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StartseiteTag für TagDeutschunterricht für den Bischof06.01.2020

Serbisch-orthodoxe KircheDeutschunterricht für den Bischof

In den orthodoxen Kirchen in Deutschland wird bislang nicht auf Deutsch gebetet – sondern in der jeweiligen Landessprache der Herkunftsländer. Ein Integrationshindernis, sagen Kritiker. Die serbisch-orthodoxe Kirche in Deutschland hat einen neuen Bischof, der das ändern will.

Von Benedikt Schulz

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Grigorije Duric, serbisch-orthodoxer Bischof von Düsseldorf und Deutschland vor seiner Bücherwand (Deutschlandradio / Benedikt Schulz)
Grigorije Duric, serbisch-orthodoxer Bischof von Düsseldorf und Deutschland (Deutschlandradio / Benedikt Schulz)
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"Ich bin Bischof Grigorije von Düsseldorf und Deutschland."

Bischof Grigorije sitzt in der kleinen Bibliothek seines Gemeindehauses am Stadtrand von Düsseldorf, nicht weit entfernt vom Düsseldorfer Flughafen.

"Mein Deutsch ist nicht sehr gut jetzt, aber ich lerne Deutsch jeden Tag. Bei einem Professor aus Düsseldorf, wir sprechen jeden Tag über Religion und Philosophie." Er lacht leise und bittet darum, die Sprache zu wechseln: "Und jetzt auf Serbisch…"

Fragen auf Deutsch, auch komplexe Fragen versteht der Bischof, antworten will er lieber auf Serbisch. Knapp 20 Jahre war Grigorije Duric Bischof der serbisch-orthodoxen Kirche in Trebinje, im heutigen Bosnien-Herzegowina. Seit gut einem Jahr ist er Bischof in Düsseldorf – genauer gesagt: der Eparchie von Düsseldorf und ganz Deutschland. Damit ist er das geistige Oberhaupt aller serbisch-orthodoxen Christen in Deutschland.

Nicht nur Zuspruch

"Ich bin erst seit einem Jahr hier, aber ich habe sehr schnell festgestellt, dass wir hier eine Liturgie in zwei Sprachen brauchen, in Serbisch und in Deutsch."

Denn bislang war es in der serbisch-orthodoxen Kirche in Deutschland genauso wie in fast allen anderen orthodoxen Diasporakirchen: Gefeiert wurde in der eigenen Sprache – auch weil die Priester selbst oft wenig oder kein Deutsch sprechen. Das ist bei der serbisch-orthodoxen Kirche nicht anders. Jetzt müssen sie es aber lernen, ob sie wollen oder nicht. Duric hat seinen Priestern zwei Jahre Zeit gegeben, Deutsch auf B2-Niveau zu beherrschen. Und für neue Priester sind ausreichende Deutschkenntnisse Voraussetzung. Das stößt in den Gemeinden nicht nur auf Gegenliebe.

"Es gibt natürlich viele, vor allem ältere Gläubige, denen ist die serbische Sprache deutlich näher – und die wollen natürlich eine Liturgie in serbischer Sprache haben. Aber wir müssen auch an die Zukunft denken, vor allem an die Jüngeren, die nur noch schlecht oder gar nicht mehr Serbisch sprechen. Ja, es gibt bei einem Teil der Menschen Angst. Die ist einfach da. Aber die Angst kommt daher, dass sie eigentlich den Glauben selbst nicht richtig verstehen. Ihnen ist das Nationale näher als der Glaube."

Heimat in der Fremde

Anders als etwa bei der katholischen Kirche handelt es sich bei den orthodoxen Kirchen um regional begrenzte, oft um nationale Kirchen. In vielen Ländern ist die jeweilige Landeskirche integraler Bestandteil nationaler Identität – und damit ist die Sprache, in der gepredigt wird, nicht austauschbar, sondern für viele Menschen Heimat in der Fremde – damit aber auch ein Integrationshindernis. Mehrere hunderttausend Serben beziehungsweise serbisch-stämmige Deutsche leben in Deutschland. Viele von ihnen sind orthodoxe Christen, genaue Zahlen gibt es nicht, da die serbisch-orthodoxe Kirche in Deutschland nicht als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt ist - im Gegensatz zu den meisten anderen orthodoxen Diasporakirchen und trotz einer serbisch-orthodoxen Kontinuität, die seit fünf Jahrzehnten anhält.

