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StartseiteBüchermarktSeptembergewitter13.06.2001

Septembergewitter

Wallstein-Verlag, 152 S., DM 38,00

Ein Ballon - unterwegs von Osnabrück nach England - überquert eine kleine Stadt in Norddeutschland. Aus dem Korb von oben herab schauen Mr. Pencock und seine junge Tochter. Sie sehen die Häuser, die Wiesen und den Fluss, Kähne und den Kirchhof. "Wie friedlich liegt das da, wie muss man da idyllisch wohnen.", sagt entzückt die junge Mary. "Das sieht wohl nur von oben so aus", antwortet der Vater. "Ja, es sah wohl nur von oben so aus", so nimmt der Erzähler den Satz Pencocks auf. Schnitt und Kamerafahrt. Wie im Film wechselt die Perspektive von der Totalen zur Nahaufnahme. Auf Augenhöhe mit seinen Figuren sucht der Erzähler den Friedhof auf. Eine Frau sitzt ganz in schwarz brütend auf einer Bank, der alte Gärtner schaufelt eine Grube aus. Schnell ruft er seine Enkeltöchter herbei, damit sie den Ballon noch sehen. Der nähert sich schon der Küste. Ein Gewitter zieht auf.

Detlef Grumbach

"Septembergewitter" nannte Friedo Lampe seinen zweiten, 1937 erstmals erschienenen Roman, dessen Handlung unverkennbar im Bremen vor dem Ersten Weltkrieg angesiedelt ist und ein breit angelegtes Figurenensemble miteinander verknüpft. Frau Hollmann geht völlig in der Trauer um ihren Mann auf und nimmt gar nicht mehr wahr, wie sie ihrem Sohn Martin damit jede Lebensfreude raubt. Martin hat sich verdrückt und beobachtet voll Sehnsucht eine verschworene Bande Jugendlicher, die im Freibad am Fluss darauf wartet, dass etwas geschieht. Deren Anführer trägt sich aber längst mit dem Gedanken, eigene Wege zu gehen, die Kameraden im Stich zu lassen. Ein junger Mann will seine Geliebte verlassen und abends mit dem Schiff auslaufen, das im Hafen liegt. Eine junge Frau ist ermordet worden und ihr Verlobter, ein Leutnant, will mit dem nächsten Truppentransport nach Kamerun aufbrechen. Ein Organist in der leeren Kirche rührt seine zufälligen Zuhörer durch sein von Melancholie, Trauer und Verzweiflung getragenes Spiel. Wie Wolfgang Koeppen später in seinem Roman "Tauben im Gras" begleitet Lampe einzelne Figuren durch den Tag, charakterisiert sie durch ihre Sprache, ihre Dialekte. Er montiert einzelne, präzise und nüchtern beobachtete kleine Szenen aneinander, verbindet verschiedene Orte und schafft eine genaue Topographie.

Allmählich macht der Leser sich ein Bild von der Stadt und von dem, was die Menschen in ihr beschäftigt. Er wird in den Sog der Geschichte hineingezogen und von dieser merkwürdigen, in der Schwebe hängenden Stimmung ergriffen. Eine angespannte Ruhe liegt über der Stadt, eine Ambivalenz von Aufbruch, Bewegung und dem Verharren in einem Zustand, der einer Lähmung gleicht. Die beiden Enkeltöchter des Totengräbers wollen einen Drachen steigen lassen. Sie geben ihm ein Lach-Wein-Gesicht, das den Zwiespalt symbolisiert .

Der 1899 geborene Lampe hatte, wie er kurz vor seinem Tod sagte, Pech mit seinen Büchern. Sein 1933 erschienener Roman "Am Rande der Nacht" wurde wenige Wochen nach Erscheinen von den Nationalsozialisten eingestampft. "Septembergewitter" fiel im Literaturbetrieb durch und die Druckplatten eines geplanten Bandes mit Erzählungen wurden bei Kriegsende zerstört. Lampe selbst wurde schließlich im Mai 1945 von zwei Rotarmisten in der Nähe Berlins irrtümlich für einen SS-Mann gehalten und erschossen. Nach dem Krieg erschienen zwei Werkausgaben, doch "Am Rande der Nacht" wurde entsprechend der Vorbehalte der Reichsschrifttumskammer verstümmelt, und auch "Septembergewitter" war nur in überarbeiteter Form zu lesen. Hier orientierte man sich jedoch an Änderungen, die der Autor selbst für den geplanten Erzählband 1944 vorgenommen. Immerhin tobte der Luftkrieg gegen England, und so machte Lampe aus dem Engländer Pencock einen Dänen namens Gyldenlöv und ließ den Ballon entsprechend Richtung Dänemark fliegen. Auch andere Namen wurden geändert, und die Soldaten, die im Erstdruck ein Marschlied grölten, schmetterten es nunmehr.

Das Gewitter geht mit einem Wolkenbruch über die Stadt hernieder, vertreibt die Schwüle und löst die Spannungen. Es stellt sich so etwas wie Klarheit ein, deutlich symbolisiert darin, dass das Janus-Gesicht des Drachens vom Regen einfach abgewaschen worden ist. Aber hat sich wirklich etwas geändert? Im Einzelnen und an der Oberfläche wohl, nicht aber die existenzielle Grundstimmung, die für Lampe wohl typisch ist. Sie macht die Lektüre dieses modernen und avantgardistischen Romans, der gar nicht in die von der Nazi-Propaganda verbreitete Aufbruchsstimmung passt, auch heute noch ebenso spannend wie anrührend.

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