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StartseiteDie neue PlatteLennys Loblied der Liebe25.03.2018

Serenade nach Platons "Symposion"Lennys Loblied der Liebe

Platons "Symposion" preist den Gott Eros. Die Lektüre dieser Schrift hat Leonard Bernstein zu seiner konzertanten Serenade für Violine und kleines Orchester inspiriert. Die Geiger Liza Ferschtman und Kolja Blacher schlagen in ihren Neueinspielungen ganz unterschiedliche interpretatorische Wege ein.

Am Mikrofon: Marcus Stäbler

Der amerikanische Künstler Leonard Bernstein, aufgenommen am 14. August 1985 (dpa / picture-alliance)
Der amerikanische Komponist, Dirigent und Pianist Leonard Bernstein (dpa / picture-alliance)

Musik: Leonard Bernstein, Serenade

"Was den Menschen, welcher sein Leben schön und würdig zubringen will, durch sein ganzes Leben leiten muss, das vermögen ihm weder Verwandtschaft, noch Ehrenstellen noch Reichtum, noch irgendetwas anderes in dem Maße zu gewähren wie die Liebe."

Die Liebe als Lebensziel - so lautet die zentrale Botschaft in einem Vortrag des antiken Philosophen Phaidros. Seine Rede eröffnet eine philosophische Tafelrunde zu Ehren des Eros, nacherzählt von Platon in seiner Schrift mit dem Titel "Symposion". Die Lektüre von Platons "Symposion", auf  Deutsch auch unter dem Namen "Das Gastmahl" bekannt, hat Leonard Bernstein zu seiner Serenade inspiriert. Das selten aufgeführte Stück von1954 für Solovioline, Streicher, Harfe und Schlagzeug ist in zwei sehr unterschiedlichen Aufnahmen auf Super Audio CD zu erleben. Mit der Geigerin Liza Ferschtman und Het Gelders Orkest in einer Konzerteinspielung des Labels Challenge Classics, und in einer bereits im vergangenen Jahr erschienenen Produktion mit Kolja Blacher und dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn.

Musik: Leonard Bernstein, Serenade

Leonard Bernsteins Serenade greift die Struktur der literarischen Vorlage auf. Wie in den Tafelreden über das Wesen des Eros entspinnt sich auch aus den musikalischen Gedanken ein Dialog, meistens angestoßen durch die Motive der Solovioline. Sie hat auch gleich das erste Wort. Bernstein beginnt sein fünfsätziges Werk mit einem Prolog der Geige, dessen Gedanken Streicher, Harfe und Schlagwerk später im Tutti fortführen. Schon hier in den ersten Takten treten die verschiedenen, geradezu gegensätzlichen Auffassungen der beiden Solisten deutlich zu Tage. Die niederländische Geigerin Liza Ferschtman beginnt die Serenade ganz weich. Sie spricht im zärtlichen Flüsterton über die Liebe, so wie es der Komponist mit der Vortragsbezeichnung "piano" und dem Hinweis "mezza voce", also "halbe Stimme" nahe legt.

Musik: Leonard Bernstein, Serenade

Bei Kolja Blacher klingt der Eingangsmonolog der Solovioline ganz anders. Er nimmt Bernsteins Hinweise weniger genau, und interpretiert die Vorschriften "Piano" und "mezza voce" mit relativ sattem Ton und stärkerem Vibrato als Liza Ferschtman.

Musik: Leonard Bernstein, Serenade

Liza Ferschtman und Kolja Blacher geigerisch auf Top-Niveau

Der Beginn der Serenade von Leonard Bernstein, mit Kolja Blacher und dem Kammerorchester Heilbronn, vom Solisten selbst geleitet. Technisch sind beide Geiger über jeden Zweifel erhaben und demonstrieren ihr instrumentales Top-Niveau. Blacher in einer Studioproduktion, Liza Ferschtman mit einem Live-Mitschnitt von zwei Konzert-Abenden im November 2017. Die musikalischen Auffassungen driften jedoch weit auseinander. Kolja Blacher interpretiert die Serenade als Konzertstück, Liza Ferschtman als intimen Dialog. Dass die niederländische Geigerin den Notentext sensibler liest und damit auch dem Stimmungsgehalt der Musik wahrscheinlich näher kommt als ihr deutscher Kollege, ist im vierten Satz besonders deutlich zu spüren. Dort bezieht sich Leonard Bernstein auf die Rede des Agathon, dem Gastgeber des Festmahls, der Eros als den Schönsten, Zartesten und Besten unter den Göttern preist. Bernstein spürt dem Geist der Rede Agathons mit einem verträumten Adagio nach. Die Violine singt dort eine schwärmerische, weit gespannte Melodie, gebettet auf eine wolkige Begleitung. Kolja Blacher spielt den Solopart mit dichtem Vibrato und leuchtendem Ton.

Musik: Leonard Bernstein, Serenade

Kolja Blacher und das Württembergische Kammerorchester Heilbronn mit dem vierten Satz aus Leonard Bernsteins Serenade. Das klingt verführerisch und sinnlich, aber auch eine Spur vordergründig, zumindest im direkten Vergleich mit der Konzertaufnahme von Liza Ferschtman. Sie nimmt den Solopart viel stärker zurück als Blacher und eröffnet ein breites Spektrum an Pianissimo-Nuancen. Ferschtman und ihre Kollegen vom Het Gelders Orkest unter Leitung von Christian Vásquez scheinen die Saiten in einem merklich langsameren Tempo eher zu streicheln als zu streichen. Dadurch wirkt die Musik viel inniger, wie eine auskomponierte Geste der Zärtlichkeit.

