Matthias Balk/dpa)
Entertainer Stefan Raab 2017 bei einem Live-Event in München - nicht im TV (picture alliance / Matthias Balk/dpa)
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In der ersten Woche des Kontaktverbots herrschte eine ungewohnte, ja, gespenstische Stille in den Talkrunden, Unterhaltungsshows und Comedyformaten des Fernsehens: Sendungen, die normalerweise mit Publikum aufzeichnen, mussten während der ersten Woche aufgrund des Social Distancings vor leeren Zuschauerreihen stattfinden. Nach mitreißenden Statements, umwerfendem Gesang oder einer gelungenen Pointe, hörte man plötzlich: nichts.

Bei den politischen Talkshows entstand dadurch eine interessante, irgendwie neu wirkende Kommunikationskultur: so weit auseinander sitzend und ohne eine direkte Livebewertung des Gesagten in Form von Beifall veränderte sich die Gesprächsdynamik. In der Stille des ausbleibenden Applauses war ein neuartiges dialogisches Lauschen zu vernehmen, der verbale Austausch wurde feinjustierter. Und es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, seitdem ich das letzte Mal in einer Diskussionrunde zwei Teilnehmer gesehen habe, die sich gegenseitig ins Wort gefallen und "Jetzt lassen sie mich doch mal ausreden!" blöken. Das liegt aber sicherlich auch daran, dass schon lange kein AfD-Politiker mehr in solchen Runden zu sehen war.

Warum weiter "Let's dance"?

Beim Unterhaltungsfernsehen sieht die Sache buchstäblich etwas anders aus: Das Ausbleiben von echten Publikumsreaktionen verändert hier nicht nur die Formatlogik, es sabotiert auch unsere Rezeptionssituation. Bei Musik- und Showformaten der Privaten, wie beispielsweise "Let's Dance", "Deutschland sucht den Superstar" und das mittlerweile in Quarantäne gegangene "The Masked Singer" wird das besonders deutlich: Ohne die Begeisterung von Saalpublikum nach einer geglückten Darbietung, fällt auf, dass ein Auftritt seine Aura des Spektakelhaften vor allem dann entfaltet, wenn er durch Applaus bestätigt wird. Erst ehrlicher Jubel und hörbare Verzückung machen aus dem technisch perfekten Tango die überwältigende Show, die uns die Privaten bieten möchten.

In darauffolgenden Ausgaben spielten einige Shows dann Applaus vom Band ein - was in seiner Künstlichkeit aber noch unbehaglicher war als die unangenehme Stille zuvor.

  (Quirin Leppert) (Quirin Leppert)Samira El Ouassil ist Kommunikationswissenschaftlerin, Schauspielerin und politische Ghostwriterin. 2009 war sie die Kanzlerkandidatin für DIE PARTEI. Seit September 2018 schreibt sie für das Medienkritikmagazin Übermedien die Kolumne "Wochenschau". Mit Gedächtniskünstlerin Christiane Stenger beantwortet sie außerdem im Audible-Podcast "Sag Niemals Nietzsche" Fragen der Philosophie.

Das mediale Lagerfeuer am Glimmen halten

Und auch eine Comedyformat wie die Heute Show benutzte nach seiner ersten Ausgabe ohne Publikumslacher nun nach jedem Gag die schon längst vergessene Lachkonserve. Diese werden offenbar als selbstironische Zwischenlösung verwendet, die sich ihrer eigenen Künstlichkeit durchaus bewusst ist. Aber dennoch stellte sich eine gewisse Entfremdung beim Schauen ein.

Warum halten die Sender ohne ihr Saalpublikum trotzdem an Live-Show-Formaten fest? Deutsche Unterhaltung versucht offenbar unter erschwerten Bedingungen für Stimmung und Normalität zu sorgen. Dabei will es händeringend das mediale Lagerfeuer zumindest am Glimmen zu halten - doch je mehr es sich um Normalität bemüht, die uns vielleicht kurz ablenken könnte, desto befremdlicher wirkt es. Und macht einen ironischerweise so erst recht auf die Besonderheit der Produktionsumstände aufmerksam. 

Hoffen auf Stefan Raab

Das Fernsehen könnte genau jetzt ein Ort sehenswerter Improvisation werden, wo es erlaubt ist, das televisive Spektakel ganz neu zu denken. Wie macht man die große Show ohne Showtänzer? Wie erschafft man das Spektakel ohne Tiere, Menschen, Sensationen? Wie kann Unterhaltungsfernsehen sich erzählen, wenn man ihm alles wegnimmt, was es zum Unterhaltungsfernsehen macht? Ich möchte sehen, wie sich Fernsehmacher dieser Herausforderung stellen.

Und zuversichtlich schiele ich da zum Free-European-Song-Contest, den der zurückgekehrte Entertainer Stefan Raab präsentieren wird. Hoffen wir, dass auch andere Fernsehmacher in der nächsten Zeit nicht nur aus ihren Quarantäne-WGs senden, sondern diese noch nie zuvor dagewesene Situation nutzen, um noch nie zuvor dagewesenes Fernsehen zu schaffen.

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