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StartseiteCorsoNoch kein deutsches Netflix16.08.2019

Serie "23 Morde" auf JoynNoch kein deutsches Netflix

Der deutsche Streaming-Dienst Joyn stellt zum Start die eigenproduzierte Serie "23 Morde" vor. Qualitativ ist das meilenweit weg von Netflix und Co. - aber das muss noch nichts heißen und beweist vor allem schlechtes Timing.

Von Julian Ignatowitsch

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Direkt aufs Handy: die Streaming-Plattform Joyn wird als Schriftzug auf einem Smartphone angeziegt (picture-alliance/dpa/Fabian Sommer)
Direkt aufs Handy: die Streaming-Plattform Joyn (picture-alliance/dpa/Fabian Sommer)
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Wenn der verurteilte Täter anscheinend doch nicht der Täter ist …

"Sie haben Susan Püschel nicht ermordet."

… und nur ein falsches Geständnis abgelegt hat, …

"Als Susan Püschel ermordet wurde, war Rapp am Grab seines Bruders, er hat also ein Alibi."

… dann müssen ein, zwei, drei, … vielleicht sogar alle scheinbar gelösten 23 Morde, neu aufgerollt werden.

"Aber warum sollte er einen Mord gestehen, den er nicht begangen hat. Wer macht denn sowas?"

Psychopath soll bei Ermittlungen helfen

Genau das soll das Ermittler-Duo Tara Schöll und Henry Kloss in der noch für Sat.1 produzierten Serie "23 Morde" herausfinden. Sie haben es dabei mit dem Psychopathen und verurteilten Täter Maximilian Rapp zu tun, …

"Hey, macht die Scheißlampe aus!"

… mit dem sie kurzerhand zusammenarbeiten. Der hypersensible Rapp soll bei den neu gestarteten Ermittlungen helfen.

"Schön, Sie alle wiederzusehen."
"Ja, leck' mich doch am Arsch!"
"Maximilian Rapp wird uns bei den Ermittlungen als Berater unterstützen."
"Was im Umkehrschluss nicht heißen soll, dass sie allesamt zu blöd sind."

Der Humor des extravaganten, mörderischen Gehilfen ist dabei noch das Beste, was die Serie bietet, die jetzt beim Streaminganbieter Joyn Premiere feiert.

"Wie wär’s mit einem Kaffee?"

Klamauk-Reality-Show

Überhaupt – so wie der Fall, die Ermittlungen, die Morde und Motive dargestellt werden, ist die Serie näher an einer Klamauk-Reality-Show als an einem seriösen Krimiformat.

"Was ist mit mir?"
"Sie haben jetzt Pause."
"Ich will aber mitkommen."
"Nee Rapp, ist nicht."
"Wieso denn nicht? Ohne mich wären wir gar nicht hier. Bestimmt nicht durch ihre Arbeit ihrer beschissenen SOKO, die waren ja sogar zu blöd für die aller banalste Erkenntnis, dass ich ein Alibi habe."
"Nein!"

Ein pubertär-neurotischer Psychopath im Look von Noel Gallagher, eine orientierungslose Chefermittlerin, die dadurch charakterisiert wird, dass sie mit ihrem Ermittler-Kollegen schläft, und eine SOKO, die sich - ja, man muss dem vermeintlichen Serienkiller recht geben - einfach blöd anstellt: Das sind die verunglückten Figuren einer Serie, deren Handlung noch verunglückter und total unglaubwürdig ist. Und dass man all das mit brutalen Ritual-Morden, unempathischen Dialogen und reißerischer Bildsprache aufzupeppen versucht, soll wohl die niederen Instinkte, den Voyeurismus der Zuschauer, ansprechen.

Nicht alles bei Joyn ist schlecht

Wieso die TV-Plattform Joyn gerade die Serie "23 Morde" als eines seiner ersten Exklusiv-Formate vorstellt, ob ein Psychopath die Antwort darauf weiß?

"Mensch, das ist Kunst."

Die Kunst des schlechten Timings. Zwei Jahre hat Sat.1 die Serie unter Verschluss gehalten, war intern - was man hört - selbst wenig begeistert davon, nur um sie jetzt für ihren kostenlosen Streaming-Dienst wieder herauszuholen. Besser schnell vergessen! Besser darüber wegscrollen!

Denn nicht alles an diesem deutschen Anbieter, der sich mit Netflix und Amazon messen will, ist schlecht. Da ist zum Beispiel die viel gelobte Serie "Jerks" mit Christian Ulmen und Fahri Yardim, frei abrufbar. Da ist der Serienklassiker "Grey's Anatomy", der schon immer eine Woche vor der TV-Ausstrahlung bereit steht. Da sind zum Winter angekündigte Serienformate wie "Check Check" mit Klaas Heufer-Umlauf oder "Frau Jordan stellt gleich" mit Katrin Bauerfeind, auf die man durchaus gespannt sein darf. Und da ist ein Livestream mit 55 Sendern, darunter auch die öffentlich-rechtlichen Programme von ARD und ZDF.

Insofern schafft Joyn das, was die Mediatheken und Apps der einzelnen TV-Sender nicht leisten können: Es bietet ein breitertes deutsches Fernsehangebot mit (mal mehr, mal weniger guten) Eigenproduktionen auf einer Plattform. Eine Art Light-Version von "Germany‘s Gold", der gestoppten gemeinsamen Mediathek der öffentlich-rechtlichen Sender und privaten Produzenten. Joyn ist außerdem bislang kostenlos - auch wenn davon auszugehen ist, dass die Exklusiv-Inhalte schon bald zahlungspflichtig sein dürften und nur den sogenannten Premium-Usern zur Verfügung stehen werden. Fast vier Millionen Nutzer hat der neue Streaming-Dienst nach nicht einmal zwei Monaten. Das ist beachtlich und durchaus eine Ansage an Netflix und Amazon.

Mit einer Serien wie "23 Morde" kann man sich mit den internationalen Riesen qualitativ aber sicher nicht messen. Es sind genau solche Produktionen, die zeigen werden, ob Joyn nur die Sammel-Mediathek und Resterampe der deutschen TV-Sender oder ein ernst zu nehmender Streaming-Anbieter, quasi ein deutsches Netflix, sein kann.

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