Montag, 26.10.2020
 
Seit 05:30 Uhr Nachrichten
StartseiteEuropa heuteSpagat zwischen Brüssel und Moskau27.08.2014

SerbienSpagat zwischen Brüssel und Moskau

Von Karla Engelhard

Der serbische Präsident Tomislav Nikolic fliegt oft nach Moskau und rühmt nach seinen häufigen Reisen die engen Beziehungen zwischen Serbien und Russland, die ihm Herzensangelegenheit sind:

"Ich bin ein Russophiler, ich liebe Russland. Nur Serbien liebe ich mehr als Russland. Wenn aufgrund der Zusammenarbeit mit irgendeinem Staat auch nur ein Serbe besser lebt, ist das für mich bereits eine Art Erfolg."

Moskau verspricht Erfolg. Russische Firmen wie Lukoil und Gazprom dominieren Serbiens Energieversorgung. Russlands Staatseisenbahn engagiert sich mit Fachleuten und einem zinsgünstigen Kredit von mehreren Millionen bei der Modernisierung der verrotteten serbischen Eisenbahn. Ein weiterer russischer Kredit soll den serbischen Staat vor dem Bankrott retten. Auch bei der Überschwemmung im Mai waren russische Helfer zur Stelle. Laut Umfrage des Belgrader Instituts für Sicherheitspolitik sieht knapp die Hälfte der Serben in Russland den besten Freund Serbiens - weit vor Deutschland. Doch Serbien will in die Europäische Union, die Beitrittsverhandlungen laufen. Die EU-Sanktionspolitik gegenüber Russland trägt Belgrad jedoch nicht mit. Der serbische Premier Alexander Vucic erklärt:

"Serbien wird keine Sanktionen gegen die Russische Föderation einführen. Unser strategischer Weg ist der Weg in die EU. Dort liegt der Fortschritt. Aber für Serbien und für die Interessen unseres Volkes müssen wir gute und freundschaftliche Beziehungen zur Russischen Föderation aufrecht erhalten."

Ein politischer Spagat, der Brüssel verärgert, aber auf den Straßen in Belgrad Verständnis findet:

"In dieser Situation ist solches Verhalten richtig. Das ist keine Politik zwischen den Stühlen, sie zeigt nur, dass wir uns an beide Seiten halten müssen, gerade weil wir ein kleines Land sind und militärisch machtlos."

"Meiner Meinung nach wird Serbien nicht lange dazwischen sein können und wird sich für eine Seite entscheiden müssen, wahrscheinlich für die europäische, weil wir von dort erpresst werden. Ich wäre dafür, dass sich Serbien nicht entscheiden muss und dass wir diese Situation ausnutzen können."

Serbische Wirtschaftsvertreter versuchen die Folgen der EU-Sanktionen gegen Russland für sich zu nutzen, um mehr Lebensmittel und Agrarprodukte aus Serbien nach Russland zu exportieren. Die Regierung will die Nahrungsmittelausfuhr nach Russland auf 250 Millionen Euro steigern und damit fast verdoppeln. Doch ohne Investitionen in die marode Landwirtschaft wird das nicht zu machen sein. Snezana Bogosavljevic, serbische Landwirtschaftsministerin flog dieser Tage nach Moskau und meinte anschließend:

"Wir suchen einfach nach Märkten für unsere Produkte, nach Impulsen für die schnellere Entwicklung unserer Landwirtschaft. Wir suchen Investitionen, weil unsere Landwirtschaft am Boden liegt."

Außerdem hat das katastrophale Hochwasser im Mai der serbischen Landwirtschaft noch zusätzlich großen Schaden zugefügt.

Bei aller Freundschaft zu Russland sehen laut Umfrage nur zwölf Prozent der Serben Russland als Modell für ihr Land, die Schweiz und Deutschland kommen da eher in Frage.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk