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StartseiteDeutschland heuteKnowhow gegen kriminelle Tricks31.03.2016

Senioren-Sicherheitstraining Knowhow gegen kriminelle Tricks

Kriminelle geben sich gegenüber Senioren als falsche Handwerker aus, nutzen den Enkeltrick oder überlisten sie im Internet. Die Polizei München will ältere Menschen für solche Machenschaften sensibilisieren. Ein Besuch beim Sicherheitstraining für Senioren.

Von Susanne Lettenbauer

Eine ältere Frau telefoniert mit einem Handy (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Sicherer Umgang mit neuer Technik - das ist eine der Herausforderungen für ältere Menschen. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
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Neun Uhr am Morgen in Aufhofen, südlich von München. 44 Senioren und Seniorinnen - jeweils mit bunten Stickern an der Jacke - verlassen den Bus vom Polizeipräsidium München. Das Alter: zwischen 65 und 77 Jahren. Auf der Fahrt  zu der idyllisch gelegen Wirtschaft mit Bergblick wurden sie bereits in vier Gruppen unterteilt. Erste Fragen zu den Erwartungen wurden gestellt. Einfach nur hinsetzen und zuhören gilt nicht beim Seniorensicherheitstraining. Es heißt mitmachen und aktiv werden. Die Teilnehmer sind am Anfang eher noch skeptisch:

"Also von Tuten und Blasen keine Ahnung. Ich lasse mich überraschen."

"Dass ich zum Beispiel Dinge, wo ich mich schützen kann, erfahre. Ich hatte schon so ein echtes Erlebnis."

"Ein schöner Unterricht, dass wir viel lernen, dass wir in Zukunft wissen, wie wir uns zu verhalten haben."

Im Rotationsprinzip geht es bis zum Mittag durch vier Stationen, erklärt Polizeihauptkommissar Michael Reisch von der Verkehrsabteilung des Münchner Polizeipräsidiums. Auch aufgrund des beginnenden Frühlings wählte er aus einer Vielzahl von Vorträgen die Stationen Wahrnehmung, die Fußgänger, Fahrradfahrer und das gerade sehr aktuelle Thema Trickbetrüger aus.

"Ja, wir haben ein ganzes Potpourri  an Stationen, die können wir hier natürlich nicht alle anbieten. Wir haben verschiedene verkehrspolizeiliche Stationen, wir haben kriminalpolizeiliche Stationen. Hier haben wir das gemischt. Wir haben drei verkehrspolizeiliche und eine im Bereich der Kriminalpolizei."

Leiser werdende Fahrzeugmotoren sind ein Problem

Polizeioberkomissar Uwe Kempf von der Wahrnehmungsstation zeigt der ersten Gruppe kurz acht Bilder mit Motiven, dazu erklingt eine Zahl. Nicht alle am Tisch erkennen in der Kürze das gesamte Bild, einige hören die Zahl nicht. Wie schnell reagiert man eigentlich noch im Strassenverkehr, in einer fremden Umgebung oder als Auto- bzw. Fahrradfahrer, soll diese Übung den Teilnehmern zeigen. Die Fehlerquote ist unterschiedlich. Bis zu fünf seien normal ab 65 Jahren, 30-45 Jährige hätten meist einen Fehler, so seine Erfahrung. Den Führerschein muss man bei zu hoher Fehlerzahl aber nicht abgeben, scherzt Kempf:

"Nein, nein, das ist ja ein Experiment, das jeder Teilnehmer für sich selber macht, um zu sehen, auf welchem Stand ist er eigentich. Denn wenn jetzt jemand nie die Zahl hört und alle anderen aber schon, dann ist es ein ganz eindeutiger Hinweis, dass man unbedingt mal zum Arzt gehen sollte."

Polizeihauptmeister Johann Stangl verblüfft die nächste Gruppe mit der hohen Zahl an Fußgängerunfällen bei älteren Menschen. 54 Prozent der unfalltoten Fußgänger wären in München Seniorinnen und Senioren betont er. Vor allem die immer leiser werdenden Fahrzeugmotoren machen älteren Menschen zu schaffen, zeigt die Statistik. In Deutschlands Großstädten sind auch immer mehr Menschen immer schneller per Fahrrad und E-Bike unterwegs, ein nächster Unfallschwerpunkt, zeigt die dritte Station bei Polizeihauptmeister Hans Becker. Einige Teilnehmer fragen nach, andere kichern und erzählen von ihren ersten Erlebnissen mit einem E-Bike oder Pedelec. Das Seniorensicherheitstraining soll vor allem ein entspannter Tag mit Polizeibeamten sein, meint Organisator Michael Reisch. Natürlich fließe die neueste Statikstik mit ein in die Gestaltung des Trainings, zum Beispiel beim Thema Kriminalität, die vierte Station:

"Der Enkeltrickbetrug ist noch immer große Mode, vor allem auch die Wasserglas-, Wechselgeldbetrügereien an der Haustür, das sind noch immer die Dinge, die uns wöchentlich beschäftigen."

Methoden werden immer perfider

Anja Leimkugel vom Kommissariat K105 für Opferschutz und Prävention muss viele Fragen zu Trickbetrügern, dem seit Köln bekannten Antanzen und den seit neuestem in München auftretenden, falschen Handwerkern beantworten. Die Maschen werden immer dreister, weiß sie:

"Momentan sind es Handwerker oder eben auch der Heizungsableser, das können aber auch falsche Polizeibeamte sein, das können auch welche sein, die Hilfe suchen, eine Schwangerschaft vortäuschen und sagen, sie brauchen mal schnell ein Glas Wasser, ihnen ist schwummerig oder die ihre Hilfe anbieten, ob sie ihnen nicht die Tasche tragen sollen und total nett sind, aber dann die Tür offen lassen und eben somit einem Komplizen die Tür geöffnet hat, der dann, während die anderen sich gut unterhalten, eben die anderen Räumlichkeiten durchsucht."

Die Methoden werden immer perfider, erklärt auch Peter Reichel, Leiter des Kriminaldauerdienstes und im Vorstand des Polizeivereins Münchner Blaulicht. Der Verein unterstützt das Senioren-Sicherheitstraining finanziell, denn der Teilnehmerbeitrag von 20 Euro deckt noch nicht einmal die Busfahrt.

Am Nachmittag fährt der Bus weiter nach Bad Tölz, dort auf dem Markt geht es nochmal um praktische Tipps gegen Handtaschendiebe. Das habe nichts mit Bad Tölz zu tun, meint Organisator Reischl scherzend, sondern das Sicherheitstraining soll ja auch Spaß machen. Geht es nach den Teilnehmern ist das Ziel bereits erreicht:

"Sehr aufschlussreich, sehr interessant. Vor allem hat es mich sehr verblüfft, weil ich mir eingebildet habe, ich wäre noch relativ flexibel im Straßenverkehr. Ich habe sechs Fehler gehabt."

"Bis jetzt war es eigentlich super. Erhoffen tun wir uns ein paar neue Informationen, die vielleicht im Hinterkopf schon verschwunden sind und dann schauen wir halt weiter."

 

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