Die Heilig-Sava-Kathedrale am Stadtrand von Düsseldorf (Deutschlandradio / Benedikt Schulz)Die Heilig-Sava-Kathedrale am Stadtrand von Düsseldorf (Deutschlandradio / Benedikt Schulz)

"Die erste Welle an Serben kam direkt nach dem Zweiten Weltkrieg", sagt Duric. "Das waren Menschen, die aus dem kommunistischen Jugoslawien geflohen waren, teilweise aber auch Menschen, die mit den Deutschen kollaboriert hatten und gar nicht mehr zurück konnten. Die zweite Welle waren die Gastarbeiter. Die kamen hierher, um zu arbeiten, um Geld zu verdienen, und eigentlich hatten sie alle vor, nach ein paar Jahren wieder zurückzukehren. Aber viele von ihnen sind hiergeblieben. Die erste Welle, das waren in der Regel gläubige Menschen. Bei den Gastarbeitern war es ganz anders. Die konnten meist wenig mit der Kirche anfangen."

Trauma der Jugoslawienkriege

Die dritte Welle sei in den 90er-Jahren gekommen, meint Duric, als mehrere Kriege das zerfallende Jugoslawien erschütterten, viele von ihnen gläubige Christen. Außerdem:

"Die Vereine, die es in Deutschland gab, organisiert vom kommunistischen Staat, von der Botschaft, den Generalkonsulaten, die verschwanden natürlich mit dem Ende des Kommunismus. Und der einzige Ort, wo man hinkommen konnte, um Landsleute zu treffen, war die Kirche. Das kam überraschend, das war ein Schock. Denn jetzt kamen plötzlich alle auf einmal, auch diejenigen, die mit der Kirche vorher wenig anfangen konnten."

Das Trauma der sogenannten Jugoslawienkriege wirkt immer noch nach. Anfang der 90er Jahre stand Duric vor der Wahl, zum Militärdienst eingezogen zu werden oder Priester zu werden. Er entschied sich für Letzteres. Den Krieg hat er dennoch hautnah erlebt.

"Ich habe gesehen, wie Menschen sich verändert haben. Wie gute Menschen im Krieg besser wurden und schlechte Menschen im Krieg noch schlechter wurden. Ich habe junge Menschen im Alter von 18 Jahren beerdigt, Menschen, die gestern noch vollkommen gesund waren. Und auf einmal sind sie tot. Ich habe tausende solcher Fälle erlebt. Ich möchte keinem diese Erfahrung wünschen, aber auch nicht darauf verzichten."

Die Rolle orthodoxer Priester und Bischöfe in den Kriegen, in denen nationale sowie religiöse Konflikte zutage traten, ist nicht immer ganz klar. Bischof Grigorije meint, die meisten hätten sich öffentlich gegen die Gewalt, vor allem aber auch gegen den damaligen serbischen Machthaber Slobodan Milosevic positioniert. Die meisten – aber eben nicht alle.

Konflikt zwischen Moskau und Konstantinopel

Viele orthodoxe Landeskirchen, vor allem in Ost- und Südosteuropa erhielten ihren Autonomiestatus - oder: ihre Autokephalie - im 19. und 20. Jahrhundert. Auch die serbisch-orthodoxe Kirche erlangte 1920 ihre bestehende Autokephalie - in der Folge des Ersten Weltkriegs. Doch ihre Geschichte der reicht deutlich weiter zurück. Bereits 1219, also vor 800 Jahren, wurde eine autokephale serbisch-orthodoxe Kirche gegründet – damit ist sie eine der ältesten orthodoxen Kirchen überhaupt. Und aufgrund ihrer Geschichte und ihrer sprachlich-kulturell-religiösen Wurzeln sitzt sie heute zwischen den Stühlen –  in jenem Konflikt, der seit Langem die orthodoxe Welt in Atem hält: zwischen dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und dem Moskauer Patriarchat. Ein Konflikt, der mit dem Streit um die Unabhängigkeit der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats im Herbst 2018 eskalierte. Bischof Grigorije Duric möchte da nicht reingezogen werden und betont die Verbindung sowohl zu Moskau als auch zu Konstantinopel:

Epifani, Oberhaupt der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine, bei einem Gespräch mit Bartholomaios I. (M), der Ökumenische Orthodoxe Patriarch von Konstantinopel, und Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine. (Mykola Lazarenko/Presidential Press Service/AP/dpa)Epifani, Oberhaupt der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine, bei einem Gespräch mit Bartholomaios I. (M), Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, und Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine. (Mykola Lazarenko/Presidential Press Service/AP/dpa)

"Von Konstantinopel haben wir unsere Autokephalie erhalten. Unsere guten Beziehungen zum Ökumenischen Patriarchat kann man nicht leugnen. Auf der anderen Seite haben wir auch enge und sehr lange Beziehungen zu Moskau. Und dazu kommt, dass wir - wie die Russen - Slawen sind. Wir haben von den Griechen die Kultur, den Glauben bekommen -  und von Kyrill und Method die Sprache. Ich sage manchmal: Wir sind slawische Griechen auf dem Balkan."