Musik: Leonard Bernstein, Serenade

Musik zwischen romantischer Schwärmerei und feuchtfröhlichem Trinkgelage

Eine musikalische Liebeserklärung an die Liebe. Liza Ferschtman und Het Gelders Orkest unter Leitung von Christian Vásquez mit dem Beginn des Adagio-Satzes aus Leonard Bernsteins Serenade. Der lyrische Charakter steht ganz klar im Vordergrund und prägt einen Großteil des Stücks. Doch das fünfsätzige Werk nach Platons "Gastmahl" hat auch andere Facetten und lockert die Schwärmerei immer wieder auf. Etwa mit den jazzigen Rhythmen im Finale, wo das Gastmahl in einem feuchtfröhlichen Trinkgelage kulminiert, aber auch im kurzen dritten Satz, der dem Auftritt des Redners Eryximachos gewidmet ist. Eryximachos, ein Arzt und Naturwissenschaftler, hebt seinen Forscherblick über die menschliche Liebe hinaus und lässt ihn auch in die Beziehungen der Pflanzen- und Tierwelt schweifen. Leonard Bernstein schlägt dort einen ganz anderen Ton an und komponiert ein rasches Scherzo, in dem sein Humor aufblitzt. Etwa in einzelnen hicksenden Akzenten: eine Anspielung auf den Vorredner von Eryximachos. Der kann nämlich wegen eines Schluckaufs nicht weiter sprechen und es scheint ganz so, als hätte dieser Schluckauf in der Musik seine Spuren hinterlassen. In diesem Satz klingt die Studioproduktion mit Kolja Blacher und dem Kammerorchester Heilbronn einen Tick prägnanter als die live entstandene Konkurrenzaufnahme.

Musik: Leonard Bernstein, Serenade

Der dritte Satz, Eryximachos, aus der Serenade von Leonard Bernstein, gespielt von Kolja Blacher und dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn. Die Aufnahmen von Kolja Blacher und Liza Ferschtman unterscheiden sich nicht allein durch ihren interpretatorischen Ansatz, sondern auch in der Repertoireauswahl. Blacher konfrontiert Bernstein mit dem ebenfalls eher selten aufgeführten C-Dur-Violinkonzert von Joseph Haydn. Dort formt der Geiger einen etwas schlankeren Ton, ohne seine eigene Handschrift jedoch grundsätzlich in Frage zu stellen. Mit den Erfahrungen der Historischen Aufführungspraxis im Hinterkopf, könnte man sich manches hier noch leichter und rhetorischer phrasiert vorstellen. Aber dafür betört Blacher mit seiner natürlichen Musikalität und einem wunderbar edlen und kantablen Klang. Gerade im langsamen Satz aus dem Haydn-Konzert, in dem die Geige ein imaginäres Ständchen singt, begleitet vom Pizzicato des Streichorchesters.

Musik: Joseph  Haydn, Violinkonzert C-Dur, Hob. Vlla: 1

Der Geiger Kolja Blacher und das Württembergische Kammerorchester, mit dem Adagio aus dem C-Dur-Violinkonzert von Joseph Haydn. Liza Ferschtman hat einen anderen Partner für Leonard Bernstein ausgewählt. Sie vereint dessen Serenade mit dem Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold aus dem Jahr 1945. Ein Stück, in dem der Komponist einige der schönsten Themen aus seinen Filmmusiken ausborgt und die weit ausgreifenden Linien zu einem spätromantischen Meisterwerk verzahnt. Liza Ferschtman kostet Korngolds Melodienzauber mit süßem Ton und voller Hingabe aus, wahrt dabei aber immer die Grenzen des guten Geschmacks, wie auch im langsamen Satz, einem Adagio, in dem Korngold das Liebesthema aus dem Film "Anthony Adverse" zitiert.

Musik: Erich Wolfgang Korngold, Violinkonzert, op. 35

Ein süffiges Schmachten und Schwelgen, im Adagio aus dem Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold. Hier zu erleben mit Liza Ferschtman und dem Prager Sinfonieorchester unter Jiří Malát. Die Konzertaufnahme mit Werken von Korngold und Bernstein ist als Super Audio CD beim Label Challenge Classics erschienen. Die Einspielung von Kolja Blacher und dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn ist eine Produktion von Coviello Classics.

Leonard Bernstein: Serenade after Plato's "Symposium"
Joseph Haydn: Violinkonzert C-Dur, Hob. Vlla: 1
Kolja Blacher, Violine und Leitung
Württembergisches Kammerorchester Heilbronn
Coviello SACD 91711

Leonard Bernstein: Serenade after Plato's "Symposium"
Erich Wolfgang Korngold: Violinkonzert, op. 35
Liza Ferschtman, Violine
Het Gelders Orkest, Leitung: Christian Vásquez
Prager Sinfonieorchester, Leitung: Jiří Malát
Challenge Classics SACD 72755

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