Wladimir Putin und der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche Kyrill (picture alliance / dpa / Foto: Sergey Guneev)Kyrill, Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin im Juli 2013 in Moskau. (picture alliance / dpa / Foto: Sergey Guneev)

Auswirkungen der Ukraine-Krise

Die verfahrene Situation in der Ukraine hat auch Auswirkungen auf die Orthodoxie in Deutschland. Die russisch-orthodoxen Bischöfe beendeten vorläufig ihre Mitarbeit in der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, kurz OBKD. Und auch Grigorije Duric bekam es zu spüren. Die Eskalation in Kiew fiel zusammen mit seiner Amtseinführung in Düsseldorf. Am Gottesdienst hätten sowohl Vertreter des Moskauer als auch des Ökumenischen Patriarchats teilnehmen sollen. Somit war die kleine serbisch-orthodoxe Eparchie von Deutschland in einer unangenehmen Lage.

"Die beiden russischen Bischöfe kamen etwas früher. Der Vertreter des Ökumenischen Patriarchats aber erschien nur wenige Minuten vor Beginn der Liturgie. Und da hatten die russischen Bischöfe ihr Bischofsgewand bereits angezogen. Mein Vorgänger – ich war ja in diesem Moment noch nicht im Amt – sagte ihm, dass die anderen schon umgezogen sind. Und er könne sich auch umziehen und mit zelebrieren, wenn es nach ihm ginge, nur: In dem Augenblick, in dem er das Gewand anlege, würden die russischen Bischöfe den Raum verlassen. Und in dieser Situation bin ich auf ihn zugegangen und habe ihm gesagt: Lass uns bitte keine Szene machen vor den 300 Leuten hier. Er soll bitte mit reinkommen, aber ohne sein Gewand. Und das hat er getan und dafür habe ich mich sehr bedankt bei ihm."

Grigorije Duric ist es wichtig, seine Version der Geschichte zu erzählen, da hier und dort verbreitet wurde, er habe sich in dieser Situation für die russische und gegen die Konstantinopler Seite entschieden. Er hält dagegen, jede Parteinahme würde die Situation nur verschlimmern.

Chancen für eine deutsch-orthodoxe Kirche?

In der Heilig-Sava-Kathedrale am Stadtrand von Düsseldorf, dem Amtssitz von Grigorije Duric, gibt es seit einiger Zeit jeden Samstagmorgen einen Gottesdienst ausschließlich auf Deutsch. Für das orthodoxe Christentum in Deutschland ist das fast eine Pionierleistung. Denn immer noch pflegen die orthodoxen Einzelkirchen in Deutschland vor allem ihre eigene Sprache und eigene Gruppenidentität. Sie stehen eher nebeneinander als zusammen - trotz der Zusammenarbeit in der OBKD.

Eigentlich darf es laut orthodoxem Kirchenrecht in jeder Stadt nur einen Bischof geben. Sieht Grigorije Duric langfristig Chancen für eine deutsch-orthodoxe Kirche? Auch wenn der Bischof sich für die deutsche Sprache im orthodoxen Christentum einsetzt – er ist skeptisch und sagt: Es gebe ja das Beispiel der USA, wo es eine amerikanisch-orthodoxe Kirche gebe. Fakt sei aber auch, dass es in den USA eben auch eine russisch-orthodoxe Kirche gebe. Und dann erzählt er eine Anekdote:

"Ich habe mal in Berlin gesprochen. Ich habe unter anderem in Griechenland studiert und spreche deshalb Griechisch. Und da habe ich am Ende gesagt, das ist eigentlich vollkommen unwichtig, ob wir Griechen sind, ob wir Deutsche sind, ob wir Serben sind, Hauptsache wir sind Christen. Da hab ich nicht unbedingt das Gefühl gehabt, dass da eine große Welle an Zustimmung auf mich zukam." Der Bischof lacht - und weiter: "Alle haben gesagt: Toll, dass Sie so gut Griechisch können. Aber keiner hat gesagt: Schön, dass du unser gemeinsames Christentum hervorgehoben hast. Manche Menschen wollen tatsächlich etwas Besonderes sein. Aber wenn sie ihre Besonderheit in etwas Größeres einbringen sollen, dann überfällt sie die Furcht."

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